Oberschenkelknochen eines Zweibeiners

Das hat sich nun geändert: Ein Team um Nikolai Spassov vom bulgarischen Nationalmuseum für Naturgeschichte in Sofia hat in der Fundstätte Azmaka in Südbulgarien ein weiteres Fossil des Graecopithecus entdeckt – diesmal einen Oberschenkelknochen. Dieser ist ebenfalls rund 7,2 Millionen Jahre alt und stammt von einem nur etwa 24 Kilogramm schweren Individuum. Nach Angaben der Forschenden könnte es sich um ein leichteres, weil weibliches Exemplar des Graecopithecus handeln.

Damit liefert dieser fossile Oberschenkelknochen nun erstmals Informationen darüber, wie sich Graecopithecus fortbewegte – und ob er schon aufrecht laufen konnte. Tatsächlich fand das Team mehrere Merkmale, die dafürsprechen. Dazu gehören ein verlängerter und aufgerichteter Oberschenkelhals, spezielle Ansatzstellen für die Gesäßmuskulatur und eine besonders dicke äußeren Knochenschicht.
Oberschenkelknochen im VergleichOberschenkelhals von Graecopithecus aus Azmaka (a), von Australopithecuis afarensis (b) und von einem Schimpansen. © Spassov et al./ Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments, CC-by 4.0

Bindeglied zum Menschen

„Darin unterscheidet sich dieser Fund von allen bekannten nicht-vormenschlichen Hominiden“, schreiben Spassov und seine Kollegen. Der Azmaka-Oberschenkel vereint demnach Merkmale von frühen Menschenaffen mit solchen von zweibeinig laufenden Vormenschen. „Man könnte ihn durchaus als fehlendes Bindeglied bezeichnen“, sagt Koautor David Begun von der University of Toronto.

Schon vor sieben Millionen Jahren könnte es demnach einen aufrecht gehenden Vormenschen gegeben haben. Gestützt wird dies von rund sechs Millionen Jahre alten Vormenschen-Fußabdrücken, die 2017 auf Kreta entdeckt wurden. Zusammen mit den Graecopithecus-Funden legt dies nahe, dass sich der aufrechte Gang und erste Übergangsformen zum Menschen in Europa sogar früher entwickelten als in Afrika.

Vom Balkan nach Afrika

Doch wie passt dies in die Annahme einer afrikanischen Menschheitswiege? Und warum verschwanden diese frühen Vormenschen wieder aus Europa? Eine mögliche Erklärung liefert das Klima: „Wir wissen, dass vor acht bis sechs Millionen Jahren großräumige Klimaveränderungen im östlichen Mittelmeerraum und in Westasien wiederholt ausgedehnte Halbwüsten und Wüsten entstehen ließen“, erklärt Koautorin Madelaine Böhme von der Universität Tübingen. Graecopithecus und seine Zeitgenossen fanden dadurch nur noch wenig Nahrung.

Aus anderen Fossilfunden und stammesgeschichtlichen Studien ist bekannt, dass um diese Zeit viele größere Säugetiere diese Region Eurasiens verließen und über den Balkan und Kleinasien nach Afrika zogen. „Diese Entwicklung legte den Grundstein der heutigen Säugetierfauna afrikanischer Savannen“, sagt Böhme. Das legt nahe, dass auch Graecopithecus und seine Verwandten damals Europa verließen. In Afrika könnten sich diese „Auswanderer“ dann zu den afrikanischen Vormenschen weiterentwickelt haben.

Spassov und seine Kollegen wollen nun in Azmaka und anderen Fundstätten auf dem Balkan nach weiteren Fossilien Graecopithecus suchen. Dadurch hoffen sie, auch mehr über die Ökologie und Evolution dieses möglichen Menschenvorfahren zu erfahren. (Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments, 2026; doi: 10.1007/s12549-025-00691-0)

Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen







5. März 2026

– Nadja Podbregar