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Steigende Inflationserwartungen treiben in Europa die Zinsen
Der Franken verteuert sich um 2,5% gegenüber dem Euro seit Jahresanfang.
Publiziert heute um 05:00 Uhr
Illustration: Marco Tancredi
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Mit den steigenden Öl- und Gaspreisen in dieser Woche werden Erinnerungen an den Inflationsschub von 2021 bis 2023 wach. Dieser hatte neben den Lieferkettenunterbrechungen während der Pandemie seinen Ursprung auch in steigenden Energiepreisen. Zu beachten ist jedoch, dass der damalige Inflationsschub im Kern eine Profitinflation war. Dabei sicherten sich die Unternehmen im Schnitt «nur» ihre Gewinnmargen, indem sie ihr ursprüngliches Preisverhalten beibehielten: Sie hielten an den üblichen Gewinnaufschlägen auf die Kosten fest, wie sie vor der Phase steigender Energiekosten üblich waren.
Deswegen ist der populistische Vorwurf der «Gierflation» auch heute noch unangebracht. Gleichwohl war es eine Profitinflation, die – im Unterschied zur Lohninflation der 1970er-Jahre – nicht von Zweitrundeneffekten auf der Arbeitnehmerseite ausging. Getragen wurde sie wesentlich durch die Coronaersparnisse, die nun weitgehend aufgebraucht sind. Deshalb dürfte die Wahrscheinlichkeit einer profitgetriebenen Preisspirale bei einem längeren Nahostkrieg diesmal eher gering sein. Das bedeutet jedoch, dass die Inflation immer noch deutlich anziehen dürfte, wenn der Ölpreis weiterhin zwischen 80 und 90 $ notiert. Ökonomen rechnen dann mit einem Anstieg der Inflation im Euroraum auf rund 3% in diesem Jahr. Zuletzt lag sie bei 1,9% im Rahmen der Erwartungen der Eurowährungshüter.
Die steigenden Inflationserwartungen der Marktteilnehmer erklären denn auch einen grossen Teil des Zinsanstiegs, der diese Woche weltweit zu beobachten war: Anleger stiessen seit Montag trotz der gestiegenen Unsicherheit wegen des Krieges Staatsanleihen ab. Dadurch stiegen die laufenden Renditen, die Investoren für das Halten der Papiere bis zur Fälligkeit verlangen, deutlich an. Der Zinsrückgang seit Mitte der vergangenen Woche, den die Veröffentlichung der Nvidia-Zahlen ausgelöst hatte, wurde damit mehr als ausgeglichen. Am Mittwoch beruhigte sich der Zinsanstieg jedoch etwas.
Zehnjährige US-Staatsanleihen rentierten zur Wochenmitte mit 4,08%, gerade einmal 0,02 Prozentpunkte mehr als eine Woche zuvor. Bei deutschen Bundesanleihen waren es mit 2,75% bereits 0,04 Prozentpunkte mehr. Schweizer «Eidgenossen» notierten bei 0,28%, was 0,06 Prozentpunkte mehr war als eine Woche zuvor. Auffallend war bei den deutschen Staatspapieren, dass die zweijährigen Renditen mit 0,09 Prozentpunkten deutlich stärker stiegen als die zehnjährigen.
Ein Blick auf die als risikofrei geltenden Tagesswapsätze (OIS) verrät, was der wichtigste Treiber bei den kurzfristigen Zinsen im Euroraum war. Die vorweggenommene Inflationsprämie für die nächsten zwei Jahre stieg seit Freitag um 0,25 Prozentpunkte deutlich. Der sich daraus ergebende zweijährige Realzins sank um mehr als 0,1 Prozentpunkte, sodass er seit Dienstag wieder minimal negativ ist. Im Gegenzug stieg die Zweijahresrendite Deutschlands um rund 0,05 Prozentpunkte weniger als der entsprechende Swapsatz.
Marktbeobachter verweisen darauf, dass die Bewegungen der kurzfristigen Zinsen – auch bei den Leitzinserwartungen – etwas übertrieben sein könnten. Anleger suchen offenbar noch nach einem neuen Gleichgewicht, das die Inflationsrisiken realistisch bewertet. Die Saron-Swapsätze für die Schweiz zeigen bislang nur wenig Bewegung in den Leitzinserwartungen. Bis Ende des Jahres hat sich die Tendenz zu Negativzinsen nur leicht entspannt. Seit Anfang des Jahres hat der Franken jedoch bereits 2,5% gegenüber dem Euro aufgewertet – Rekord für 2026.
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Einloggen André Kühnlenz ist Redaktor im Märkteteam, er schreibt über Anleihenmärkte, Notenbanken und andere Makrofinanzthemen. Mehr Infos @KeineWunder
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