1972. Nur etwas mehr als einen Monat, nachdem Deep Purple mit „Machine Head“ und einem gewissen „Smoke On The Water“ Rockgeschichte geschrieben hatten, veröffentlichten die Rolling Stones „Exile On Main St.“. Zwei Alben, die heute in jeder halbwegs ernst gemeinten Liste der größten Rockplatten aller Zeiten auftauchen.
54 Jahre später.
Wieder veröffentlichen Deep Purple und die Rolling Stones innerhalb weniger Wochen neue Alben. „SPLAT!“ hier (zu unserer Review), „Foreign Tongues“ da.
Und das eigentlich Verrückte daran ist nicht, dass beide Bands überhaupt noch existieren.
Sondern wie verdammt gut sie immer noch sind.
Dabei hätte die Geschichte der Rolling Stones längst vorbei sein können. Brian Jones‘ Tod 1969. Drogenexzesse. Jahrzehntelange Gerüchte über das schwierige Verhältnis von Mick Jagger und Keith Richards. Und zuletzt der Tod von Charlie Watts.
Als der Schlagzeuger 2021 starb, wirkte das zum ersten Mal nicht wie eine weitere Krise, die diese unzerstörbar wirkende Band schon irgendwie überstehen würde. Ohne Watts? Kaum vorstellbar. Schließlich hielt der stoische Drummer die Rolling Stones über die Dekaden hinweg musikalisch wie menschlich zusammen.
Umso überraschender kam zwei Jahre später „Hackney Diamonds“. Statt einer routinierten Abschiedsplatte veröffentlichten die Stones eines ihrer stärksten Alben seit Jahrzehnten. Mit großer Spielfreude, noch größeren Hooks und einer Energie, die man von den betagten Briten, die ihre letzte reguläre Platte 2005 veröffentlicht hatten, so eigentlich nicht mehr erwarten konnte.
Hätten Jagger, Richards und Wood danach gesagt: „That’s it. We’re done.“ Niemand hätte es ihnen übelnehmen können.
Dass sie trotzdem weitermachten, war aber die bessere Entscheidung.
Denn „Foreign Tongues“ knüpft nicht einfach an „Hackney Diamonds“ an. Es geht noch einen Schritt weiter.
Mehr Stones als auf „Foreign Tongues“ geht nicht
„Hackney Diamonds“ war das große Comeback. Produzent Andrew Watt (Ozzy, Lady Gaga) orchestrierte den ersten Longplayer nach Charlie Watts‘ Tod mit jeder Menge Pomp, prominenten Gästen und stadiontauglichen Refrains. Auf „Foreign Tongues“ schlägt das Gespann Watt/Stones einen anderen Weg ein. Weniger Event. Weniger Spektakel. Die Rolling Stones dürfen einfach die Rolling Stones sein.
Die Gitarren rücken dabei wieder stärker in den Mittelpunkt und vieles klingt, als hätte die Band tatsächlich gemeinsam in einem Raum gestanden und einfach drauflos gespielt. Und genau darin liegt eine der größten Stärken der Platte: „Foreign Tongues“ versucht zu keinem Zeitpunkt, den Stones einen neuen Sound aufzuzwingen. Stattdessen machen Jagger, Richards und Wood einen gutgelaunten Streifzug durch ihre eigene Geschichte.
… welches Jahr haben wir nochmal?
„Rough And Twisted“ eröffnet das Album, als hätte es die 54 Jahre zwischen „Exile On Main St.“ und „Foreign Tongues“ nicht gegeben. Schmutzige Keith-Richards-Riffs, Mundharmonika, Honky-Tonk-Piano und Saxofon – die Stones der frühen 70er destilliert auf viereinhalb Minuten.
Aber schon „In The Stars“ schlägt einen völlig anderen Weg ein. Das Riff trägt zunächst unverkennbar Richards‘ bluesige Handschrift, dann wächst der Song aber schnell zu einer hymnischen Stadion-Nummer heran, wie sie die Stones Ende der 80er und in den 90ern am für die größten Bühnen der Welt schrieben.
Und dann kommt der ganz große Auftritt von Mick Jagger.
Mick Jagger: The Sexiest 82-Year-Old On Earth
Wie viel Sexappeal darf ein 82-Jähriger eigentlich haben? Spätestens nach „Jealous Lover“ steht diese Frage offensichtlich im Raum. Jagger performt die an „Emotional Rescue“ erinnernde Soul-Nummer mit einer Lässigkeit und Selbstverständlichkeit im Falsett, wie nur er es kann. Da bleibt keine Hose trocken.
Das Highlight unter den vier Vorabsingles folgt aber erst mit „Divine Intervention“. Federleicht tänzelt der Song mit Bläsern und Piano durch einen beschwingten Boogie-Rhythmus, während Robert Smith (The Cure) vorsichtige Gitarrenakzente beisteuert und Jagger apokalyptische Bilder von Milliardären, Weltuntergang und gesellschaftlichem Zerfall zeichnet.
Spaziergang durch sechs Jahrzehnte
„Mr. Charm“ springt mit seinem herrlich eingängigen 80s-Pop–Rock direkt in die bunte MTV-Ära, irgendwo zwischen Stones, Huey Lewis And The News und The B-52’s. Kurz darauf huldigt die astreine Country-Nummer „Ringing Hollow“ die Americana-Wurzeln der Band und erinnert so zum Beispiel an „Let It Bleed“.
„Never Wanna Lose You?“ pumpt sich mit einer groovigen Disco-Bassline pulsierend in Richtung „Miss You“ und KISS‚ „Dynasty“.
Dann: Erneuter Richtungswechsel mit „Hit Me In The Head“. Jagger hatte den Song im Vorfeld als „real fast punk rocker“ angekündigt – und liefert. Schnell, rifflastig und erstaunlich ruppig beschwören die Stones noch einmal den Geist der späten 70er.
Gleichzeitig bekommt der Titel eine zusätzliche emotionale Ebene: Ausgerechnet auf dem aggressivsten Song des Albums sitzt Charlie Watts, die Ruhe in Person, ein letztes Mal hinter dem Schlagzeug.
Is this how the story will end?
Nach diesem Energieausbruch nehmen die Stones das Tempo bewusst wieder heraus. Das soulige „You Know I’m No Good“ gehört mit Jaggers leidenschaftlichem Gesang und der flimmernden Hammond-Orgel zu den schönsten Momenten der Platte. Kurz darauf übernimmt Keith Richards auf „Some Of Us“ selbst das Mikrofon und beschwört vernebelte Bilder von dunklen Kneipen, staubigen Highways und leeren Whiskyflaschen.
Wie auch schon bei „Hackney Diamonds“ lässt Paul McCartney sich einen Gastauftritt nicht nehmen. Auf „Covered In You“ greift der Ex-Beatle zum Bass und veredelt die ohnehin schon erstklassige Midtempo-Nummer, die zudem noch eine der stärksten Hooks des Albums mitbringt.
Auch „Side Effects“ hält das hohe Niveau mühelos, bevor „Back In Your Life“ den perfekten Schlusspunkt setzt. Akustikgitarre, bluesige E-Gitarre und einer der schönsten Refrains der Platte machen den Song zu einer klassischen Stones-Ballade. Dann ruft Jagger plötzlich: „Come on, Ronnie!“ Und Ronnie Wood antwortet mit dem mitreißendsten Gitarrensolo des Albums – inspiriert vom Tod seiner Freunde Brian Wilson und Sly Stone.
War das der Schlusspunkt unter die lange Karriere der Rolling Stones?
Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht.
Es wäre definitiv ein großartiger Schlusspunkt. Einfach ein rundes Ding. Aber wenn Jagger, Richards und Wood noch Kraft und Lust haben weiterzumachen, gibt es nach dieser Platte eigentlich nur eine vernünftige Antwort:
Bitte. Macht. Weiter.