„Iranische Geheimdienstoperationen haben Österreichs Sicherheit vor allem in den 1980er-Jahren direkt betroffen. Sollte der Iran-Krieg weiter eskalieren, könnte es zu ähnlichen Entwicklungen kommen“, sagt der Geheimdienst-Experte und Historiker Thomas Riegler zur „Presse“. Die Präsenz iranischer Agenten ist in Österreich hoch: Von Wien aus koordinieren sie europaweit ihre Operationen.
Zudem üben die Iraner über schiitische Kulturzentren Einfluss aus: So wie über das Imam Ali Zentrum, das eng mit der iranischen Botschaft in Wien verbunden ist. Am Mittwochabend wurde vor dem Zentrum in Floridsdorf eine Gedenkfeier für den getöteten iranischen Religionsführer Ali Khamenei abgehalten. Anhänger und Unterstützer Khameneis gerieten aneinander und prügelten sich mit Holzlatten und Stöcken. Laut Polizeiangaben wurden neun Personen verletzt. Der Vorfall zeigt, welch Konfliktpotenzial die derzeitige Eskalation im Iran auch in Österreich bietet.
Wien stehe aufgrund der Dichte an internationalen Organisationen laufend im Fokus der iranischen Dienste, sagt Riegler.: „Hier wurde in den letzten Jahren oft über das iranische Atomprogramm verhandelt.“ Auch sei Wien „aufgrund seiner zentralen Lage ein Drehkreuz in alle Richtungen“: „Man weiß, dass in Wien stationierte Agenten in ganz Europa operativ tätig werden.“ Dabei greifen sie auf ein Netzwerk an angeworbenen Stellvertretern wie Kriminelle oder Personen aus der iranischen Diaspora zurück.
„Die iranische Botschaft in Wien soll nach jener in Paris die zweitgrößte in Europa sein“, sagt Riegler. Laut Außenministerium sind elf Diplomaten bilateral in Wien akkreditiert, dazu kommen zwei administrativ-technische Hilfskräfte, heißt es zur „Presse“. Zwölf iranische Diplomaten sind für die internationalen Organisationen in Wien akkreditiert, zusätzlich noch weitere zwei Helfer. Im Verfassungsschutzbericht 2024 wurde davor gewarnt, dass der Iran den Diplomatenstatus nutze, um seine Nachrichtendienstoffiziere zu tarnen. In Sicherheitskreisen geht man aber davon aus, dass auch weiteres iranisches Personal in Wien ohne Diplomatenstatus tätig ist.
Bekannt ist der Fall eines Diplomaten in Wien, der für das iranische Nachrichtendienst-Ministerium arbeitete. Er steuerte als Stationsleiter laut der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) ein Agentennetzwerk in Europa und plante einen Bombenanschlag auf iranische Oppositionelle in einem Pariser Vorort. 2018 wurde er ertappt, wie er in Luxemburg die Bombe übergab. „Die Bombe soll laut Medienberichten zuvor in diplomatischem Gepäck von Teheran nach Wien gebracht worden sein“, so Riegler. Der Fall habe die „Bedeutung der iranischen Botschaft in Wien als Schaltstelle iranischer Geheimdienstaktivitäten in Europa“ unterstrichen, heißt es im Verfassungsschutzbericht.
Während dieser Anschlag scheiterte, waren die Iraner in der Vergangenheit mit Attentaten auch in Wien erfolgreich, führt Riegler aus. So wurde 1987 ein iranischer Exilpolitiker von Straßburg nach Wien gelockt und erschossen. 1989 wurden kurdische Politiker ebenfalls zu Scheingesprächen nach Wien gelockt und ermordet: Die Straftaten wurden später die „Kurdenmorde“ genannt.
Die Diaspora ausspionieren und Regimegegner in Europa zu verfolgen, sei seit Jahrzehnten eines der Hauptziele der in Österreich stationierten Agenten des Iran, sagt Riegler. Er geht davon aus, dass diese Aufgabe aufgrund des Iran-Kriegs derzeit besonders im Fokus steht. Auf „Presse“-Anfrage heißt es aus der DSN, dass man die Lage aufgrund der großen iranischen Community in Österreich „genau beobachtet“. Irans Dienste würden in Österreich „Oppositionelle, Medien, Menschenrechtsorganisationen und Minderheiten beobachten, um diese gegebenenfalls zu unterdrücken oder für ihre Zwecke zu instrumentalisieren“. Dabei würden sie auf „Ausspähung, digitale Attacken, Drohungen gegen Familienangehörige im Heimatland und Verleumdungskampagnen“ zurückgreifen.
Interessiert sind die Iraner auch an der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO). „Weil iranische Atomwissenschaftler bei Konferenzen der IAEO auftreten, zählt diese zu den besonderen Aufklärungszielen des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad“, sagt Riegler. „Es ist eine heikle Aufgabe für den Iran, seine Wissenschaftler vor Anwerbungsversuchen abzuschirmen.“ Der Iran habe nach eigenen Angaben 2025 einen Wissenschaftler hingerichtet, weil dieser angeblich für den Mossad spionierte, sagt Riegler. Dem Mann wurde vom Iran vorgeworfen, er habe sich in Wien vier Mal mit israelischen Führungsoffizieren in Wien getroffen und über Fortschritte in der Nuklearanlage, für die er arbeitete, berichtet.
Zuletzt dürfe nicht die „Soft Power“ unterschätzt werden, welche der Iran über die mit ihm verbundenen schiitischen Zentren, darunter auch in Wien, ausübe, sagt Riegler. Die Dokumentationsstelle Politischer Islam verwies in einem Bericht auf die Verbindungen zwischen dem Imam Ali Zentrum, vor dem sich nun die Massenschlägerei ereignete, und der iranischen Botschaft: Über das Zentrum werde Regimepropaganda verbreitet. In Sicherheitskreisen wird die wichtige Rolle des Zentrums in Irans Spionagegefüge bestätigt. Zu hören ist, dass eines der Ziele der Iraner sei, politisch linke Kreise zu unterwandern und zu instrumentalisieren.