Gerade hat Arye Sharuz Shalicar in dem Video-Interview aus Tel Aviv mit österreichischen Journalisten davon gesprochen, dass der Iran Mittwoch nur noch 20 Raketen auf Israel abgefeuert habe. Ein paar Minuten später bemerkt der Politologe und Autor, ein Israeli mit iranischen Wurzeln, scheinbar seelenruhig, dass soeben eine Vorwarnung vor einem Luftalarm auf seinem Handy eingegangen sei und dass er demnächst wohl kurz verschwinden werde. Als ehemaliger Militärsprecher hat Shalicar inzwischen Routine darin, sich rasch in Sicherheit zu bringen.

Der Bildschirm bleibt für fünf Minuten dunkel, ehe der 48-Jährige wieder auftaucht, als wäre nichts geschehen – wie zur Bestätigung seiner Aussage, wonach „das israelische Sicherheitssystem funktioniert“. Mittlerweile seien die Vereinigten Arabischen Emirate, etwa Abu Dhabi und Dubai, stärker unter Beschuss der iranischen Raketen und Drohnen geraten.

Wie schätzt der Reservist der israelischen Armee mit seinem Insider-Wissen die aktuelle Lage im Iran-Krieg ein? Vor acht Monaten, während des Zwölftagekriegs im Juni, hatte er in einem Video-Interview das Fazit gezogen: „Das ist der größte Erfolg für Israel seit dem Sechstagekrieg 1967“. Er beschrieb die Perspektive für einen neuen Nahen Osten“ und „eine neue Realität für den Iran“ – und er prophezeite einen „Todesstoß für das Regime“.

 Caio Kauffmann

„Das war nur das Vorspiel. Eine Aufwärmrunde. Es war klar, dass es früher oder später wieder knallen würde“, sagt er heute. In seine Hoffnung mischt sich ein Sinn für die politische Realität. „Man darf das iranische Regime nicht unterschätzen“, warnt er angesichts einer „Mullahkratie“, die sich seit 47 Jahren an der Macht hält. Doch er sieht eine einmalige Chance für den Sturz der Islamischen Republik. „Jetzt oder nie: Das ist eine historische Stunde. Wir sind entschiedener und entschlossener in den Ring gestiegen. Das iranische Regime kämpft ums Überleben.“

Für Arye Shalicar ist es auch eine persönliche Mission. Er ist als Sohn iranischer Eltern in Deutschland aufgewachsen, eingebettet in persischer Kultur und persischen Traditionen, ehe er als Student nach Israel emigriert ist. Er hat die iranische Geschichte und die Sprache gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen. „Von klein auf habe ich von der Revolution geträumt.“ Von einer Konterrevolution gegen die Revolution des schiitischen Gottesstaats. „Wir haben Verwandte ersten Grades im Iran, und ich möchte das Land einmal besuchen. Mein Karriereziel ist es, einmal erster israelischer Botschafter im Iran zu werden.“

Ob es tatsächlich zu einem Regimewechsel in Teheran kommen wird? „Ich wünsche mir nichts inniger als eine Befreiung des Iran.“ Die Mullah-Republik sei nicht nur eine „existenzielle Bedrohung für Israel, sondern eine Gefahr für die gesamte Region“. „Der Iran ist der Kopf der Schlange.“ Nicht nur der Iran selbst sei massiv geschwächt, sondern auch die Verbündeten wie Hamas und Hisbollah. „Für den Staat Israel war der 7. Oktober 2023 der Tiefpunkt in seiner Geschichte. In der Zwischenzeit hat sich das Blatt aber gewendet: Der Iran ist der Bösewicht in der Region.“

Schulter an Schulter, mithin „im Gleichschritt“ und mit einer klaren Aufgabenteilung seien die USA und Israel nach wochen- und monatelanger Planung in den Krieg gegen den gemeinsamen Feind gezogen. „Wir werden noch mehr Druck ausüben.“ Mit ihren Angriffen gegen die militärische Infrastruktur und den Unterdrückungsapparat, gegen die Revolutionsgarden, die Polizei und die Basidsch-Milizen würden die Luftangriffe das „Tor“ öffnen für einen Aufstand des iranischen Volks.

„Nicht einmal Trump“ wisse, so Shalicar, wie lange der Krieg dauern werde. Zwei Wochen, vier Wochen? Israel, so die Einschätzung von Experten, werde womöglich länger durchhalten als die Trump-Regierung. Nicht zuletzt, da Premier Benjamin Netanjahu sich von einem Sieg und einem Ende des Regimes den Kriegsherrn-Lorbeer für die Wahl heuer in Israel verspricht.

Als Politologe rechnet Shalicar damit, dass die Minderheiten – Kurden, Belutschen, Aseris oder Araber machen fast 50 Prozent der Bevölkerung aus – das Regime von der Macht vertreiben könnten. „Der Unmut ist weit verbreitet.“

Die Chancen für Oppositionsführer Reza Pahlavi schätze er dagegen pessimistischer ein. „Ich kenne ihn, ich mag ihn, er ist ein Patriot durch und durch.“ Der Schah-Sohn suchte offensiv die Unterstützung der Regierung in Jerusalem und des Mossad. Doch die Vergangenheit der Schah-Ära, so Iran-Kenner Shalicar, lebe im Land weiter. „Pahlavi ist bei den Exil-Iranern beliebter als in seiner alten Heimat.“ Er zweifle daran, dass die Iraner ihm wie einst Ayatollah Khomeini auf dem Flughafen in Teheran nach der Rückkehr aus dem Exil den roten Teppich ausrollen und ihn frenetisch empfangen würden. „Ich glaube nicht, dass er der Mann der Stunde ist.“

Viele potenzielle Kandidaten für die Führung einer Übergangsregierung seien gestorben, sagt Arye Shalicar. Was tun, wenn das Regime trotz der massiven Angriffe überlebt, mit neuen Gesichtern, aber alter Ideologie? Der Ex-Militärsprecher kehrt den Pragmatiker heraus: „Israel könnte damit leben. Aber der Iran müsste das Atomprogramm aufgeben, er müsste das Arsenal an ballistischen Raketen minimieren und die Hilfe für die Verbündeten einstellen.“ Es sind die „roten Linien“, die Netanjahu vor den Verhandlungen mit den US-Unterhändlern Steven Witkoff und Jared Kushner formuliert hat.

In neuen Verhandlungen sieht Shalicar indessen keinen Sinn. „Wir haben null Vertrauen in die Vertreter des Regimes. Sie spielen doch nur auf Zeit.“