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Seite 1Er scheiterte, also hatte er recht
Seite 2Als die Welt über seinen Kniff im WM-Finale staunte
Didier Deschamps schaffte, was vor ihm nur zwei anderen Männern gelang: Wie Franz Beckenbauer und der Brasilianer Mário Zagallo wurde der Franzose Weltmeister als Spieler und als Trainer. Nur einen dieser beiden Titel zu erringen, ist schwer genug. Ihm gelang beides.
2022 trennte ihn ein Schuss von seinem dritten WM-Titel, dieses Mal war es nur ein Sieg und Deschamps wäre zum vierten Mal in das Stadion eines WM-Finales eingelaufen. Stattdessen wird er heute in Miami sein, beim Spiel um Platz drei gegen England (23 Uhr, MagentaTV). Danach wird er seine Karriere als Nationaltrainer Frankreichs beenden. Es soll das letzte Spiel eines der ganz Großen im Fußball werden.
Doch da ist noch etwas. Wären mit dieser Generation französischer Spieler nicht noch mehr Titel zu gewinnen gewesen? Verhinderte Deschamps jahrelang mit seinem Defensivfußball ein noch erfolgreicheres Frankreich? Und hätte er sich im vergangenen Jahr nicht radikal umentschieden, wäre Frankreich dann nicht wieder im WM-Finale? Hätte, wäre, wenn: Trotz seiner Erfolge begleitet auch der Konjunktiv seine Karriere.
Der »Wasserträger«
Schon als Spieler wurde Deschamps für seinen Fokus auf Defensive
und Organisation kritisiert. Sein Teamkollege Éric Cantona beschrieb den defensiven
Mittelfeldspieler Deschamps mal als »Wasserträger«. Er
sei gut genug, um dem Gegner die Bälle abzunehmen. Aber müsse sie dann zu
besseren Spielern wie Zinédine Zidane oder eben ihm, Cantona, nach
vorne spielen.
Was Cantona dabei unterschlug: Ohne Deschamps hätte es keine Bälle gegeben, mit denen die Franzosen sich zum Welt- und Europameister hätten schießen können. Deschamps gelang noch etwas, das nur zwei anderen Männern gelang: Er wurde als Kapitän Welt- und Europameister und gewann zweimal die Champions League. Zwischen 1989 und 2001 gewann er als Spieler zwölf Titel. Wer so oft dabei ist, wenn Pokale übergeben werden, kann nicht nur Mitläufer sein.
Man reiche ihm das Wasser: Éric Cantona schaut seinem davonstürmenden Wasserträger Didier Deschamps hinterher. © Partick Hertzog/AFP/Getty Images
Seine Trainerlaufbahn startete er in Monaco. Den Außenseiter entwickelte er drei Jahre lang zu einem Spitzenteam, das auf dem Weg in das Champions-League-Finale 2004 Real Madrid und Chelsea besiegte. Und scheiterte dort ausgerechnet an dem Trainer, der Defensivfußball und hohen Organisationsgrad später auf die Spitze treiben sollte: José Mourinhos FC Porto triumphierte über Deschamps Monaco mit 3:0. Dann trainierte er Marseille und Turin, doch seine wahre Aufgabe trat er 2012 an.
Kollektiv über Individuum
Als Deschamps die französische Nationalmannschaft übernahm, steckte der französische Fußball in einer tiefen Krise. Er übernahm ein dysfunktionales Einzelkämpferteam. Zwei Jahre zuvor hatten einige von ihnen noch während der WM 2010 ein Training boykottiert, nachdem sich Trainer Raymond Domenech mit Nicolas Anelka überworfen hatte. Deschamps führte zuerst Regeln ein: Keine Handys bei Besprechungen, Unpünktlichkeit wurde bestraft. Und er stellte das Kollektiv über das Individuum. Es sollte sein Leitmotiv werden.
© unsplash.com
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Was vor allem Samir Nasri, damals ein Schlüsselspieler bei Manchester City, zu spüren bekam. Deschamps nominierte den Offensivstar nicht, weil er Nasri Disziplinlosigkeit und einen schlechten Einfluss auf die Teamatmosphäre attestierte. Er baute das Team fortan um jüngere Spieler auf, wie Paul Pogba, Antoine Griezmann und Raphaël Varane. Später förderte er die jungen Talente Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé. Dass bei ihm stets die Teamchemie über dem Einzelnen steht, bewies er auch bei der Heim-EM 2016. Er verzichtete auf Karim Benzema, einen der besten Mittelstürmer seiner Zeit. Doch Real Madrids Superstar war in einen Skandal verwickelt: Sein Teamkollege Mathieu Valbuena wurde mit einem Sextape erpresst, Benzema soll versucht haben, ihn zum Zahlen zu bringen. Auch 2018 nahm Deschamps Benzema nicht mit zur WM, 2022 verletzte sich Benzema kurz vor der WM.