Mitte Juni ist etwas passiert, was viele niemals für möglich gehalten hätten. Über Nacht war Anthropics gerade erst veröffentlichtes Spitzenmodell Fable 5 verschwunden. Ein Exportkontroll-Erlass der US-Regierung untersagte vorübergehend den Zugang für ausländische Staatsangehörige weltweit. Darunter waren auch Mitarbeitende von Anthropic selbst. Weil sich der Status einzelner Nutzer:innen nicht in Echtzeit zuverlässig prüfen ließ, sperrte Anthropic den Zugang kurzerhand für alle, auch für User:innen in den USA.

Gut zwei Wochen später war das Modell auf einmal wieder da. Ganz still und heimlich, als wäre nie etwas gewesen. Anthropic trifft daran wenig Schuld. Das Unternehmen hat lediglich eine behördliche Anordnung befolgt, die es sich nicht ausgesucht hat. Und genau deshalb ist der Vorgang so lehrreich, denn er zeigt, wie es um unsere digitale Abhängigkeit in Europa steht. Fakt ist, dass der Zugang zu Spitzentechnologie aus den USA vom Handeln der Trump-Regierung abhängt.

Wer bewusst entscheidet, gewinnt Spielraum

In der deutschen Unternehmenswelt verheddern sich Unternehmen oftmals tief im Ökosystem eines einzigen US-Anbieters, von der Bürosoftware über die Cloud bis zur Prozessautomatisierung. Und jetzt setzen viele auch noch den KI-Assistenten desselben Hauses obendrauf und schaffen damit weitere Abhängigkeiten. Und genau hier sind wir im Kern der Debatte angekommen und müssen darüber sprechen, warum solche Entscheidungen getroffen werden. Vordergründig deshalb, weil die großen US-Anbieter neue Funktionen häufig als Erste liefern. Auch wenn das oft keine bahnbrechenden Neuerungen sind, entsteht so etwas wie FOMO.

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Schwerer wiegt aus meiner Sicht aber die Angst der Entscheider:innen, überhaupt etwas außerhalb des Mainstreams zu kaufen. Wer kauft, was alle kaufen, ist zumindest auf der sicheren Seite. Geht alles gut, hat man die richtige Entscheidung getroffen. Und geht etwas schief, von Datenlecks bis zur Nichtverfügbarkeit, kann man immerhin sagen, man habe sich am Standard orientiert.

Aber genau hier liegt der Hebel für mehr digitalen Spielraum, Sicherheit und damit Unabhängigkeit in Organisationen. Denn was hilft, ist Diversifizierung. Viele Partner auf Augenhöhe statt einer erdrückenden Abhängigkeit von einem Anbieter. Das ist auf den ersten Blick vielleicht unbequemer, sorgt aber dafür, dass das eigene Geschäft dauerhaft funktionsfähig bleibt.

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Bei uns heißt das ganz praktisch, dass wir unsere KI-Infrastruktur in einer europäischen Cloud aufbauen, eines unserer Produkte in einer französischen Cloud betreiben und unsere Backups bewusst in eine andere Cloud legen als die produktiven Systeme. So bleiben wir handlungsfähig. Wenn ein Anbieter die Preise anzieht oder die Bedingungen ändert, will ich sorgenfrei umziehen können und nicht erst Monate damit verbringen, herauszufinden, ob das überhaupt möglich ist.

Nicht sorglos, sondern sorgenfrei agieren

Es geht in meinen Augen um Sorgenfreiheit, die aus bewussten Entscheidungen in Organisationen entsteht. Es geht darum, sich mit sinnvollen Alternativen zu beschäftigen, auf die man im Zweifel zurückgreifen kann, um mehr Selbstbestimmtheit im Umgang mit Technologie zu erlangen. Vielleicht war der Ausfall im Juni also Fluch und Segen zugleich, sprich ein verspätetes Geschenk.

Und letztlich geht es vielleicht auch um so etwas wie Mut. Denn den braucht es, um Entscheidungen zu treffen, die nicht dem Mainstream folgen. 
Für viele könnte gerade die Erfahrung, das begehrteste Modell einmal nicht zu bekommen, der Anstoß sein, der lange gefehlt hat. Denn am Ende entscheidet nicht das schönste Feature, sondern die Handlungsfähigkeit, die uns bleibt, wenn ein anderer den Schalter umlegt.

Dr. Volker Oshege

Dr. Volker Oshege ist seit 2020 Vorstand der viadee Unternehmensberatung AG und verantwortet dort die Bereiche Vertrieb und Marktentwicklung. Die viadee ist eine unabhängige IT-Unternehmensberatung mit Standorten in Münster, Köln, Dortmund und Hannover.