GLP-1-Wirkstoffe scheinen das Verlangen nach Drogen generell zu dämpfen – unabhängig von der Art der Droge. © Sara Moser / WashU Medicine
Breite Wirkung gegen mehrere Drogen
„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein potenzieller Nutzen nicht auf eine einzelne Diagnose oder Substanz beschränkt ist“, schreibt der nicht an der Studie beteiligte Mediziner Fares Qeadan von der Loyola University in Chicago in einem begleitenden Kommentar. Stattdessen scheinen die Wirkstoffe an der Wurzel der Süchte anzusetzen: „Präklinische und erste klinische Studien deuten darauf hin, dass die Aktivierung der GLP-1-Rezeptoren die vom Belohnungssystem angetriebenen Verhaltensweisen mindert“, so Qeadan.
Auch Patienten, die bereits eine Suchterkrankung hatten, profitierten von der Behandlung mit den GLP-1-Agonisten. Sie wurden innerhalb der dreijährigen Beobachtungszeit 30 Prozent seltener in die Notaufnahme eingewiesen, erlitten 40 Prozent weniger Überdosierungen und 50 Prozent weniger Todesfälle, wie Cai und seine Kollegen feststellten.
„Novum in der Suchttherapie“
Eine so breite Wirksamkeit ist ein Novum in der Suchtbehandlung: „In der Suchtmedizin zielen Behandlungen üblicherweise nur auf ein Problem ab – zum Beispiel hilft ein Nikotinpflaster gegen Rauchen, aber nicht gegen Alkoholkonsum –, aber es gibt kein Medikament, das für mehrere Suchtmittel wirkt, geschweige denn bei allen“, sagt Cais Kollege Ziyad Al-Aly. „Die Ergebnisse zu GLP-1-Medikamenten legen nahe, dass sie gegen alle wichtigen Substanzen wirken, indem sie wahrscheinlich das Verlangen selbst dämpfen.“
Damit könnte diese Wirkstoffklasse Menschen eine neue Chance bieten, von ihrer Sucht loszukommen – beispielsweise bei einer Abhängigkeit von Drogen wie Methamphetaminen, gegen die es bisher noch keine medikamentöse Behandlung gibt. Die „Abnehmspritzen“ könnten aber auch Menschen helfen, die von mehreren Substanzen zugleich abhängig sind.
Was bedeutet dies für die Praxis?
Bevor diese Wirkstoffe aber breit gegen Süchte eingesetzt werden, sind zunächst weitere klinische Studien erforderlich, die den Nutzen und mögliche Risiken beim Einsatz von GLP-1-Agonisten gegen Sucht untersuchen – auch im Vergleich zu etablierten Therapien.
Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: „Eine Ausweitung der Indikation sollte nicht zu einer Vergrößerung der gesundheitlichen Ungleichheiten oder zu einer Verlagerung der Versorgung weg von etablierten Indikationen führen“, gibt Qeadan zu bedenken. Denn GLP-1-Agonisten wie Semaglutid und Tirzepatid sind noch immer kostspielig, und der Zugang zu diesen Wirkstoffen ist daher ungleich verteilt – sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch zwischen den Ländern.
Für Patienten jedoch, die mit Suchterkrankungen zu kämpfen haben und ohnehin gegen Diabetes oder Adipositas behandelt werden müssen, können GLP-1-Agonisten schon jetzt die Behandlung der Wahl darstellen: „Für sie können diese Medikamente einen doppelten Nutzen bieten und beide Erkrankungen zugleich behandeln“, sagt Al-Aly. (BMJ, 2026; doi: 10.1136/bmj.s325)
Quelle: Washington University Medicine
6. März 2026
– Elena Bernard/ NPO