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Seite 1Wie war das noch mal beim Urknall?
Seite 2An der »Grenze des Machbaren«
Ohne zusätzlichen Sauerstoff könnte Peter Fasel nicht auf seiner Baustelle stehen. Die Luft auf 5.600 Meter Höhe mitten in der chilenischen Atacama-Wüste ist so dünn, dass es für Menschen ohne Akklimatisierung gefährlich wäre. Der Chef von Vertex Antennentechnik klettert aus dem Allradfahrzeug, schultert die Sauerstoffflasche und setzt die Sonnenbrille auf. Ein Monteur ruft: »Herr Fasel, ein Selfie!« Dann steht der Geschäftsführer vor der riesigen Maschine, an der seine Firma seit fast zehn Jahren arbeitet – und mit der Astronomen zurück zum Urknall blicken wollen.
Nun deutet Fasel auf ein Konstrukt, das eher wie ein futuristisches Containergebäude als wie High-End-Technologie aussieht. Im Zentrum des weißen Bauwerks dreht sich ein rechteckiger Stahlkäfig mit zwei sechs mal sechs Meter großen Aluminiumspiegeln. Sie sollen das älteste Licht des Universums einfangen. »Das ist das genaueste Teleskop, das wir je gebaut haben«, sagt er. Rund 250.000 Stunden Arbeitszeit haben seine Ingenieure investiert. Hier, weit oben in der chilenischen Wüste, zeigt sich, warum Technik aus Deutschland immer noch gefragt ist. Es zeigt sich aber auch eins ihrer Probleme: Denn mit dem Teleskop hat Fasel unterm Strich womöglich gar kein Geld verdient.
Um beides zu verstehen, muss man Peter Fasels Unternehmen etwas genauer kennenlernen. Seit mehr als 60 Jahren arbeitet Vertex daran, die leistungsstärksten Antennen und Teleskope der Welt zu entwickeln. Anfangs innerhalb des Krupp-Konzerns, bis der 1993 sein Antennengeschäft ausgliederte. Seither hat sich das Unternehmen auf das Geschäft mit Antennensystemen, Präzisionsantennen und Teleskopen für die Weltraumforschung spezialisiert. Vertex ist eines von höchstens einer Handvoll Unternehmen weltweit, die solche Geräte bauen. Zu seinen Wettbewerbern zählen etwa eine Tochterfirma des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB und die Wiesbadener Firma Mtex. Sie konkurrieren mitunter um dieselben Aufträge. Und es gibt nur einige wenige große Kunden. Etwa die Nasa, die Europäische Raumfahrtorganisation (Esa) und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Bekannte Namen also. »Trotzdem kennt uns selbst in Duisburg niemand«, sagt Fasel.
© ZEIT ONLINE
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Vertex hat Projekte auf allen sieben Kontinenten umgesetzt, selbst in der Antarktis waren schon Monteure aus dem Ruhrgebiet. Allein in der Atacama-Wüste stehen 34 Antennen, an deren Bau die Firma beteiligt war. Fasel zeigt auf große, weiße Antennenschüsseln, 500 Meter unterhalb des Teleskops: Alma, die größte Radioteleskop-Anlage der Welt. 25 der 66 Antennen stammen aus Duisburg, sie ermöglichten vor sieben Jahren das erste Bild eines Schwarzen Lochs. »Persönlich macht einen das schon stolz, an so etwas beteiligt zu sein«, sagt Fasel.
Peter Fasel trägt ein mobiles Sauerstoffgerät, um in der Höhe einen klaren Kopf zu behalten. © Robin Pfister
Ins Unternehmersein ist der 59-Jährige reingerutscht. Zwar kommt er aus einer Unternehmerfamilie, seine Eltern besaßen einen Kesselbau-Betrieb in Duisburg. Er habe aber immer etwas Eigenes machen wollen, erzählt Fasel. Nach der zehnten Klasse ging er von der Schule ab, absolvierte eine Schlosserlehre und holte später sein Fachabi nach. Er studierte Maschinenbau in Krefeld und hörte über einen Bekannten von einer frei werdenden Stelle bei der damaligen Krupp-Sparte. Er bewarb sich, bekam den Job und arbeitete sich vom Ingenieur bis zum Geschäftsführer hoch. »Es macht Spaß, an Visionen zu arbeiten, statt bei VW das rechte Türschloss zu überarbeiten«, sagt Fasel, der seit 2018 den Betrieb mit heute mehr als 100 Beschäftigten leitet.
Der Unternehmer ist ständig auf der Suche nach Nachwuchs, seit 2015 hat sich die Belegschaft fast verdoppelt. Vertex konkurriert um einige der begehrtesten Fachkräfte unserer Zeit: Bauingenieure, Maschinenbauer, Physiker, Elektrotechniker. Antennentechnik erfordere neben fachlicher Expertise viel Kreativität, sagt Fasel, und nicht jeder sei dafür gemacht, wochenlang auf fast 6.000 Meter Höhe zu arbeiten.