
Russische Geheimdienste nutzen gehackte IP-Kameras zur Ausspähung von Nato-Transporten in Europa.
(Bild: Kumer Oksana / Shutterstock.com)
Niederländische Dienste warnen: Russland späht über gehackte Überwachungskameras Nato-Transporte aus. Allein in Deutschland sind über 8.400 Geräte gefährdet.
Wer eine Überwachungskamera an der Laderampe oder am Firmentor betreibt, denkt dabei selten an den Kreml. Genau das macht diese Geräte so wertvoll für russische Spione.
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Mindestens ein russischer Geheimdienst kapert systematisch internetverbundene IP-Kameras in EU- und Nato-Staaten sowie in der Ukraine und wertet die Videoströme mit KI-gestützter Bilderkennung aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine Sicherheitsempfehlung der niederländischen Geheimdienste AIVD und MIVD vom 10. Juli.
Die Operation läuft demnach noch immer. Ziel sei es, militärische Transportrouten, Waffenlieferungen an die Ukraine und Standorte ukrainischer Truppen aufzuklären.
In der Ukraine gehe der Missbrauch über passive Beobachtung hinaus: Dort seien kompromittierte Kameras laut dem Advisory „für Versuche genutzt worden, ukrainisches Militärpersonal außer Gefecht zu setzen“ und deren Ausrüstung zu zerstören. Eine simple Straßenkamera wird so zur Zielerfassungshilfe.
Weder Zero-Day noch Meisterleistung
Für keinen der beschriebenen Zugriffe braucht es demnach einen Zero-Day-Exploit. Die Angreifer durchsuchen das Netz automatisiert nach IP-Kameras, identifizieren Geräte anhand von Markennamen und greifen dort zu, wo noch Standardpasswörter, veraltete Firmware oder Werkskonfigurationen aktiv sind.
Bilderkennungssoftware filtert anschließend automatisch Militärfahrzeuge und Fracht aus den Videofeeds. KI korreliert Aufnahmen verschiedener Kameras zu einem Lagebild über Routen und Standorte, wie der Scan-Dienstleister Censys analysiert.
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Riesige Angriffsfläche – auch in Deutschland
Die Zahlen von Censys verdeutlichen das Ausmaß: In EU- und Nato-Staaten plus Ukraine zählte das Unternehmen über 87.000 Kameras auf Hosts mit einem Dienst, dessen Version eine bekannte, bereits ausgenutzte Schwachstelle aufweist.
Allein in Deutschland stehen 65.539 Kameras offen im Netz – bei 8.401 davon läuft mindestens ein verwundbarer Dienst. Betroffen sind unter anderem Hosts mit CVE-2016-7407 im Dropbear-SSH-Server sowie CVE-2021-39275 im Apache HTTP Server – beide Lücken seit Jahren gepatcht, aber auf vielen Geräten nie aktualisiert.
Censys betont allerdings, dass eine Versionsübereinstimmung noch kein bestätigter Hack sei. Auch die niederländischen Dienste räumten ein, bislang nur eine geringe Anzahl tatsächlich kompromittierter Kameras an Logistikrouten in den Niederlanden gefunden zu haben.
Für militärische Angriffe außerhalb der Ukraine gebe es keine Hinweise.
Keine Marke immun – Handeln statt Hoffen
Die Angreifer wählen nicht nach Hersteller, sondern nach Erreichbarkeit und Sicherheitszustand. Ob günstiges Baumarkt-Modell oder Profi-System von Hikvision, Dahua oder Bosch – entscheidend ist, ob das Gerät aus dem Internet erreichbar und schlecht konfiguriert ist.
Deutsche Behörden haben bereits 2025 in einem gemeinsamen Advisory von BSI, BND, BfV und internationalen Partnern wie NSA und FBI vor russischer Kamera-Spionage durch die GRU-Einheit APT28 gewarnt.
Betreiber sollten jetzt prüfen, welche Kameras über das öffentliche Internet erreichbar sind, Portweiterleitung und UPnP deaktivieren und den Zugriff auf VPN beschränken. Standardpasswörter gehören ersetzt, Firmware-Updates eingespielt.
Nicht zuletzt empfehlen AIVD und MIVD, Kameraobjektive bewusst so auszurichten, dass Transportwege und Laderampen nicht im Bild liegen. Denn eine kompromittierte Kamera verrät Schichtpläne, Versandzeiten und Sicherheitsroutinen – ganz ohne tieferen Netzwerkeinbruch.