Schon in jungen Jahren stand sie in Filmen wie Panic Room vor der Kamera, ehe der Durchbruch mit Twilight kam: Kristen Stewart hat ihre Beteiligung in einer der populärsten Filmreihen des 21. Jahrhunderts als Sprungbrett für eine aufregende wie unerwartete Karriere genutzt, die sie in die unterschiedlichsten Ecken des Weltkinos brachte – von Personal Shopper über Spencer bis Love Lies Bleeding.
Während sie als Schauspielerin zahlreiche Male glänzen konnte, hat sie sich inzwischen auch ein paar Mal auf die andere Seite des Filmemachens gewagt. Mit Musikvideos und Kurzfilmen probierte sie sich als Regisseurin aus. Jetzt hat sie ihren ersten Spielfilm ins Kino gebracht: The Chronology of Water feierte letztes Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere und startet nun in den deutschen Kinos.
Kristen Stewart erzählt die Geschichte von Lidia Yuknavitch mit Imogen Poots in der Hauptrolle
Wenn eine Schauspielerin wie Stewart hinter die Kamera wechselt, ist es besonders spannend zu sehen, was sie dort zu erzählen hat. Vom Prestigedrama bis zum Action-Blockbuster konnte Hollywood einmal durchspielen. Jetzt tritt sie nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Drehbuchautorin und Produzentin auf – mit anderen Worten: Stewart hatte noch nie so viel kreative Kontrolle über ein Projekt.
Für ihr mit Spannung erwartetes Regiedebüt hat sie sich die Verfilmung der Memoiren von Lidia Yuknavitch ausgesucht, einer ehemaligen Schwimmerin aus San Francisco, die heute in Oregon lebt und als Schriftstellerin mehrere Bücher herausgebracht hat. Das hier ist jedoch weder ein Sportfilm mit Underdog-Dramaturgie noch eines jener Biopics, die pflichtschuldig eine Lebensstation nach der anderen abarbeiten.
Stewart taucht in Yuknavitchs Geschichte durch Splitter und Fetzen ein – ein assoziativer, schonungsloser Rausch, der uns in eine verstörende Kindheit und Jugend führt. Auch als junge Frau kämpft die herausragend von Imogen Poots verkörperte Protagonistin mit den Erinnerungen ihrer Vergangenheit, in denen neben ihrer selbstmordgefährdeten Mutter der gewalttätige, alkoholkranke sowie übergriffige Vater wartet.
Sexueller Missbrauch und weitere Traumata führen dazu, dass Lidias Studium aus der Bahn gerät und sie selbst in eine Abwärtsspirale aus Drogen und Alkohol stürzt. Das Einzige, was gegen ihre selbstzerstörerischen Instinkte hilft, ist das Schwimmen – und die Worte, mit denen sie versucht, zu skizzieren, was sie erlebt. Unter Stewarts Regie entsteht daraus ein Mosaik aus unheimlich rohen Augenblicken.
The Chronology of Water ist ein niederschmetterndes Mosaik aus Bildfetzen und Geräuschen
Entgegen der Ordnung im Titel erzählt der Film keine geradlinige Geschichte, sondern versteht das Leben der Hauptfigur als komplexes Geflecht an Eindrücken, die im Verlauf von 128 aufwühlenden Minuten erforscht werden. The Chronology of Water ist ein Film, der sich oft auf mikroskopischer Ebene bewegt und in seinen Close-ups nicht nur Gesichter beobachtet, sondern all diese unscheinbaren, verschwommenen Details.
Immer wieder blicken wir aus der Tiefe des Wassers nach oben, wo sich klare Formen und Konturen in ein gespenstisches Wabern auflösen. Lidia verschwindet, ehe wir plötzlich in ihren nassen Haaren kleben oder der Bewegung ihrer Hände folgen. Wie sich ihre Haut an den kalten Fliesen des Schwimmbeckens reibt – und wie ihre Finger und Hände über trockenes Papier eilen, um mit Bleistift Worte für die Ewigkeit zu notieren.
Eine extrem dichte Sammlung aus Fragmenten, die ihrem eigenen Rhythmus folgt, nicht nur auf visueller Ebene, sondern auch im Ton. The Chronology of Water ist aufgeladen mit markanten Geräuschen, die im Zusammenspiel mit Paris Hurleys Musik einen fesselnden Soundtrack schaffen, der die rauen 16mm-Bilder von Kameramann Corey C. Waters verknüpft , selbst wenn sie vor unseren Augen in ihre Einzelteile zerfallen.
Stewart verlässt sich aber nicht auf die Nostalgie für körniges Filmmaterial und reiht bloß schöne Einstellungen aneinander, in der Hoffnung, dass sich daraus etwas Poetisches ergibt. Sie nutzt das Flackern in ihrer Inszenierung bewusst, um die eingefangenen Momente noch eine Spur intimer und verletzlicher wirken zu lassen. Das ermöglicht Imogen Poots eine riesige Bühne, um ihre Lidia zu formulieren.
Trotz aller Härte entfaltet sich The Chronology of Water als das einfühlsame Portrait einer Frau
Stewarts Regiedebüt ist kein Alleingang, sondern eine sehr enge Zusammenarbeit mit ihrer Hauptdarstellerin. So ungeheuerlich, wie Poots Wut und Trauer auf die Leinwand bannt, wie sie Lidias zerreißenden Schmerz bündelt und dennoch einen Weg findet, ihre Figur aus den Fängen des Vergangenen zu befreien und nach vorne zu bringen – das zeugt von einer starken Vertrauensbasis zwischen Regie und Schauspiel.
Zu leicht hätte The Chronology of Water ein Film werden können, der sich in ausgestelltem Elend verliert und aus erlesenen Indie-Aufnahmen ein Monument der Trostlosigkeit errichtet. Stewart und Poots schaffen jedoch ein nuanciertes Portrait, das aufreibende Bilder mit großem Einfühlungsvermögen balanciert und uns den Moment spüren lässt, wenn Lidia aus dem Wasser auftaucht und endlich Luft holen kann.
The Chronology of Water startet am 5. März 2026 im Kino.