Ein Debütroman über starke und fragile Freund:innenschaft, über Liebe jeglicher Art, über Teenagerjahre und die 20er, Studienzeit und Existenzängste. Kaskaden von Louise K. Böhm ist zeitlos und hochaktuell, tiefgehend und alltäglich.

Bereits die ersten Seiten katapultieren Leser:innen mitten hinein in Jojos Welt zwischen zwei Welten. Zwischen Unilabor und inhärenter Existenzangst, zwischen dem Wunsch auf eine Zukunft und drängenden Erinnerungen begibt man sich auf eine Gratwanderung zwischen tiefer platonischer Liebe und aufflammender Romantik. Sprachlich nahbar, scheinbar ungefiltert direkt aus dem Kopf einer 20-Something-Jährigen stammend, hier und da verziert mit poetischen Sprachbildern. Die Autorin bleibt ihrem Stil treu, den viele von ihrer Instagramseite @louschreibt_ kennen.

Eine DVD als Rewind-Knopf

Die Mutter ihrer ehemaligen besten Freundin Yara drückt Jojo eine DVD in die Hand. Einen Schlüssel, der erklären könnte, warum die Freundschaft vor Jahren von einem Tag auf den anderen endete und ein seitdem unstopfbares Loch in Jojos Leben hinterließ. Bevor sie tatsächlich den Play-Button drückt und das Portal in die Vergangenheit durchschreitet, notiert Jojo sich Seiten über Seiten an potenziellen Inhalten der DVD. Erinnerungen aus ihrer und Yaras gemeinsamer Zeit, verklärte und ehrlich-rohe, schöne und traumatische. Tiefe Einblicke in ein Aufwachsen, geprägt von Leichtigkeit und Perspektivlosigkeit, von Zugehörigkeit und Identitätssuche. Die Frage, was schlussendlich zu dem scharfen Cut zwischen den Freundinnen geführt hat, leitet die Autorin geschickt durch den gesamten Roman, während nebenbei Jojos gegenwärtiges Studierendenleben, neue Freund:innenschaften und entstehende Liebe beschrieben werden. Ein Leben, das Jojo jedoch nur im Schatten ihrer Vergangenheit leben kann, wie die Rückblicke deutlich zeigen. Als Leserin begleitet man die Protagonistin dabei, wie sie nach und nach aus ihren eigens errichteten Mauern herausgeschubst wird und sich ihrer Vergangenheit stellt.

… und wir uns zum ersten Mal ganz klar sahen, ohne verschwommene Linien an den Enden, ohne Fragezeichen in den Augen, mit den bauchfreien Tops, den Gläsern in den Händen und dieser Hoffnung in den Augen. Leben in Großbuchstaben.

Nostalgie-Soundtrack aus den 2010ern

Eine Besonderheit des Romans sind die beiläufig eingewobenen Songs, die die Protagonistin in verschiedenen Lebensphasen begleiten. Nicht nur Musikfans, sondern wahrscheinlich alle Leser:innen, die in den späten 2010ern Teenager waren, finden hierin eine zusätzliche Identifikationsebene zu Kaskaden. Egal, ob man 2017 auch mit der besten Freundin im Kinderzimmer Was du Liebe nennst von BAUSA gehört hat oder bei Lordes Liability immer noch Melancholie aufkommt, Jojos Alltag wird dadurch noch realer und mehr relatable.

Die Sichtbarkeit sozialer Herkunft

Wer die Autorin Lou in sozialen Netzwerken verfolgt, weiß, wie wichtig ihr der gesellschaftliche Diskurs über Klassismus ist. Es ist also keine Überraschung, dass das Thema der sozialen Herkunft auch in Kaskaden aufgegriffen wird. Es geht um Geldsorgen bei ausbleibender BAföG-Leistung, Entfremdung vom Arbeiter:innen-Elternhaus und um das ständig präsente Imposter-Syndrom im Studium. Louise Böhm schafft es, Jojos Spagat zwischen den sozialen Schichten den Leser:innen unabhängig von deren sozioökonomischem Hintergrund näherzubringen.

Fazit

Kaskaden deckt viele Themen ab, ohne zu überladen zu wirken. Feminismus, Heteronormativität und Mental Health prägen den Roman, wie sie auch den Alltag einer jungen Frau in den 20ern prägen. Existenzielle Fragen koexistieren in Kaskaden mit Raves, Deep-Talks, Liebe jeglicher Art und der Suche nach sich selbst. Genau das Werk macht das Werk so gesellschaftlich relevant und gleichzeitig intim und damit zu einer klaren Empfehlung.

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