Nein, ja, nein (lacht). Wir sorgen nicht für rosa, sondern für breitere Gehsteige, auf denen Personen auch mit Kinderwägen oder Rollator Platz finden.
Die sind prinzipiell super, aber die Durchgangsbreiten für die Fußgänger brauchen wir trotzdem, das führt vor allem in der Bestandsstadt oft zu Zielkonflikten. Aber es zeigt deutlich, wie eine Veränderung des Raums zu neuen Ideen und Nutzungen führt. Wie man sich Raum aneignet, hängt davon ab, wie er sich präsentiert.
»Wie man sich Raum aneignet, hängt davon ab, wie er sich präsentiert. «
Julia Girardi-Hoog
Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien
Das ist auch bei der Parkgestaltung für Kinder und Teenager so, um gleich auf die dritte Frage einzugehen. Hier geht es ganz konkret darum, dass die meisten Burschen kein Problem damit haben, die Ballkäfige zu nutzen, den öffentlichen Raum einzunehmen. Das ist auch gut so.
Mädchen nehmen sich den Raum aber nicht so selbstverständlich, vor allem, wenn er schon besetzt ist. Sie stehen dann in einer Ecke oder treffen sich gar nicht. Warum? Ihre Bedürfnisse sind meist anders, die meisten wollen eher Beachvolleyball spielen, in kleinen Gruppen ungestört abhängen.
Wie sieht eine Park-Planung aus?
Meine Vorgängerin Eva Kail hat das mit Teenagern erstmals erarbeitet, die sehen: Raum ist gestaltbar, von ihnen selbst. Das ist für viele eine ganz großer Aha-Moment: Die Stadt gehört auch mir. So entstehen offene Treffpunkte, überschaubare Rückzugsräume: Podeste, Hängematten, Korbschaukeln, Rundgänge zum Spazieren. Und das können Burschen genauso benutzen. Alle, da hängt ja kein Schild dran.
Wie erklären Sie Gender Planning?
Gender Planning ist Qualitätssicherung. Wer in Wien wohnt und seinen Alltag bestreitet, darf von der Stadtplanung erwarten, dass seine Lebensrealität ernst genommen wird. Das gilt für alle gleich. Besonders in der Mobilitätsentwicklung ist noch viel Luft nach oben.
Warum ist das überhaupt notwendig?
Weil die Stadt jahrzehntelang von Auto fahrenden Männern geplant wurde, die täglich von A nach B fuhren und wieder zurück. Dazu sind breite Straßen und genügend Parkplätze wichtig, aber keine breiten Gehwege, keine Fahrradwege, keine Aufenthaltsqualität entlang der Mobilitätsachsen. Und so sah die Stadt auch aus. Es gibt aber viele Menschen, die nicht nur von A nach B fahren, sondern weiter nach C und D, um ein Kind in die Schule zu bringen, danach in die Arbeit zu fahren, dann einzukaufen und so fort.
»Jede Art der Mobilität gleichwertig in der Stadt zu ermöglichen, ist Teil des Gender Plannings. «
Julia Girardi-Hoog
Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien
Meist sind diese Menschen weiblich, das geht ganz klar aus der Statistik hervor. Frauen haben also oft mehrere, aber kürzere Wege, die sinnvollerweise nicht nur mit dem Auto gefahren werden, sondern ein Mix sind aus Gehen, Radfahren, Öffis. Und diese Art der Mobilität gleichwertig in der Stadt zu ermöglichen, ist Teil des Gender Plannings.
Wie sieht Ihre Arbeit bei Neubauprojekten aus?
Ich achte darauf, dass im neuen Stadtteil die Raumaufteilung passt, dass etwa der Kindergarten genug Platz für den Freibereich hat und auch der Spielplatz. Es soll alles gut erreichbar sein auf direkten Fuß- und Radwegen. Und es braucht mindestens einen „Grätzlpark“, wo ohne Konsumzwang Zeit in der Natur verbracht werden kann, wo Nachbarschaftsnetzwerke geknüpft werden können. Im Wohnbau braucht es Gemeinschaftsräume, je nach Größe einen Kindergarten, einen Spielplatz in der Anlage.
Die Wege von und zur Wohnung sind besonders wichtig: Sind sie gut und einfach begehbar? Auch die Vermeidung und Verbesserung von Angsträumen – also dunkle, unübersichtliche Wegstellen – gehört dazu. Und: Wo ist Platz für das Rad? Den Kinderwagen?
Dass der Rad-Raum einen Halbstock unter dem Liftzugang liegt, kann nicht mehr passieren?
Nein. Das stammt aus den 1960er- und 1970er-Jahren, in denen Radfahren als Wochenend-Hobby gesehen wurde. Damals waren Kinderwagen in Straßenbahnen verboten, undenkbar heute. Der Kinderwagenraum war eher als großer Gemeinschaftskeller gedacht zur Aufbewahrung, wenn der Altersabstand zwischen den Kindern größer war, und nicht zur täglichen Benutzung.
Die damaligen Planer profitieren als alte Menschen heute vom Gender Planning?
Ja. Wir wissen aus Studien, dass die meisten Menschen so lange wie möglich zu Hause wohnen möchten, selbstständig oder mit wenig fremder Hilfe. Dazu gehört nicht nur eine passende Wohnung, sondern auch die Umgebung. Am besten „die Stadt der kurzen Wege“, in der alles in 15 Minuten erreichbar ist.
»Gender Planning ist Qualitätssicherung.«
Julia Girardi-Hoog
Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien
Es ist ein Unterschied, ob ich von der Wohnung zum Geschäft zwei Schnellstraßen überqueren muss und ohne Pause vom Verkehr umbraust werde – da sitzt man lieber selbst im Auto. Und wird unselbstständig, wenn das nicht mehr geht. Oder ob ich auf einem breiten Gehsteig mit Rollator gut vorankomme, ein paar schattige Bankerl entlang des Weges habe und noch Nachbarn treffe. Schön gestaltete offene Räume sind wichtig für eine Stadt.
Aber nicht unbedingt für Investoren. Wie funktioniert die Umsetzung ihrer Agenden?
Da heißt es eben zu verhandeln. Natürlich müssen Investoren darauf achten, dass sich die Projekte rentieren. Aber das allein macht keine Qualität aus. Es braucht ein Regulativ, das die Standards einfordert.
»Es braucht ein Regulativ, das die Standards einfordert. Das machen wir in Wien mit städtebaulichen Verträgen.«
Julia Girardi-Hoog
Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien
Das machen wir in Wien bei großen Projekten mit städtebaulichen Verträgen, wo sich Investoren zur Errichtung von Nachbarschaftsparks, sicheren Wegen, guter Beleuchtung, Vermeidung von Angsträumen, Aufenthaltsqualität verpflichten , um die wichtigsten zu nennen.
Wie gehen Sie mit Vorurteilen um?
Mit Stolz (lacht). Im Ernst, wir sind die Vorreiter auf diesem Gebiet, da ist klar, dass das nicht alle Leute kennen, obwohl damit alle täglich zu tun haben. Wir haben immer mehr Delegationen hier, aktuell aus den Niederlanden und Japan, die sich unseren Zugang ansehen. Städte wie Köln oder Frankfurt haben sich schon inspirieren lassen.
Wien ist in einer Vorreiterrolle?
Ja. Man kann tatsächlich stolz darauf sein, in dieser Stadt zu wohnen und diese Entwicklung mitzuerleben. In Wien redet man ja gerne etwas schlecht. Aber wenn es im Ausland geschätzt wird, ist es dann doch etwas wert. Ich setzte ganz viel auf Information – und Humor.
In welchen Gebieten werden Sie in naher Zukunft zu tun haben?
Neben der Seestadt Nord ist es das Rothneusiedl im Süden von Wien, das Heidjöchl im 22. Bezirk, der Nordwestbahnhof und das Obere Hausfeld. Das sind die größeren Flächen in der Stadtentwicklung, auf denen derzeit geplant wird.
Die Seestadt als Vorzeigebeispiel?
Ja, und wie andere Entwicklungsgebiete ein Zeitzeugnis dafür, wie Stadtentwicklung funktioniert. Man darf nicht vergessen, dass der Umsetzung oft bis zu 20 Jahre an Planung vorausgeht.
»Entwicklungsgebiete sind Zeitzeugnisse dafür, wie Stadtentwicklung funktioniert.«
Julia Girardi-Hoog
Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien
In Zeiten des Klimawandels ist es natürlich absurd, einen betonierten Platz als „Ankunftsort“ bei der U-Bahn-Station zu präsentieren. Also hat man mit Begrünung begonnen. Als er geplant wurde, hatte man seine Nutzung als Markt, als zentralen Festplatz im Kopf. Städtebau ist immer Veränderung und Anpassung.
Welchen Ort mögen Sie in Wien besonders?
Den Arenbergpark im 3. Bezirk. Als meine Kinder klein waren, war er unser zweites Wohnzimmer. Wir wollten ja ursprünglich mit den Kindern in ein Haus mit Garten, wie ich das aus Oberösterreich, wo ich aufgewachsen bin, kenne.
Und dann haben wir bemerkt, dass der Park für die Kinder der perfekte Garten ist. Sie haben ihn sich erobert, sind dauernd in den Bäumen herumgeklettert, diese Art von Kindheit in der Stadt zu haben, ist etwas Besonderes. Und nur möglich, weil es eben Grünräume gibt.
»Diese Art von Kindheit in der Stadt zu haben ist nur möglich, weil es Grünräume gibt.«
Julia Girardi-Hoog
Gender-Referentin der Stadtbaudirektion Wien
Wir Erwachsenen haben uns in der Meierei getroffen und angefreundet, eine schöne Zeit. Ähnliches habe ich auch im Sonnwendviertel erlebt, im Helmut-Zilk-Park. Viele spielende Kinder, einige Familien machen Picknick mitten in der Stadt, viele sitzen im Café in der Sonne. Ich kenne Kinder vom Land, die wollen in Wien ihre Ferien verbringen, weil es ihnen hier so gut gefällt.
Zur Person
Julia Girardi-Hoog ist promovierte Architektursoziologin und leitet seit 2024 das Referat für gendergerechte Stadtplanung in der Magistratsdirektion Bauten und Technik der Stadt Wien.
Nach ihrer Tätigkeit als Forscherin an der TU Wien und der Donau-Universität Krems arbeitete sie an internationalen Menschenrechtsprojekten für die Europäische Kommission und die Vereinten Nationen. Seit 2013 ist sie für die Stadt Wien tätig. Von 2016 bis 2019 leitete sie das EU-geförderte Smart-City-Projekt „Smarter Together“.