
AUDIO: Caspar David Friedrichs „Karlsruher Skizzenbuch“ (4 Min)
Stand: 26.07.2026 06:00 Uhr
Was heute das Smartphone ist, war früher das Skizzenbuch, ein handliches Büchlein voller halbfertiger Bilder flüchtiger Gedanken und stiller Beobachtungen. Der Hatje Cantz Verlag hat gerade das so genannte „Karlsruher Skizzenbuch“ von Caspar David Friedrich veröffentlicht.
Es war das letzte bekannte Skizzenbuch des Malers in Privatbesitz. Vor zwei Jahren konnte es in einer gemeinsamen Anstrengung von mehreren staatlichen Kunstsammlungen, der Ernst von Siemens Kunststiftung und privaten Förderern erworben werden.
Friedrichs Skizzenbuch im dunkelroten Kästchen Handlich klein und gebraucht
Ein dunkelrotes Kästchen. Darauf steht in weißen und grüngrau schimmernden Lettern: „Caspar David Friedrich Karlsruher Skizzenbuch“. Und dann liegt es vor einem: Es ist handlich klein, 13 mal 20 Zentimeter, hat abgerundete Ecken, Vorder- und Rückseite zeigen deutliche Gebrauchsspuren, hier und da fehlt ein Stückchen vom braunen Wurzelmarmorpapier des Einbands.
Es fühlt sich beinahe so an, als hielte man das Original in Händen, als wollte man nur mal kurz blättern, um es dann dem Maler Friedrich zurückzugeben. Zumindest mit der kostspieligen Schmuckausgabe, die mit Fadenheftung und jedem Kratzer auf dem Einband ganz echt und historisch wirkt und bei der die Texte in einem separaten Heftchen untergebracht sind. Die deutlich günstigere Studienausgabe dagegen ist ein schmaler Hardcover-Band mit Skizzen und Begleittexten in einem Buch.
Sepia und Bleistift
„Am 27.April 1804“ heißt es links unten. Die Doppelseite ist zum Teil mit verdünnter Sepia gefärbt, was die Bleistiftlinien der beiden Zeichnungen verstärkt. Links steht der umrisshaft angelegte, untere Teil des Baumstammes, der auf der rechten Seite über das ganze Blatt in die Höhe wächst. Von dem hohen, knorrigen Stamm sind schon einige Äste abgesägt worden, die übrigen verzweigen sich in kleine und kleinste entschlossen gezogene Linien.
Diese Verästelungen scheinen Friedrich besondere Freude zu machen. Er zeichnet akribisch. Genau so, wie Akademien es damals lehrten, auch die königlich dänische Kunstakademie in Kopenhagen, an der er studierte. Was er aber zeichnet, ist seine Entscheidung. Durch diesen Gedanken entsteht eine seltsame Nähe zu dem Maler, der sich hier – abseits seiner berühmt gewordenen Gemälde – zart, suchend und detailverliebt zeigt.
Bäume Schiffe und verworfene Linien
So blättert man durch das kleine Faksimile-Büchlein und entdeckt Bäume, Schiffe und weite Landschaften in der Umgebung von Dresden. Die belaubten Bäume, umrissen und mit schraffierten Schatten, verschmelzen miteinander. Stämme, die aus dem wuseligen Laub herausragen, erinnern fast an die Beinchen von Schafen vor der Schur. Schmal und dunkel unter bauschiger Wolle.
Spannend wird es, wenn ein Motiv in den Augen des Zeichners scheinbar nicht gut, oder noch nicht gut genug war, oder er es einfach so verwarf. Einmal finden sich zwei Bäume, schraffiert, ausgearbeitet, aber mit schwungvollen Linien durchgestrichen. Blätter, die daneben in einer Ecke wachsen, sind überschraffiert.
Das persönlichste Heft eines Malers
„Skizzenbücher gelten nicht von ungefähr als die persönlichsten Zeugnisse von Künstlerinnen und Künstlern. Bei Friedrich, der stets ein Heft mit sich führte, trifft dies in besonderem Maße zu, geben die einzelnen Kladden doch nicht nur Aufschluss über seine Aufenthalte und seine Arbeitsweise, sondern bieten in vielen Details Anknüpfungspunkte, Referenzen und Verweise auf seine wichtigsten Werke“, heißt es im Begleittext der Herausgeber.

Im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald können Besucher in der neuen Galerie der Romantik erleben, wie der Maler seine Gemälde aufgebaut hat.
Halbfertige Blüten, offene Rätsel
Gegen Ende des Hefts, nach schwungvollen Studien von Vögeln im Flug, wachsen einige Zweige aus dem Nichts in die Höhe. Darunter: Sechs umrisshaft angelegte Blüten, der Form nach könnten es Malven sein, nur eine ist ein wenig ausgearbeitet, die anderen verharren in der Linie. Der Rest der Seite ist leer. Hier versteht man, warum Skizzen so persönlich sein können, wie ein Tagebuch, allerdings auch voller Rätsel. Wollte er an diesem Tag nicht weitermachen? Hatte er keine Lust mehr, das Motiv zu vervollständigen? War er unzufrieden mit den beiden Anfängen und hat die Seite dann einfach so gelassen?
Berührendes Stück Kunstgeschichte
Für Caspar David Friedrich waren diese Zeichnungen Gedankenstützen für spätere Gemälde. So findet man den eingangs beschriebenen Baum im „Hünengrab am Meer“, im „Hünengrab im Schnee“, sowie im Bild „Abtei im Eichwald“. Dieses Büchlein, ob als aufwändige Schmuckausgabe oder als ganz normales Taschenbuch, macht große Freude und bringt einem den Künstler unerwartet nah. Ein berührendes Stück Kunstgeschichte.

Caspar David Friedrich. Karlsruher Skizzenbuch
von
Seitenzahl:
40 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Herausgeber: Stephanie Buck, Dagmar Korbacher, Petra Kuhlmann-Hodick, Annette Ludwig, Christoph Orth
Verlag:
Hatje Cantz Verlag
ISBN:
978-3-7757-6090-4
Preis:
138 €