NAPLES / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie untersucht Mikro- und Nanoplastik im Blut von Herzinfarktpatienten und findet bei schweren, akuten Fällen auffällig häufige Nachweise. Das Forschungsteam wertete Blutproben aus den Koronararterien von 61 Patientinnen und Patienten im Rahmen von Angiografien aus. Besonders Polyethylen tritt bei positiv Getesteten sehr oft auf. Gleichzeitig betonen die Forschenden und medizinische Stimmen: Die Daten zeigen nur einen Zusammenhang, nicht die Ursache von Herzinfarkten.

Studie: Mikro- und Nanoplastik im Blut schwerer HerzinfarktpatientenStudie: Mikro- und Nanoplastik im Blut schwerer Herzinfarktpatienten (Foto: IT BOLTWISE)

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Schwere Herzinfarkte treten meist plötzlich auf – doch eine aktuelle Untersuchung rückt einen Faktor in den Fokus, der im klinischen Alltag bisher selten so deutlich mit dem Krankheitsbild verbunden wird: Mikro- und Nanoplastik im Blut. Die Auswertung stammt von Forschenden rund um Dr. Raffaele Marfella an der University of Campania Luigi Vanvitelli in Neapel und wurde in der European Heart Journal veröffentlicht. Im Kern geht es um die Frage, ob sich Partikel aus Plastikmaterialien im Blut von Menschen finden lassen, die gerade einen aktiven, schweren Herzinfarkt durchlaufen, und wie häufig das im Vergleich zu stabileren Verläufen vorkommt.

Für die Studie analysierten die Forschenden Blutproben aus den Koronararterien von 61 Patientinnen und Patienten, die sich einer Angiografie unterzogen. Diese Untersuchung dient dazu, die Blutgefäße auf Unregelmäßigkeiten hin zu prüfen – in diesem Setting konnten die Forschenden zugleich nach kleinsten Partikeln suchen. Das Ergebnis ist statistisch auffällig: Bei knapp 84% der Patientinnen und Patienten mit einem aktiven, schweren Herzinfarkt ließen sich Mikro- und Nanoplastik nachweisen. Dagegen fanden die Autorinnen und Autoren Plastik in 40% der Fälle mit chronischer Herzerkrankung und lediglich bei 32% der Personen mit unauffälligen, also klaren Koronararterien.

Technisch betrachtet deutet die Studie damit auf ein mögliches „Verteilungsfenster“ hin: Nicht jede Form von koronarer Erkrankung ging in gleicher Weise mit nachweisbaren Partikeln einher. Besonders relevant ist außerdem, dass Polyethylen – ein verbreitetes Material in Verpackungsfolien sowie in Flaschen – bei 97% derjenigen Patientinnen und Patienten sichtbar war, bei denen überhaupt Plastikpartikel positiv getestet wurden. Die Forschenden berichten zudem, dass schwere Herzinfarktpatienten signifikant häufiger Mikro- und Nanoplastik im Blut tragen als Menschen mit stabilen Verläufen oder mit klaren Arterien. Damit liegt der Schwerpunkt der Beobachtung eher auf der Krankheitsaktivität bzw. dem akuten Zustand als auf einer rein chronischen Diagnose.

Die wichtigste Einordnung kommt jedoch nicht aus der Partikel-Detektion, sondern aus der Studiendesign-Logik. Die Befunde stammen aus einer Beobachtungsstudie: „This was an observational study, so it can only show an association, not cause and effect, “ sagte Michelle Routhenstein, Preventive-Care-Dietologin, gegenüber der medizinischen Fachberichterstattung. Genau an diesem Punkt setzen auch die inhaltlichen Grenzen der Untersuchung an: Ohne kontrollierte Intervention lässt sich nicht klären, ob Mikro- und Nanoplastik Herzinfarkte auslösen, sie verstärken oder ob der akute Zustand selbst die Nachweishäufigkeit erhöht. Routhenstein verweist zudem darauf, dass die Gruppe relativ klein und in einem Land verortet sei – dadurch könne man die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf alle Bevölkerungsgruppen übertragen. Gerade für Unternehmen im Gesundheits- und Versicherungsumfeld heißt das: Die Daten eignen sich aktuell vor allem, um Hypothesen zu schärfen, nicht um sofortige Kausalmodelle abzuleiten.

Für das wissenschaftliche Verständnis liefert die Analyse von Einflussfaktoren einen weiteren Hinweis, der in der Praxis häufig diskutiert wird: In der Studie erwies sich eine Vorgeschichte des Rauchens als stärkster Prädiktor dafür, ob überhaupt Plastikpartikel im Blut nachweisbar waren. Zusätzlich benennt Routhenstein als mögliche Störgrößen weitere Faktoren aus Umwelt und Lebensstil: Sowohl Rauchen als auch Luftverschmutzung sind mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verknüpft und erhöhen zugleich die Exposition gegenüber potenziellen Plastikbestandteilen. Das erschwert die statistische Trennung unabhängiger Effekte – ein klassisches Problem in der Epidemiologie, wenn mehrere Risiken gemeinsam auftreten. Damit rückt das Thema weniger als „Ein-Kausal-Mechanismus“ in den Vordergrund, sondern eher als Zusammenspiel aus Exposition, Entzündungsprozessen und Gefäßverletzung.

Auch deshalb drehen sich die praktischen Empfehlungen der medizinischen Begleitung vor allem um Risikoreduktion statt um Panikmache. Routhenstein betont, die Ergebnisse seien interessant, aber sie „do not prove that plastics cause heart attacks, “ so ihre Kernaussage. Als konkrete Stellschrauben nennt sie alltagsnahe Alternativen: „I would take inventory of your regular sources of microplastic exposure and see where you can reduce or swap them for better alternatives, “ sagte sie weiter. Im Beispiel führt sie an, Kunststoffbehälter für Lebensmittel durch Glas zu ersetzen. Daneben empfiehlt sie, beim Zubereiten und Erhitzen von Speisen sowie beim Trinken von Wasser auf Materialien zu achten: Beim Mikrowellenerwärmen oder Wiederaufwärmen sollen nach ihrer Empfehlung eher Glas- oder Keramikbehälter zum Einsatz kommen; außerdem rät sie dazu, Plastikflaschen und Einwegbehälter zu begrenzen, insbesondere wenn sie Wärme ausgesetzt sind.

Aus Branchenperspektive ist die Studie trotzdem mehr als nur ein weiterer Schlagzeilenträger. Sie fügt sich in ein wachsendes Forschungsfeld ein, das Mikroplastik nicht nur als Umweltproblem, sondern auch als potenziellen Treiber für Entzündungs- und Gefäßprozesse betrachtet – und zwar in Körperbereichen, die für kardiovaskuläre Risiken relevant sind. Gleichzeitig müssen Mediziner, Labor- und Datenverantwortliche jetzt besonders sauber arbeiten: Detektionsmethoden, Kontaminationskontrollen in der Probengewinnung und der Vergleich zwischen Kohorten sind entscheidend, um Messartefakte auszuschließen. Bis weitere, größere Studien mit besserer Kausalitätsstrategie vorliegen, bleibt der wichtigste Nutzen dieser Ergebnisse eine Priorisierung von Forschung und Expositionspfaden – und eine vorsichtige, aber konkrete Debatte darüber, wie sich Alltagsmaterialien in der Summe auf die Gesundheit auswirken könnten.

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