„HGF fehlt im Alter nicht unbedingt. Vielmehr kann es nach seiner Bildung chemisch verändert werden. Das brachte uns auf die Frage, ob eine Verbindung mit starker antioxidativer Kapazität HGF schützen könnte – entweder indem sie die Nitrierung verhindert oder den dadurch verursachten Funktionsverlust ausgleicht“, erklärt Ryuichi Tatsumi.
Schwefelhaltige Verbindungen mit antioxidativen Eigenschaften
In ihrer aktuellen Studie haben die Forscher deshalb untersucht, ob die schwefelhaltigen Verbindungen mit antioxidativen Eigenschaften Glutathion-Trisulfid (GSSSG) und Liponsäure-Trisulfid (LASSS) die Nitrierung hemmen können. Die Verbindungen gehören zur Stoffklasse der Trisulfide, also Moleküle mit drei direkt aneinandergekoppelten Schwefelatomen.
Im ersten Experiment haben GSSSG und LASSS die Nitrierung von HGF an den Stellen Y198 und Y250 unterdrückt. Die Bindungsfähigkeit des Wachstumsfaktors an den Rezeptor konnte aber zunächst nicht vollständig wiederhergestellt werden. Die Forscher haben deshalb ein zweites Experiment durchgeführt, für das sie das molare Verhältnis von HGF zu Trisulfid von 1:4000 auf 1:8000 erhöht haben. Die Bindungsfähigkeit von HGF an c-Met hat sich dadurch gegenüber unbehandeltem HGF mehr als verdoppelt. Außerdem hat die schwefelhaltige Verbindung LASSS den Wachstumsfaktor widerstandsfähiger gegenüber nitrierungsbedingten Funktionsstörungen gemacht. Bei GSSSG wurde dieser Effekt nicht beobachtet.
„Das übertraf unsere Erwartungen. Wir wussten, dass Trisulfide vielfältige biologische Funktionen haben, aber wir hätten nie erwartet, dass das bloße Mischen von HGF mit LASSS einen so auffälligen Effekt erzeugen würde. Was uns das zeigt, ist, dass LASSS mehr tut, als lediglich reaktive Moleküle zu neutralisieren. Es könnte direkt mit HGF interagieren und eine subtile strukturelle Veränderung auslösen, wodurch eine verstärkte ‚Super-HGF‘-Form entsteht, die stärker an c-Met bindet und der Nitrierung widersteht“, erläutert Ryuichi Tatsumi.
Schutzwirkung von LASSS auch bei lebendem Muskelgewebe
Die Wissenschaftler haben anschließend Experimente mit Mäusen durchgeführt, um zu überprüfen, ob der Effekt auch bei lebendem Gewebe auftritt. Sie haben dazu Mäuse, bei denen Muskelschwund durch Inaktivität ausgelöst wurde, mit LASSS und GSSSG behandelt. Die Nitrierung war bei den Mäusen aus der LASSS-Gruppe deutlich geringer als bei unbehandelten Mäusen, während GSSSG keinen schützenden Effekt ausgelöst hat. Das Experiment zeigt somit, dass LASSS Muskelatrophie durch Inaktivität hemmen kann.
In Anbetracht der Ergebnisse, laut denen LASSS nicht nur im Labor, sondern auch im lebenden Gewebe eine Schutzwirkung auslöst, wollen die Forscher weitere Studien mit alternden Tieren durchführen, um die Wirksamkeit und Sicherheit von LASSS im lebenden Organismus genauer zu untersuchen. Laut ihnen sollen die Ergebnisse dabei helfen, die Muskeln bei Senioren und Menschen mit länger körperlicher Inaktivität zu erhalten. Langfristig könnte dies die Selbstständigkeit und Lebensqualität im höheren Alter verbessern.
Quellen:
Studie im Fachmagazin Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-026-60835-w
![]()
26. Juli 2026
– Robert Klatt