Es war klar, dass es so kommen würde. Am vergangenen Donnerstag hatte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Entwürfe für neue Euro-Geldscheine der Öffentlichkeit präsentiert. Und dies mit einer, wie sagt man so schön, pfiffigen Idee verknüpft. Die Notenbank will nicht einfach eine Reihe neuer Motive auf die Scheine drucken, sie will die Europäerinnen und Europäer darüber abstimmen lassen. Und damit wohl auch den demokratischen Gedanken dieser Union mit Leben füllen.
Zwei unterschiedliche Motivreihen hat die EZB dazu in einem Onlinevoting zur Auswahl gestellt. Bis zum 21. September kann man sich durch die Designs für die 5-, 10-, 20-, 50-, 100- und 200-Euro-Noten klicken. Doch viele Bürgerinnen und Bürger dieses so vielfältigen und eigenwilligen Kontinents scheinen ganz andere Vorstellungen über das Aussehen ihres künftigen Geldes zu haben.
Überhaupt kann man fragen: Wer braucht in Europa eigentlich noch neues Bargeld, wenn immer mehr Menschen fast nie einen Geldschein zücken? Weit mehr als die Hälfte der Bezahlvorgänge wird im Euroraum inzwischen ohne Cash abgewickelt. Gerade jüngere Menschen nutzen, wenn möglich, ausschließlich Karten oder Handys, um zu zahlen.
»Unsere gemeinsame Identität gestärkt«
»Euro-Banknoten sind mehr als ein Zahlungsmittel«, entgegnet EZB-Präsidentin Christine Lagarde. »Sie sind eine der greifbarsten Ausdrucksformen Europas.« Eine regelmäßige Erneuerung der Banknoten sei notwendig, heißt es von der Zentralbank, um Geldfälschern einen Schritt voraus zu sein. Die Banknoten würden neuartige und verbesserte Sicherheitsmerkmale enthalten. Außerdem werde, sagt Lagarde, »durch Designs, die Schönheit und Sinn in sich vereinen, unsere gemeinsame Identität gestärkt«. Die Menschen in Europa sehen das wohl ähnlich, und vielleicht geben sich deshalb bisher einige nicht zufrieden mit dem, was die Zentralbank vorgelegt hat. Zur Abstimmung stehen die Motivreihen Europäische Kultur sowie Flüsse und Vögel.
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Erstere zeigt »herausragende Persönlichkeiten«, erklärt die EZB, »die zum Aufbau des europäischen Kulturerbes beigetragen haben«. So sind auf den Vorderseiten der Scheine etwa die griechische Opernsängerin Maria Callas zu sehen, der deutsche Komponist Ludwig van Beethoven, die aus Polen stammende Atomwissenschaftlerin Marie Curie oder der italienische Universalgelehrte Leonardo da Vinci. Aber auch hier will man offenbar die Teilhabe aller betonen – und nicht allein den europäischen Geisteseliten huldigen. Auf den Rückseiten der Scheine sind Straßenmusiker, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Parkanlagen, diverse Szenen aus dem europäischen Kultur- und Alltagsleben abgebildet.
Die Motivreihe Flüsse und Vögel zeigt, genau, Flüsse und Vögel. Zumindest auf der Vorderseite der Scheine. Genauer: einen Eisvogel in einem Wasserfall, einen Weißstorch über einem gewundenen Flusstal oder einen Säbelschnäbler, der im Schlamm nach Nahrung sucht. Mit der Gestaltung der Rückseite der Scheine wagt man den Brückenschlag zwischen Natur und europäischer Politik. Abgebildet sind die europäischen Institutionen: das Europäische Parlament, das Gebäude der EU-Kommission in Brüssel, der EZB-Turm in Frankfurt. Das alles soll daran erinnern, dass zu den Grundwerten des Projekts Europa auch der Umweltschutz zähle, heißt es von der EZB.
Rauchen, Campari, Musik
Solche Grundwerte sind vielen Europäerinnen und Europäern offenbar auch wichtig, weshalb auf diversen Social-Media-Plattformen schon kurz nach der Vorstellung der Scheine ganz andere, KI-generierte Motive kursierten. Die stellten ebenfalls den Naturschutz in den Mittelpunkt – nur etwas konkreter. Beliebt in diversen Abwandlungen ist etwa die Getränkeflasche mit angebundenem Schraubdeckel, die seit 2024 in der EU verpflichtend ist und die es den Menschen mitunter erschwert, direkt aus der Flasche zu trinken, was wiederum viele nervt. Aber vielleicht sind die Europäer auch ein bisschen stolz auf ihre Umweltbürokratie, die doch das Ziel hat, die Natur sauber zu halten.
Vielfach sieht man auch ein schon seit Monaten bekanntes Meme von zwei DJs aus Italien, die es in dem Konflikt zwischen Donald Trump und der EU wegen Grönland zu Beginn des Jahres zu einiger Berühmtheit gebracht hatten. In ihren Videos stehen sie lässig auf südeuropäischen Balkonen oder in irgendeiner Wohnung herum, rauchen, trinken Campari, hören einfach ihre Musik. Und alles andere: egal. Kommentiert werden ihre Videos zum Beispiel so: »Europäer mit null Prozent BIP-Wachstum sehen Amerika dabei zu, wie es ein Dritte-Welt-Land wird.«
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Häufig begegnet man auf den neuen erträumten Euroscheinen im Netz außerdem dem französischen Nationalspieler Kylian Mbappé. Der Fußballstar, der sich immer wieder politisch gegen Rassismus und rechte Politik äußert und dessen Eltern aus Kamerun und Algerien stammen, gilt vielen als Vorbild für eine diverse europäische Gesellschaft und Integration. Auch wenn genau diese Idee Europas von rechten Politikern wie der französischen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen – die sich im öffentlichen Dauerclinch mit Mbappé befindet – abgelehnt wird. Und wenn einige der Memes eher diesen Hintergrund haben dürften, so kann man Mbappé auf dem Euroschein auch folgendermaßen verstehen: Aus Sicht gerade derer in Europa, die selbst oder deren Eltern nicht auf dem Kontinent geboren wurden, besteht womöglich ein Bedürfnis, nicht nur die Leistungen eines weißen Mannes wie Beethoven auf einem Geldschein zu würdigen. Sondern auch die Leistungen der Zugewanderten.
Die Designvorschläge jedenfalls, die es in die offizielle Endauswahl der EZB geschafft haben, seien in einem EU-weiten Wettbewerb ermittelt worden, erklärt die Zentralbank. Mehr als 1.200 Grafikdesignerinnen und -designer hätten sich beworben. 25 von ihnen seien letztlich eingeladen worden, Gestaltungsvorschläge auszuarbeiten. Eine unabhängige Jury aus Fachleuten verschiedener Disziplinen wie Grafikdesign, Kommunikation, Neurowissenschaft und Geschichte habe anschließend zehn Vorschläge ausgewählt.
Die endgültige Entscheidung über die Gestaltung soll zum Jahresende der EZB-Rat fällen, dem die Mitglieder des Direktoriums und die 21 nationalen Notenbankchefs angehören. Dass dabei die Vorschläge aus dem Netz eine Chance haben, darf wohl bezweifelt werden.