Wenn der Sommer ins Schwitzen kommt, sucht man gerne Fleckchen in der Nähe von Wasser auf. Wir spazieren mit Lilly dorthin, wo einst die Mur-Flößer an Land gingen, zum Nikolaiplatz.
Besuchten wir zuletzt das Denkmal von Wilhelm Tegetthoff, so wechseln wir diesmal die Seite. Also über die Mur. Geneigte Leserinnen und Leser wissen schon, was jetzt kommt – die Lilly und die Brücke. Ja, natürlich bleibt sie wieder auf der Radetzkybrücke in der Mitte stehen und starrt fasziniert hinunter auf das dahingleitende Wasser. Derweilen erwartet uns schon Stadthistoriker Karl Kubinzky mit Fotografen Stefan Pajman beim Denkmal des Heiligen Nikolaus. „Was machen wir denn im Sommer beim Nikolaus, der kommt doch erst am 6. Dezember“, lacht der Stadthistoriker.
Die Antwort liefert er selbst, beim Erzählen, wie denn dieser Platz zu seinem Namen kam. „Der heilige Nikolaus ist der Schutzpatron der Reisenden, wie auch der Seefahrer, der Binnenschiffer, daher auch der Flößer. Und hier war in Graz eine der Anlegestellen der Flößer auf der Mur. Die Flöße damals bestanden zumeist nur aus zusammengebundenen Holzstämmen.“ Da die Flößer aber vor allem im Frühjahr und Sommer unterwegs waren, passt auch der Spaziergang über den Nikolaiplatz und die gleichnamige Gasse auch im Juli recht gut. Wobei der Platz zwischen Grieskai und Entenplatz erst 1995 wieder diesen Namen erhielt infolge der Neugestaltung. Vorher galt er einfach als Teil des Grieskais. „Allerdings“, flicht der Stadthistoriker ein, „gab es schon von 1813 bis 1870 einen Nikolaiplatz, auch im 19. Jahrhundert fand sich für neun Häuser die Bezeichnung Nikolauskai.“
Der Nikolaiplatz und der falsche Namenspatron Otto Nicolai
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Christian Weniger mit Lilly und Stadthistoriker Karl Kubinzky beim Nikolaus-Denkmal © Klz / Stefan Pajman
Verweilen wir noch einen Moment bei der Geschichte, für die es auch einmal den Versuch der Deutung einer anderen Herkunft gab, wie uns Kubinzky mit breitem Lächeln verrät. „Weil das Konservatorium mit seinem Haupteingang die Adresse Nikolaigasse hat, wurde behauptet, der Nikolaiplatz sei eigentlich nach dem Komponisten Otto Nicolai benannt, aber diese Deutung hielt nicht.“ Otto Nicolai, geboren in Königsberg, der heutigen russischen Enklave Kaliningrad, hielt sich Jahre in Wien auf. Mit seinen philharmonischen Konzerten (die erste „Philharmonische Academie“ dirigierte er 1842) gilt er als Gründer der Wiener Philharmoniker. Alles wunderbar – nur mit dem Nikolaiplatz hat Otto Nicolai nichts zu tun.
Noch ein kurzer Blick auf das so modern aussehende Konservatorium: Ursprünglich stammte dessen Gebäude aus den Jahren um 1840, beheimatete vor dem Konservatorium das Staatsgymnasium, wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und schließlich wieder aufgebaut. Der Nordwesttrakt zeigt noch die Fassade von einst und steht unter Denkmalschutz.
Das Nikolaus-Denkmal wurde 1995 aufgestellt
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Das Zentral-Gebäude der Kolonialimportgesellschaft, historische Adresse Grieskai 22 (heute Nikolaiplatz) © Sammlung Kubinzky
Nicht unter Denkmalschutz hingegen steht das Nikolaus-Denkmal. Das stammt aus jüngerer Zeit, geschaffen vom Grazer Bildhauer und Objektkünstler Bernt Preisegger. „Die Statue wurde am 6. Dezember 1995 eingeweiht, ich war dabei, es war ein verregneter, kalter Dezembernachmittag, etliche Nikoläuse versammelten sich um das Standbild“, erinnert sich Kubinzky und erinnert daran, dass es schon vorher eine alte Säule mit dem heiligen Nikolaus gab: „Diese wurde durch eine Bombe im Krieg beschädigt. Die Reste dieser Heiligensäule liegen im Keller des Graz Museums.“ Im „Keller“ des Nikolaisplatzes gibt es eine Tiefgarage, die in jüngerer Zeit errichtet wurde.
Der Nikolaiplatz bietet nicht nur einen feinen Ausblick auf Schloßberg und Altstadt, sondern hat auch selbst etwas für Blicke zu bieten. Wie das barocke Häuschen auf Nummer 1, das mit 1740 datiert wird. Der Kern des renovierten Baus daneben reicht gleichfalls in das 18. Jahrhundert zurück. Eine besondere Adresse stellt der Nikolaiplatz 3 dar. Es ist quasi ein Regierungssitz. Das Bürohaus mit sichtbaren Spuren der Wiener Werkstätten auf der Fassade wurde zwischen 1921 und 1923 in Stahlkonstruktion errichtet. „Seinerzeit mit Adresse Grieskai 22 war es das Zentral-Gebäude der Kolonial-Import-Gesellschaft“, weiß der Stadthistoriker. Heute amtiert hier das Wirtschaftsressort des Landes mit zuständigem Landesregierungsmitglied.
Wo sich Alt und Neu harmonisch die Hände reichen
Der Altstadt-Experte Peter Laukhardt erinnert an den Schuppen, der beim Bau der Tiefgarage einstürzte. Heute steht auf dieser Fläche ein moderner Bürobau. Fotos von einst zeigen auch, dass sich bei diesem Platz auch eine Tankstelle befand. Spätbiedermeier bietet das Haus auf Nummer 6 und wo auf Nummer 4 das ehemalige Gasthaus „Sandwirt“ seine Gäste mit Speis und Trank versorgte, wurde ein langgestreckter Bau mit Fassade, die nicht an einst erinnert.
Auf dem Nikolaiplatz und der Nikolaigasse reichen sich Alt und Neu harmonisch die Hände, das nette Café „Omas Teekanne“ lädt zum Verweilen ein und man kann sich gewiss sein – täglich grüßt hier der Nikolaus. Auch wenn Lilly den steinernen Heiligen misstrauisch beäugt, schließlich scheint sie doch Gefallen an ihm zu finden und lässt sich gemütlich nieder.
Das Buch zur Serie
Christian Wenigers historische Erkundungstouren mit Lillys Vorgängerin Paula sind in zwei Büchern erschienen. Zuletzt: „Neue Grazer Spaziergänge mit Paula“, Kleine Zeitung Edition, 160 Seiten, 18,90 Euro. Auf shop.kleinezeitung.at und im Buchhandel.
