Die Teilnehmer der NSHD haben außerdem kognitive Tests zum verbalen Gedächtnis und zur Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns absolviert. Bei einem Teil wurden Magnetresonanztomografiescans (MRT) durchgeführt, um objektiv ermitteln zu können, ob das Gehirn geschrumpft ist (Hirnatrophie) und ob sich die Hirnventrikel, also die mit Flüssigkeit gefüllten Hohlräume des Organs, vergrößert haben. Es handelt sich dabei um Indikatoren für eine schlechte Gehirngesundheit.

Schlechtere Ergebnisse in kognitiven Tests

Wie Dr. Jacques Wels erklärt, zeigen die Daten, dass Menschen, die im frühen und mittleren Erwachsenenalter entweder dauerhaft mit Geldproblemen oder dauerhaft mit einem niedrigen Einkommen lebten, mit 53 Jahren schlechter in kognitiven Tests abschneiden. Die Gehirnscans zeigen zudem, dass die Gehirngesundheit im höheren Lebensalter zwischen 69 und 71 Jahren bei Menschen mit einem anhaltend niedrigen Einkommen schlechter ist. Der Zusammenhang besteht auch dann, wenn man weitere Einflussfaktoren wie das Bildungsniveau und die Kindheitskognition berücksichtigt.

„Die meisten Studien zur kognitiven Alterung betrachten finanzielle Not nur zu einem einzigen Zeitpunkt. Unsere Studie, die Daten über mehrere Jahrzehnte nutzt, zeigt uns, dass die Anhäufung von Not über viele Jahre mit den schlechtesten Ergebnissen für die kognitive Gesundheit verbunden ist und nicht gelegentliche Phasen von Belastung“, erklärt Dr. Jacques Wels.

Wie Professorin Praveetha Patalay erklärt, liefert die Studie Indizien dafür, dass eine bessere Unterstützung von finanziell benachteiligten Personen dabei helfen kann, die Zahl der neuen Demenzfälle zu reduzieren.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Unterstützung von Menschen in finanzieller Not und die Verringerung chronischer Armut auch dazu beitragen könnten, kognitivem Abbau und Demenzfällen in Zukunft vorzubeugen“, so Prof. Praveetha Patalay.

Der Zusammenhang zwischen geringen Einkommen oder einer anhaltend angespannten finanziellen Situation und der schlechteren Gehirngesundheit im höheren Alter ist bei Männern besonders stark ausgeprägt. Außerdem sind Menschen mit Benachteiligungen in der Kindheit stark betroffen, also eine Gruppe, die sich laut einer kürzlich publizierten Studie durch ihre sozioökonomische Situation schlechter entwickelt als Kinder aus Familien mit höheren Einkommen.

Männer sind stärker betroffen als Frauen

Die umfassenden Daten zeigen, dass Männer, deren finanzielle Situation dauerhaft schlecht ist, mit 53 Jahren in kognitiven Tests schlechter abschneiden als Frauen mit einer ähnlichen Lebenssituation. Laut den Forschern ist es denkbar, dass die deutlichen Unterschiede darauf zurückgehen, dass betroffene Männer öfter schlechte Gewohnheiten wie Rauchen oder einen starken Alkoholkonsum entwickeln als Frauen. Es ist zudem denkbar, dass die finanzielle Situation Männer aus der Stichprobe öfter stark belastet, weil sie in ihrem Geburtsjahrgang oft die Hauptverdiener der Familie waren.

Laut den Forschern um Dr. Jacques Wels ist es denkbar, dass eine schlechte finanzielle Situation die Alterung des Gehirns beschleunigt, weil betroffene Personen aufgrund der Geldsorgen permanent kognitiv belastet sind und kaum Kapazitäten für andere Denkaufgaben haben. Der permanente Stress könnte zudem dazu führen, dass Entzündungen, die die Alterung des Gehirns beschleunigen, zunehmen. Außerdem ist es denkbar, dass der mit einem geringen Einkommen und finanziellen Problemen verbundene Lebensstil, etwa eine schlechte Ernährung, die Gehirnalterung fördern.

Quellen:

Studie im Fachmagazin Innovation in Aging, doi: 10.1093/geroni/igag054

26. Juli 2026

– Robert Klatt