Neue Fossilien von Doratodon

Das Problem jedoch: „Die bisher bekannten Überreste von Doratodon waren nur sehr bruchstückhaft, sie beschränkten sich auf Zähne und unvollständige Kiefer“, erklärt Rabi. Dies erschwerte eine genauere phylogenetische Einordung dieser Art und den Vergleich mit Urzeitkrokodilen aus Gondwana. Doch jetzt haben die Paläontologen bei neuen Ausgrabungen in der ungarischen Fundstätte Iharkút weitere Überreste von Doratodon entdeckt.

„Wir fanden einen Oberkiefer mit den charakteristischen Zähnen und stellten fest, dass dieser und der zuvor entdeckte Teilschädel perfekt ineinanderpassten“, berichtet Koautor Attila Ősi von der Eötvös-Loránd-Universität. „Es war klar, dass er zum gleichen Individuum gehört haben musste.“ Damit konnten die Paläontologen Anatomie und entscheidende Merkmale dieses urzeitlichen Landkrokodils erstmals genauer analysieren und rekonstruieren.
Krokodil-STammbaumDie stammesgeschichtliche Einordnung platziert Doratodon nicht bei den Krokodilen aus Gondwana (orange). Stattdessen gehörte er zu den auf Laurasia vorkommenden Gruppen. © Szegszárdi et al.,/ Scientific Reports, CC-by 4.0

Konvergente Entwicklung statt Verwandtschaft

Demnach war Doratodon carcharidens mit rund 1,50 Meter Körperlänge nicht sonderlich groß, aber durchaus angsteinflößend. Denn es besaß einen dinosaurierartigen Kopf mit zahnbewehrtem Maul und bewegte sich dank langer Beine relativ schnell. „Auf den ersten Blick schienen die neuen Funde die große Ähnlichkeit von Doratodon mit einigen ausgestorbenen Krokodilarten aus Afrika und Südamerika zu bestätigen“, berichtet Rabi.

Doch genauere Analysen der anatomischen Details ergaben Überraschendes: Trotz der oberflächlichen Ähnlichkeiten mit Urzeit-Krokodilen aus Gondwana war Doratodon nicht mit diesen verwandt. „Diese Art gehört vielmehr zu einer Gruppe von Krokodilen aus Nordamerika und Asien“, berichtet Szegszárdi. Die große Ähnlichkeit zu den Südkrokodilen beruht demnach nicht auf Verwandtschaft, sondern auf einer Konvergenz: Die Reptilien haben ihre fast identischen Merkmale unabhängig voneinander entwickelt – wahrscheinlich durch ähnliche ökologische Umstände.

„Kronzeuge“ für Eugondwana ist keiner mehr

Das bedeutet aber auch: Der bisherige „Kronzeuge“ für eine kreidezeitliche Landbrücke zwischen Afrika und Europa fällt nun weg. Denn Doratodon und seine unmittelbaren Vorfahren kamen den neuen Erkenntnisse zufolge nicht aus Gondwana, sondern aus Laurasia. Sie entwickelten sich demnach vor Ort und waren keine Einwanderer vom Südkontinent, wie die Paläontologen erklären.

Damit stützt der neue Fossilfund das tektonische Szenario einer frühen Trennung von Europa und Gondwana: „Doratodon hat sozusagen die prähistorische Karte Europas neu gezeichnet“, sagt Rabi. „Wir gehen nun davon aus, dass sich Europa und andere Teile Laurasias bereits im Jura vor rund 180 Millionen Jahren von Gondwana trennten. Das stimmt auch besser mit geologischen Modellen überein.“

Auch andere Fossilien falsch interpretiert?

Nach Ansicht der Paläontologen könnten auch einige andere Fossilien falsch zugeordnet worden sein, die bisher als Zeugnisse einer Landbrücke galten. Dazu gehören sowohl einige Fische als auch Landwirbeltiere. „Bei der erneuten Untersuchung anderer europäischer Arten, darunter Dinosauriern aus dieser Zeit, stellten wir fest, dass auch ihre Abstammung neu betrachtet werden muss“, berichtet Rabi.

Demnach gehen diese Arten wahrscheinlich ebenfalls nicht auf Einwanderer aus Afrika zurück, sondern entwickelten sich vor Ort aus Urahnen vom Superkontinent Pangäa. „Das ist wahrscheinlicher, als dass sie als Neuankömmlinge die Landmassen vom Süden aus in Richtung Europa überquerten“, sagt Rabi. (Scientific Reports, 2026; doi: 10.1038/s41598-025-28504-6)

Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen







6. März 2026

– Nadja Podbregar