Finden wir ihn schön?
Absolut. Dass dreitürige Geländewagen oft coole Proportionen haben, wissen wir aus der Historie, man denke nur an Lada Taiga, Suzuki Jimny, Toyota Land Cruiser, Mitsubishi Pajero und natürlich frühere Defender 90. Schönheit und Eleganz der Ausführung hebt dieser Defender allerdings auf ein völlig neues Level, wirklich Lichtjahre von allem entfernt, was es in diesem Segment bisher gab. Basis der brillanten Designleistung sind Kniffe wie die geschickten Abrundungen der Ecken, die den kastenförmigen Aufbau vollkommen modern aussehen lassen, und die dezent-luxuriösen Lichter, die sich als Glücksgriffe erwiesen haben. Dazu kommen Besonderheiten, von denen der Dreitürer speziell profitiert: Bis zu 22 Zoll große Räder, wie sie auch für den kurzen Defender 90 möglich sind (und am Testwagen montiert waren), schärfen die Proportionen bei so einem kurzen Auto nochmal mehr, so knackig sieht man das sonst eher auf Designskizzen oder Showcars. Über die Standards der Branche hinaus geht Land Rover auch mit den vollkommen ebenmäßigen Seitenflächen ohne sichtbare Übergänge zwischen sehr stark getönten Seitenfenstern und den schwarzen B-/C-Säulen. Dieser Kunstgriff kommt bei der simpleren Dreitürer-Flanke nochmal besser zur Geltung als beim Fünftürer. In Kombination mit dem Dach entsteht echte Zweifarbigkeit, der Aufbau erscheint vollkommen aus einem Guss. Das gibt es so bei keinem anderen Auto.
Kurioserweise ist der Defender 90 das kürzeste Auto von Land Rover (Karosserielänge ohne Reserverad fünf Zentimeter unter dem Evoque) und zugleich ein monumentales Luxusobjekt – nicht nur wegen seiner preislichen Nähe zu Edelautos wie dem Range Rover Sport, sondern auch weil er den stolzen Riesen der SUV-Welt, den großen Range Rover, mit 1,97 Metern Höhe um zehn Zentimeter überragt. Ähnlich hoch bauen nur Geländewagen wie die einen Zentimeter kleinere Mercedes G-Klasse und der vier Zentimeter niedrigere Toyota Land Cruiser, von denen es aber keine kurzen Dreitürer mehr gibt.
Was bietet der Innenraum?
Der Defender 90 hat das gleiche Cockpit wie die längeren Modelle, und so eine Konstruktion gibt es in der Autobranche kein zweites Mal. Ein massiver Rahmen mit großem Querträger bildet das Armaturenbrett und visualisiert die Steifigkeit der Gesamtkonstruktion. Die Türen legen ebenfalls ihre Struktur offen und lassen die Lackierung durchscheinen, auch die Schrauben sind sichtbar wie bei einer Royal Oak. Dass man im Gegensatz zu klassischen Luxus-Interieurs hier auch mal schmutzig einsteigen und seine Ausrüstung reinwerfen kann, ist für viele der wahre Luxus. Die Materialien sind robust und unempfindlich für Verschmutzungen, der Kofferraumboden abwaschbar. Der stilistische Kniff des Defender ist, dass sich diese Pragmatik mit luxuriösen Elementen kontrastieren lässt: In den Topversionen werden Armaturenbrett-Rahmen und Sitze mit feinen Lederqualitäten bezogen, die Produkten von Hermès und Chanel nichts nachstehen. Im Testwagen kam durchwegs recyclefähiger Kunststoff zum Einsatz, der so geschickt verarbeitet wird, dass man ihn auf den ersten Blick für Leder halten kann. Einen Land Rover ohne Tierhäute zu bestellen, erfordert dennoch gewisses Umparken im Kopf, wir brauchen da noch Zeit.
Der ersten Reihe wird im Defender 90 das volle Komfortprogramm des 110er geboten. Einzige Ausnahme ist der Griff zum Gurt, bei dem ein Coupé-Problem entstehen kann, wenn der Kunststoff des Vordersitz-Klappmechanismus zumindest in der ärmellosen Zeit an der sicherlich schönen Uhr des Fahrers schabt. Man entwickelt Routine im Umgehungsprozess. Platz für Fahrer und Beifahrer gibt es genug, der Innenraum des 90ers ist gleich breit wie der des 110ers, und das ist wirklich breit. Weil der Automatik-Wahlhebel im Armaturenbrett untergebracht ist, lässt sich vorne in der Mitte sogar ein zusätzlicher mittlerer Vordersitz einbauen, was den Defender 90 optional zum Sechssitzer und die Eltern zu Helden macht – Fiats Multipla lässt grüßen. Verzichten würde man allerdings ungern auf die serienmäßige Mittelkonsole, die mit ihren vielen schlauen und vor allem großen Fächern inklusive eines gar nicht so kleinen Kühlschranks einer Wundertüte gleichkommt. Unter Beifahrern hochgeschätzt ist die Ablageebene im rechten Teil des Armaturenbretts. Die aus der Nutzfahrzeugwelt entlehnte und qualitativ verbesserte – kein Rutschen, keine Absturzgefahr – Ablagemöglichkeit bietet großzügig Platz für Smartphones oder Bücher sowie Sonnen- und Lesebrillen mit aufgeklappten Etuis. Wunderbar.
Weniger komfortabel ist der Defender 90 für die zweite Reihe. Schon der Weg dorthin erfordert etwas Mühe und Zeit, die Vordersitze müssen zunächst umgeklappt und dann elektrisch nach vorne gefahren werden. Die Beinfreiheit ist hinten gar nicht schlecht, die eher geringe Sitzhöhe und die speziell mit dem Glasschiebedach eingeschränkte Kopffreiheit limitieren aber den Komfort in Reihe zwei.
Der Kofferraum ist mit aufgestellter Fondbank eher ein großes Ablagefach. In der Regel wird man im Defender 90 zumindest einen der drei Rückbank-Teile umlegen, wenn etwas transportiert wird. Die erweiterte Ladefläche ist dann etwas ansteigend, aber durch die Kastenform des Autos letztlich erstaunlich geräumig. Klarerweise liegt die Ladekante hoch, da muss man schon ein bisschen anpacken können, oder in Hotels mit entsprechendem Service absteigen. Die Ladeöffnung ist hoch, aber nicht extrem breit, Design und Stabilität verlangen hier Tribut. Als Kofferraumabdeckung gleitet kein Kunststoffrollo auf Schienen, dafür wäre der Defender 90 ohnehin zu kurz, sondern Stoff will einzeln eingehakt werden – das abwaschbare Textil kann auch herausgenommen und zum Umziehen der Schuhe oder als Picknickdecke verwendet werden. Weil die Scheiben ab der B-Säule so stark getönt sind, sieht man aber auch ohne Abdeckung nicht, was wirklich im Kofferraum lagert, so viel Sichtschutz gibt es selten. Um innen keinen Platz zu beanspruchen, hängt das vollwertige Ersatzrad auf der Heckklappe. Übrigens mit Originalfelge, damit es nach einer Panne auch stilistisch keine Probleme gibt.
Stilsicher zurückhaltend ist der Defender im Multimedia-Bereich. Das 13,1-Zoll-Touchscreen-Tablet mit der Pivi Pro-Software von Land Rover ist benutzerfreundlich und schnell. Alle Anforderungen an moderne Premiumsysteme sind erfüllt. Große Pluspunkte, wenn nicht veritable Kaufargumente, sammelt der Defender mit der klassischen Temperatursteuerung über Tasten und Rädchen sowie durch das branchenweit einfachste Abstellen aller lästigen Piepser und Mitlenker über eine Lenkradtaste.