
Aktivisten demonstrieren während der 26. Internationalen Aids-Konferenz für einen gerechten weltweiten Zugang zu HIV-Medikamenten und Präventionsangeboten.
Foto: AFP/PABLO PORCIUNCULA
Die Welt-Aids-Konferenz, die am Freitag endete, musste eine bittere Bilanz ziehen. Das Treffen von 20 000 Experten, Aktivisten, Politikern, Vertretern betroffener Communitys und auch von Pharma-Unternehmen, das alle zwei Jahre stattfindet, war damit konfrontiert, dass durch Kürzungen und politisch motivierte Rückzüge die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte bei der Versorgung von Millionen Menschen auf dem Spiel stehen. Laut einer Stellungnahme vom deutschen Aktionsbündnis gegen Aids und der Deutschen Aidshilfe zum Abschluss der Konferenz in Rio de Janeiro fragte sich die internationale HIV-Fachwelt nun, ob die solventen Staaten und die Pharma-Hersteller den Ruf nach mehr Unterstützung überhaupt gehört hatten.
Die aktuellen Mittelkürzungen vor allem durch die USA betreffen verschiedene Programme, die nun auf Bruchteile der vorher verfügbaren Ressourcen zurückgreifen können. Nicht überall können staatliche Stellen die Behandlung einfach übernehmen, auch weil es Vorbehalte gegen die Betroffenen gibt. Diese sehen sich in staatlichen Gesundheitseinrichtungen häufig stigmatisiert. In den separaten Einrichtungen der Hilfsprogramme war das eher nicht so: Hier wurden geschützte Räume angeboten. Fehlen diese, brechen viele die Behandlung ab.
Die Kürzungen betreffen unter anderem das US-Programm Pepfar: Auf der Konferenz in Rio wurde bekannt, dass weltweit 1700 HIV-Kliniken und Servicezentren schließen mussten. Vor allem in Afrika ist das der Fall. Das US-Programm, mit vollem Namen President’s Emergency Plan for Aids Relief, war die weltweit größte Initiative eines einzelnen Staates zur Bekämpfung einer spezifischen Krankheit. Es soll mehr als 26 Millionen Menschen das Leben gerettet haben und wurde 2003 von US-Präsident George W. Bush initiiert.
Zu den Fortschritten in der Prävention zählte zuletzt eine Form der Prophylaxe, bei der gefährdeten Gruppen prinzipiell bestimmte Medikamente zur Verfügung gestellt wurden: die Prep-Pillen, darunter das Mittel Truvada. Sie werden entweder täglich oder anlassbezogen (vor und nach dem Sex) eingenommen. In Deutschland sind sie bei erhöhtem Risiko Kassenleistung. Allein die Prep-Nutzung, die eine Infektion mit HIV nahezu sicher verhindern kann, ist weltweit innerhalb eines einzigen Jahres um fast 40 Prozent zurückgegangen. Dieser Einschnitt, aber auch andere Folgen der Kürzungen, können laut der UN-Aids-Organisation UNAIDS zu rund 3,9 Millionen zusätzlichen HIV-Infektionen bis zum Jahr 2030 führen.
»Die Frage ist aber nicht mehr, ob wir Aids beenden können. Die Frage ist, ob wir es wollen.«
Winifred Byanyima UNAIDS
Hoffnung machte zuletzt auch Lenacapavir, das ebenfalls zur Prep-Vorsorge gegen HIV eingesetzt wird. Die Depot-Injektion muss nur alle sechs Monate unter die Haut gespritzt werden. In der Republik Südafrika, wo das Medikament mitentwickelt wurde, ist es für 40 Dollar pro Kopf und Jahr erhältlich – für viele ärmere und in dieser Frage nicht privilegierte Staaten ein Traum. In klinischen Studien zeigten Medikamente wie Lenacapavir und die Prep-Pillen eine Schutzwirkung von nahezu 100 Prozent.
»Wir haben heute Präventionsmedikamente, die so wirksam sind, dass wir Aids als Gesundheitsbedrohung realistisch beenden könnten – wenn die Medikamente alle erreichen, die sie brauchen«, so UNAIDS-Geschäftsführerin Winifred Byanyima auf der Konferenz. Die Frage sei aber nicht mehr, »ob wir Aids beenden können. Die Frage ist, ob wir es wollen. Nicht die Wissenschaft steht uns im Weg – sondern Ungleichheit und politische Entscheidungen.«
Von der Deutschen Aidshilfe wurde angemerkt, dass zwar Vertreter der Staaten vor Ort waren, die durch die Kürzungen in Not gerieten. Deutschland indessen habe niemanden entsandt. Und die USA priesen auf einer Vorkonferenz ihr bilaterales Engagement. Dieses werde jedoch immer mehr in den Dienst nationaler Interessen gestellt und an Gegenleistungen geknüpft. Bei der Konferenz selbst fehlten hochrangige US-Vertreter. Auch Frankreich hat gerade seine Beiträge zum Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria um 58 Prozent gekürzt.
Dazu passt, dass neue Finanzierungszusagen der reichen Länder auf der Konferenz ausblieben. Auch Deutschland korrigierte gekürzte Beiträge nicht. Sylvia Urban von der Deutschen Aidshilfe resümiert, dass an Konzepten kein Mangel herrsche: »Das Wissen ist vorhanden und reichhaltig. Die im Feld HIV/Aids Engagierten haben längst bewiesen, wozu sie fähig sind. Was fehlt, sind Geld und politischer Wille.«