Im Kampf gegen iranische Shaheds bitten die USA und die Golfstaaten die Ukraine um Unterstützung. Denn bei der Drohnenabwehr gibt es ein gravierendes Problem, das bisher nur die Ukrainer gelöst haben.
Der Krieg am Golf ist keine Woche alt, da ändern sich bereits die Rollen in der globalen Konflikt-Diplomatie: Die USA sowie mehrere Golfstaaten haben die Ukraine um Unterstützung bei der Abwehr iranischer Shahed-136- Drohnen gebeten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte entsprechende Anfragen.
Die Bitte zeigt einen bemerkenswerten Rollentausch: Plötzlich ist die Ukraine ein gefragter Partner, kein hilfsbedürftiger Bettler mehr. Seit 2022 greift Russland ukrainische Städte mit genau diesen Drohnen an, geliefert aus dem Iran. Nun ist die ukrainische Armee erfahren im Umgang mit dieser Waffe, die Expertise ihrer Soldaten ist am Golf gefragt.
Drohnen bereiten größere Probleme als zunächst erwartet
Bei einem Briefing am Dienstag in Washington gestanden Vertreter der Trump-Regierung nach Angaben von US-Medien ein, dass die iranischen Shahed eine erhebliche Herausforderung darstellten. Die amerikanische Luftverteidigung werde nicht alle anfliegenden Systeme abfangen können. Verteidigungsminister Pete Hegseth und der Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff, General Dan Caine, hätten erklärt, die Drohnen bereiteten größere Probleme als zunächst erwartet.
Das liegt nicht daran, dass die US-Truppen und ihre Verbündeten nicht grundsätzlich in der Lage dazu sind, eine Shahed-136 Drohne abzuschießen. Sie wissen jedoch nicht, wie sie Hunderte davon abschießen können, ohne sich zu ruinieren. Denn eine Shahed oder die russische Weiterentwicklung Geran 2 kostet nach westlichen Schätzungen nur rund 30.000 bis 50.000 Dollar. Eine Patriot-Abfangrakete schlägt mit etwa drei Millionen Dollar zu buche. Wer mit derart teuren Raketen auf günstige Drohnen schießt, verliert auf Dauer einen ökonomischen Krieg, den selbst die reichen Golfstaaten so nicht führen wollen. Die Ukraine musste längst lernen, anders zu reagieren und genau dieses Wissen ist nun gefragt.
Natürlich ließ sich Selenskyj den kleinen Triumph nicht nehmen. Hilfe ja, sagte er, aber nur wenn sie den eigenen Kriegsanstrengungen nicht entgegensteht. Man werde jene unterstützen, die auch die Ukraine unterstützen. Es ist eine Formulierung, die an Donald Trump erinnert. Der hatte weitere Lieferungen von Flugabwehrwaffen mit dem Hinweis gebremst, man dürfe die eigenen Bestände nicht gefährden. Nun dreht sich das Argument um. Tatsächlich ist Kiew bereit, mit Know-how und Technik auszuhelfen. Dahinter steht auch diplomatisches Kalkül. Die Führung in Kiew hofft, dass die Golfstaaten im Gegenzug ihren Einfluss nutzen und den Druck auf Moskau erhöhen, den Krieg in der Ukraine zu beenden.
Hinweise auf die engen Verflechtungen zwischen dem Iran und Moskau liefern Funde aus abgeschossenen Drohnen. Die Trümmerteile einer Shahed-Drohne, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten eingeschlagen war, waren mit kyrillischen Seriennummern markiert. Augenscheinlich stammen Teile des iranischen Arsenals inzwischen aus russischer Produktion.
Die größte Produktionsstätte für Shahed-Drohnen steht inzwischen nicht mehr im Iran, sondern in der russischen Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan nahe Jelabuga. Dort werden die Systeme in großer Zahl gefertigt. Ukrainische Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass Russland modernisierte Varianten inzwischen auch an Teheran weitergibt.
Wie genau eine ökonomisch sinnvolle Abwehr der Shahed-Drohnen funktionieren kann, haben die ukrainischen Truppen in den vergangenen vier Jahren mühevoll ausgearbeitet. Sie setzen auf eine Mischung aus Punktverteidigung rund um Kraftwerke, Umspannwerke und Innenstädte, oft mit einfachen Mitteln wie Nachtsichtgeräten und schweren Maschinengewehren auf Pickups.
Eine Stufe darüber arbeiten Systeme wie der deutsche Flakpanzer Gepard mit seiner 35 Millimeter-Maschinenkanone, der in der Ukraine höchst erfolgreich im Einsatz ist. Er schießt deutlich günstiger als ein raketenbasiertes Flugabwehrsystem und hat sich gegen die langsam fliegenden Shahed-Drohnen bewährt.
Noch billiger ist die jüngste Entwicklung aus der ukrainischen Drohnenszene. Militär-Startups wie Wild Hornets oder General Cherry bauen kleine und günstige Abfangdrohnen, die eigens zur Jagd auf Shaheds konstruiert wurden. Die Geräte starten von einfachen Katapulten oder sogar aus der Hand, steigen auf mehrere hundert Meter und suchen ihr Ziel mit Wärmebildkameras oder optischen Sensoren. Teilweise werden sie von Bodenradar oder akustischen Sensoren in die Nähe der anfliegenden Drohne geleitet. Die Endphase übernimmt ein menschlicher Pilot per Funk oder in neueren Versionen eine künstliche Intelligenz. Die Abfangdrohne rammt das Ziel oder zündet eine kleine Sprengladung.
Daneben entstehen Modelle, die nicht nur als Kamikaze wirken. Einige Start-ups erproben Drohnen mit leichten Maschinengewehren oder Schrotladungen, die in kurzer Distanz feuern. Andere setzen auf Netze oder Splitterladungen. Das Prinzip bleibt gleich. Eine billige Drohne jagt eine billige Drohne. Die Kosten für die Abwehrdrohnen sind laut ukrainischen Angaben um bis zu zehnmal niedriger als die Kosten für den Bau einer Shahed. Zudem eignen sich die Abwehrdrohnen für die Massenproduktion in der heimischen Wirtschaft und müssen nicht teuer in den USA eingekauft werden. Genau diese Umkehr der Drohnen-Kriegsökonomie macht das ukrainische Modell für die Staaten am Golf interessant.
Doch auch Israel und die USA proben neue günstige Wege, um der Bedrohung durch die Shaheds zu begegnen. Israel kopiert ebenfalls eine Idee aus der Ukraine: Dort gehen Hubschrauber in der Nacht auf Drohnenjagd, schießen die langsamen Shaheds mit Maschinengewehren ab. Israel kann diese Idee noch weiter entwickeln, denn die Armee verfügt über den Kampfhubschrauber Apache Longbow mit seinem weitreichenden AN/APG-78 Mastradar. Dieses kann auch nach Luftzielen suchen, der Hubschrauber schießt diese dann mit seiner Maschinenkanone ab.
Ebenfalls sowohl in Israel als auch auf den US-Kriegsschiffen im Golf erstmals im Einsatz sind Laserwaffen zur Drohnenabwehr. Diese Waffen verändern das ökonomische Gleichgewicht des Drohnenkriegs vollständig. Munition in Form von Strom ist praktisch unbegrenzt verfügbar und kostet pro Einsatz nur wenige Dollar bis wenige Cent.
Laser als günstigste Alternative pro Abschuss
In Israel ist seit Ende 2025 ein neues Laserabwehrsystem namens Iron Beam Teil der Luftverteidigung des Landes. Das Lasersystem wurde von Rafael Advanced Defense Systems und Elbit Systems entwickelt, es kann Drohnen, Raketen und Artilleriegeschosse zerstören. Das israelische Verteidigungsministerium berichtete bereits über erfolgreich abgefangene Drohnen und betonte die Wirtschaftlichkeit der Abwehr.
Bei der US-Navy ist auf einem Arleigh-Burke-Zerstörer das Flugabwehrsystem HELIOS installiert. Das Pentagon veröffentlichte Bilder des Systems auf einem Zerstörer vor der iranischen Küste – laut unbestätigten Meldungen diverser US-Medien soll der Laser auch bereits kleinere iranische Drohnen abgeschossen haben. Der Hochenergie-Laser stammt von Lockheed Martin und eignet sich zur Abwehr von Drohnen, schnell fahrenden Booten und kleineren Raketen. HELIOS wurde bereits getestet, das Limit für die Anzahl der Schüsse wird allein durch die Stromversorgung des Schiffs gesetzt.
Wie viele Shahed-Drohnen der Iran noch in seinen Arsenalen hat, und wie viele klassische Flugabwehrraketen noch auf Seite der Golfstaaten und der USA verfügbar sind, ist aktuell nur schwer abzuschätzen. Doch die Dringlichkeit der Bitte an die Ukraine zeigt, dass zumindest die Golfstaaten fürchten, dass der Iran länger mit Drohnen schießen kann, als sie sie mit ihren bisherigen Systemen abschießen können.
Insbesondere die Anzahl der Lieferungen aus Russland ist eine große Unbekannte. Dass das Kräfteverhältnis derart ungünstig ausfällt, ist nicht zuletzt auf Seiten der Nato zu verorten: Die Ukraine bittet seit Monaten dringend um Marschflugkörper mit hoher Reichweite und insbesondere um Tomahawk-Raketen, um die Drohnenfabriken in den russischen Provinzen anzugreifen. Doch die USA unter Donald Trump lehnten die Bitten bislang ab, und auch Deutschlands Kanzler Friedrich Merz hat bislang den noch im Wahlkampf versprochenen Marschflugkörper Taurus nicht geliefert.
Wäre die Drohnenproduktion in Russland bereits gestört oder ganz ausgeschaltet, die Versorgungslage mit Shahed 136 auf iranischer Seite wäre vielleicht eine andere.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Wirtschaftsredakteur Benedikt Fuest berichtet regelmäßig über das KI-Rennen, Technologie und Rüstung.