Nina Böck spricht im Vorfeld des Weltfrauentags über Kinderlosigkeit und Familienplanung, die Bagatellisierung von Symptomen und darüber, warum die Krankheit Endometriose zumeist sehr spät diagnostiziert wird.

„Ich wünsche mir von allen Kolleginnen und Kollegen eine geschlechtersensible Perspektive. Ich wünsche mir ein Bewusstsein dafür, dass medizinische Studien über Jahrzehnte vor allem an Männern durchgeführt wurden. Viele Leitlinien und Dosierungsempfehlungen basieren auf Daten, die Frauen nicht ausreichend abgebildet haben. Wer gute Medizin machen möchte, sollte diese Lücken erkennen und aktiv handeln“, sagt Nina Böck, Gynäkologin und Referentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.

Sie ist Mitorganisatorin des Frauengesundheitstags im Rathaus, der sich in diesem Jahr vor allem den Themen Endometriose, Familienplanung und Reproduktionsmedizin beschäftigt. In Österreich ist nämlich etwa jedes sechste Paar von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen. Die Gründe dafür sind sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen zu finden.

Nina Böck im „Presse“-Interview

Die Presse: Rund um den Weltfrauentag am Sonntag rückt auch Frauengesundheit in den Fokus. Sie laden am 30. Mai zum zweiten Frauengesundheitstag ins Rathaus. Der erste im November 2024 stieß auf großes Interesse. Worauf führen Sie das zurück?

Nina Böck: Das Besondere an unserem Frauengesundheitstag ist, dass die Zielgruppe nicht nur Ärztinnen und Ärzte sind, sondern auch interessierte Frauen und Männer aus der Allgemeinbevölkerung. Zudem ist die Veranstaltung kostenlos. Das Thema des letzten Frauengesundheitstags war „Menopause, Hormone und Osteoporose”. Die Wechseljahre betreffen alle Frauen irgendwann in ihrem Leben. Trotzdem war dieses Thema bis vor kurzem sowohl in der Medizin als auch in der Gesellschaft unterrepräsentiert. So, wie bei vielen gesundheitlichen Themen der Frau wurde zur Menopause lange zu wenig geforscht.

Ein Fokus der Veranstaltung ist „informierte Familienplanung unter Berücksichtigung der Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin“. Warum dieses Thema?

In Österreich ist etwa jedes sechste Paar von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen. Gründe dafür sind sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen zu finden – schlechte Spermienqualität, fehlende Durchgängigkeit der Tuben, ovulatorische Störungen etc. Eine große Rolle spielt natürlich auch das zunehmende Alter der Paare. Während Frauen zwischen 20-30 Jahren eine etwa 30-prozentige Wahrscheinlichkeit haben, pro Zyklus schwanger zu werden, liegt sie mit 35 Jahren nur noch bei 15 Prozent pro Zyklus. Die Eizell- und Spermienqualität sinkt mit zunehmendem Alter deutlich.

Zudem suchen Paare häufig viel zu spät eine Kinderwunschklinik auf.

Genau, hier müssen sowohl Ärztinnen und Ärzte besser aufklären, als auch Paare rechtzeitig über ihre Probleme sprechen. Untersuchungen wie etwa ein Spermiogramm sind rasch und unkompliziert durchführbar. Bereits in der allgemeinmedizinischen Praxis könnte eine Basisabklärung bei Kinderwunschpatienten und eine Beratung durchgeführt werden, weshalb sich unsere Fortbildung nicht nur an Gynäkologinnen und Gynäkologen, sondern speziell auch an Allgemeinmedizinerinnen und -Mediziner richtet. Ärztinnen sind aufgrund der langen Ausbildung oft selbst mit einem späteren Kinderwunsch konfrontiert. Ich selbst konnte nur mit Hilfe von In-vitro-Fertilisation schwanger werden, und ich kenne einige Kolleginnen, die in der gleichen Situation sind bzw. waren. Leider sind diese Themen sehr schambehaftet und sogar unter Ärztinnen und Ärzten spricht kaum jemand darüber. Deshalb ist es uns sehr wichtig, dieses Thema zu enttabuisieren.

Der zweite Fokus betrifft die Erkrankung Endometriose und die späte Diagnose davon. Denn bis Endometriose diagnostiziert wird, vergehen im Schnitt neun Jahre. Wie ist das zu erklären?

Starke Regelschmerzen werden immer noch als „normal“ bagatellisiert – sowohl in der Gesellschaft als auch teilweise von behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Frauen hören über Jahre, dass diese monatlichen Schmerzen eben „dazugehören“. Darüber hinaus macht Endometriose oft auch sehr unspezifische Symptome und der erste Weg führt deshalb nicht immer zu Gynäkologinnen und Gynäkologen.

Welche Symptome zum Beispiel?

Zu den unspezifischen Symptomen zählen Rückenschmerzen, wechselnde Stuhlgewohnheiten, Völlegefühl, Blähungen, Schmerzen beim Wasserlassen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und unerfüllter Kinderwunsch. So, wie auch die Menopause war die Endometriose in der ärztlichen Ausbildung und Forschung lange unterrepräsentiert. Die lange Diagnosedauer ist deshalb ein Ausdruck struktureller Defizite in der Frauengesundheit. Es fehlt an Bewusstsein bei Ärztinnen und Ärzten. Versorgungsstrukturen wie etwa Endometriose-Zentren sind derzeit begrenzt. „Frauengesundheit Wien“ (MA 24, Anm.) hat deshalb auch einen Strategieprozess mit 23 verschiedenen Organisationen gestartet, der die Endometriose-Versorgung in Wien verbessern soll.

Was genau ist eigentlich Endometriose?

Endometriose zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen von Frauen im gebärfähigen Alter. Dabei wächst Gebärmutterschleimhaut, die normalerweise nur die Innenwand der Gebärmutter auskleidet, auch außerhalb der Gebärmutter – etwa an Eierstöcken, Darm oder Bauchfell. Das Gewebe reagiert auf hormonelle Veränderungen im Zyklus mit dem Unterschied, dass das Blut an diesen Orten nicht abfließen kann. Dadurch entstehen Entzündungen, Schmerzen und Verwachsungen, manchmal auch mit der Folge, unfruchtbar zu werden. Schätzungen zufolge sind in Österreich zwischen 120.000 und 300.000 Frauen und Mädchen betroffen, wobei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist.

Bis vor kurzem durften Frauen in Österreich ihre Eizellen nur aus medizinischen Gründen einfrieren lassen. Ende 2025 hat der VfGH entschieden, dass das allen möglich sein muss. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Es wird höchste Zeit, dass Social Egg Freezing auch in Österreich erlaubt wird. Es stärkt die Selbstbestimmung von Frauen und schafft Gleichbehandlung. Die Möglichkeit, Eizellen nicht nur aus medizinischen, sondern auch aus persönlichen Gründen einfrieren zu lassen, trägt der gesellschaftlichen Realität Rechnung: Ausbildungen dauern länger, Karriereverläufe sind vielfältiger und stabile Partnerschaften entstehen häufig erst später im Leben. Wichtig ist natürlich, dass Frauen eine seriöse ärztliche Beratung erhalten. Das Einfrieren von Eizellen ist keine Garantie für eine spätere Schwangerschaft oder ein Kind, sondern eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit. Die Folge wird sein, dass wir Ärztinnen und Ärzte mehr Beratungsgespräche führen müssen. Das sehe ich positiv, denn es kann dazu beitragen, das Thema Fertilität aus der Tabuzone zu holen. Ich hoffe deshalb, dass viele Ärztinnen und Ärzte und Interessierte unsere Veranstaltung besuchen, um ihr Wissen auf diesem Gebiet zu erweitern.

Was erwarten bzw. wünschen Sie sich von Ihren männlichen Kollegen, wenn es um Frauengesundheit geht?

Ich wünsche mir von allen Kolleginnen und Kollegen eine geschlechtersensible Perspektive. Ich wünsche mir ein Bewusstsein dafür, dass medizinische Studien über Jahrzehnte vor allem an Männern durchgeführt wurden. Viele Leitlinien und Dosierungsempfehlungen basieren auf Daten, die Frauen nicht ausreichend abgebildet haben. Wer gute Medizin machen möchte, sollte diese Lücken erkennen und aktiv handeln. Vor allem aber wünsche ich mir, dass von Frauen geschilderte Symptome ernst genommen werden – ohne Bagatellisierung.

Zur Person

Nina Böck ist Allgemeinmedizinerin und Gynäkologin in Ausbildung in der Klinik Favoriten und Leiterin des Referats für Frauenpolitik, Gender und Diversity in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Zusammen mit ihrer Co-Referentin Antonia Greb, Fachärztin für Innere Medizin im Hanusch Krankenhaus, organisiert sie den Frauengesundheitstag, der am 30. Mai zum zweiten Mal stattfinden wird – in Kooperation mit „Frauengesundheit Wien“ (MA 24).

Details und Anmeldung: www.frauengesundheitstag.at

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