Eine Frau geht an einem großen plastischen Modell eines Ohrs vorbei

AUDIO: Nachleben in der DDR – Fotoband von Erasmus Schröter (4 Min)

Fotoband „Lange Nacht“

Stand: 03.08.2026 03:00 Uhr

Erasmus Schröter (1956 bis 2021) war einer der bedeutendsten Leipziger Fotografen, bekannt für seine Fotos von spektakulär beleuchteten Bunkern am Atlantikwall und Porträts junger Männer beim Wave-Gotik-Treffen. Zu seinem 70. Geburtstag erscheint ein Bildband, mit dem Schröter 1982 seine Diplomprüfung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig absolvierte.

von Andreas Höll, MDR Kulturdesk

In den 80er-Jahren experimentierte Erasmus Schröter mit Infrarottechnik.
Da das Blitzlicht unsichtbar war, konnte der Fotograf unbemerkt dokumentieren.
Es entstanden faszinierende Aufnahmen mit verschwommenen und surrealen Bildwelten.

Ausgerüstet mit einer Spezialkamera, stürzte sich Erasmus Schröter Anfang der 80er-Jahre in das Leipziger Nachtleben. Völlig unbemerkt fotografierte er wartende Menschen an Straßenbahnhaltestellen, Liebespaare, tätowierte Männer auf Jahrmärkten oder Opernbesucher. Dabei verwendete er einen Infrarotfilm und die sogenannte Schwarzlicht-Methode.

Fotos mit Geheimdienst-Technik

Das war eine kaum bekannte Technik – und damals in der DDR äußerst geheimnisumwittert, erklärt seine Frau Annette Schröter, die als Künstlerin viele gemeinsame Projekte mit ihrem Mann realisiert hat und sich nun auch für seinen Nachlass einsetzt.

Partystimmung, Mann und Frau tanzen, die Frau trägt ein leichtes Sommerkleid mit freiem Rücken und hat den Arm um seinen Hals gelegt

Erasmus Schröter fotografierte diese Szene während eines Künstlerfests in Halle.

Diese Art der Fotografie sei im Osten nur vom Grenzschutz und Geheimdienst genutzt worden, denn: „Man sah den Blitz nicht, wenn man nachts Menschen fotografierte.“ Man brauchte spezielle Filme und auch die analoge Kamera musste verändert werden. Organisiert habe sich Erasmus Schröter diese Filme gemeinsam mit seinem Vater, der auch Fotograf war und aus Bitterfeld-Wolfen stammte: „Beide hatten einen sehr guten Kontakt zur Filmfabrik Wolfen.“

Man sah den Blitz nicht, wenn man nachts Menschen fotografierte.

Annette Schröter

Anonymer Beobachter von Passanten

Dank dieser ausgeklügelten Technik konnte der Fotograf regelrecht in die Anonymität abtauchen, wenn er in der Nacht die Menschen ablichtete. Man habe ihn nicht wahrgenommen, so Schröter, ihn manchmal sogar spöttisch angerufen: „Na, ist wohl kaputt!“

Männer im antel und Hut warten in der Nacht an einer Haltestelle, im Vordergrund eine Frau im Mantel, niemand schaut sich an

Die Infrarottechnik erlaubte Erasmus Schröter, als Fotograf in Anonymität abzutauchen, wie bei diesen „Wartenden“.

Der junge Fotograf aus der DDR war damals fasziniert von den Schwarz-Weiß-Bildern eines legendären Fotoreporters aus New York, wie sich Annette Schröter erinnert. Der amerikanische Fotograf Arthur „Weegee“ Fellig arbeitete in den 30er- und 40er-Jahren auch mit Infrarotfilm, unter anderem für die Polizei sowie an Unglücksstellen. In seinen Bildern ging es oft um Armut und Obdachlosigkeit.

Nachtleben in Leipzig statt New York

Erasmus Schröter fotografierte keine Tatorte in New York oder Schauplätze von verheerenden Unfällen und sozialem Elend. Er mischte sich vielmehr unter nächtliche Passanten in Leipzig oder trieb sich auf Künstlerfesten und Rummelplätzen herum. Und dabei entstanden faszinierende Aufnahmen, die eine ganz eigene Atmosphäre erzeugen und an verschwommene Traumbilder erinnern.

Eine Frau im Anzug führt ein Lama in einen Raum, ein anderer Mann im Kittel steht in der geöffneten Tür

Das Bild „Ein Lama soll in den Ballsaal geführt werden“ entstand laut Annette Schröter bei einer Veranstaltung im Zoo.

Alles am Rande oder im Hintergrund verschwinde im Dunkeln, beschreibt Schröter. Es sind Bilder aus einer anderen Welt, und zuweilen erinnern sie an surreales Theater, zum Beispiel die Aufnahme mit dem Titel „Ein Lama soll in den Ballsaal geführt werden“. Dabei handelte es sich Schröter zufolge wahrscheinlich um eine Veranstaltung im Zoo.

Bildband über einen eigenen Kosmos

Erasmus Schröter

Erasmus Schröter (1956–2021) bestand mit dem Bildband „Lange Nacht“ 1982 seine Diplomprüfung an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Und so entfaltet der Fotoband „Lange Nacht“ einen ganz eigenen Kosmos. Und zugleich zeigt er, wie technische Experimentierfreude und künstlerisch verfremdete Dokumentarfotografie neue Bildwelten erschaffen. Und nicht zuletzt ist er ein Zeugnis für das facettenreiche Werk des Künstlers Erasmus Schröter, der mit seinen Bildern deutsche Fotogeschichte geschrieben hat.

Bildband-Cover von "Lange Nacht" von Erasmus Schröter: Eine Person mit Brille hält ihre Hand vor die Kamera, will nicht fotografiert werden.

Buch-Cover

Informationen zum Buch

Erasmus Schröter: „Lange Nacht“
30 × 24 cm
140 Seiten
73 Abbildungen
Texte von Uwe Kolbe, Erasmus Schröter, Annette Schröter
Design: Jakob Kirch, Lamm&Kirch, Leipzig
Leinenband mit Siebdruck
ISBN 978-3-96070-145-3
44 Euro

Quelle: MDR KULTUR (Andreas Höll)

Redaktionelle Bearbeitung: jb, az