Man habe die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männern lange nicht auf dem Schirm gehabt, sagt Versorgungsforscher Wolfgang Frimmel. Er zeigt unter anderem, wie verschieden der Umgang mit medizinischen Leistungen ist.

Frauen leiden anders als Männer. Imago
Die Presse: Sie haben mit Februar den Lehrstuhl für Versorgungsforschung mit Schwerpunkt Geschlechtermedizin an der Uni Linz übernommen. Warum braucht es einen solchen Schwerpunkt im 21. Jahrhundert – werden Frauen bis heute zu oft vergessen?
Wolfgang Frimmel: Man hat das Thema lang überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt, aber es hat sich Gott sei Dank schon sehr viel in diese Richtung getan. Wir sehen in sehr vielen Bereichen Unterschiede: etwa bei der Verteilung von Krankheiten, zum Teil biologisch verursacht, zum Teil verhaltensbasiert oder aufgrund von Diagnostik.
Wo genau gibt es Unterschiede?
70 Prozent der Autoimmunerkrankungen findet man bei Frauen, das hat biologische Ursachen. Ein Klassiker ist Herzinfarkt, bei dem die Symptome bei Frauen anders sind und es auch Schwierigkeiten bei der Diagnostik gibt. Große Unterschiede gibt es auch bei Depressionen, sie werden bei Frauen viel häufiger diagnostiziert. Das heißt aber nicht unbedingt, dass ihre mentale Gesundheit schlechter ist: Die Symptome sind andere. Männer zeigen oft aggressives oder riskantes Verhalten, mehr Suchtverhalten. Bei Männern wirkt das Stigma von psychischen Erkrankungen stärker, das zeigt sich leider in der Suizidrate: Sie ist bei ihnen wesentlich höher als bei Frauen.
Privat
»Wir brauchen eine Sensibilisierung für eine geschlechtergerechte Versorgung.«
Wolfgang Frimmel,
Gesundheitsökonom
Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf?
Wir brauchen eine Sensibilisierung für eine geschlechtergerechte Versorgung. Die muss bei Medizinerinnen und Medizinern noch viel stärker verankert werden. Das versuchen wir über die Lehre, in Linz ist das schon seit Jahren Teil des Studiums. Wir wollen darauf hinweisen, dass es biologisch bedingte Unterschiede gibt, aber auch jene im Verhalten: Frauen und Männer kommunizieren anders, nehmen Leistungen unterschiedlich in Anspruch, haben ein anderes Präventionsverhalten. Das muss in der medizinischen Behandlung noch stärker ankommen. Wir haben aber schon viele Fortschritte gemacht, und auch in der Forschung passiert weltweit sehr viel. In meinem Bereich ist es mittlerweile fast schon Standard, dass man sich geschlechtsspezifische Unterschiede anschaut. Wobei wir noch immer viel nicht wissen.
Man hat erst in den 1990er-Jahren begonnen, stärker zwischen den Geschlechtern zu differenzieren. Nicht nur Studien, auch empfohlene Medikamentendosen orientierten sich lange ausschließlich an Männern. Sie sind Gesundheitsökonom: Hat diese Fehlversorgung nicht auch enormen volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet?
Das ist eine gute, aber sehr schwierige Frage. Zahlen oder Kostenschätzungen kann ich aber keine nennen. Der größte Schaden ist wohl in der Vergangenheit passiert. Ein Beispiel: Präventionsverhalten ist bei Frauen im Schnitt besser, Männer unternehmen viel zu spät etwas. Aber ist Ersteres volkswirtschaftlich besser? Prävention ist zwar immer für die Gesundheit gut, aber nicht notwendigerweise auf der Kostenseite, die Kosten verschieben sich einfach nur nach hinten. Die höchsten Kosten entstehen in den letzten Lebensjahren – und die gibt es immer. Aber, ja: Es hat Auswirkungen auf die Lebensqualität, das Arbeitsleben und wenn Pflegebedarf besteht.
Sie sind ja in erster Linie Versorgungsforscher. Inwieweit kann Ihre Arbeit helfen, geschlechterbedingte Versorgungslücken sichtbar zu machen?
Wir arbeiten mit anonymisierten Gesundheitsdaten und können damit die Versorgung und auch die Inanspruchnahme von Versorgung im realen Leben abbilden und geschlechtsspezifisch analysieren. Wir können relativ genau sagen, wie das Inanspruchnahmeverhalten zwischen Männern und Frauen – in unserem Fall für Oberösterreich – ist.
Zu welchen Erkenntnissen sind Sie dabei zum Beispiel gelangt?
Wir haben uns etwa die Kollateralschäden der Lockdowns in der Covid-Pandemie angeschaut. Bei den Analysen ist der mentale Gesundheitsbereich herausgestochen, vor allem bei den Jungen: Dort ist die Antidepressiva-Verschreibung signifikant gestiegen. Die ist bei Frauen zwar wesentlich höher als bei Männern, aber durch den Lockdown war der Anstieg bei Männern weit stärker als bei Frauen. Das hat uns überrascht. Wir haben einerseits gesehen: Wir müssen die psychische Gesundheit von Männern viel stärker in den Fokus nehmen. Und andererseits – und das ist eine positive Nachricht –, dass bei jungen Männern, anders als bei älteren, psychische Gesundheit einen höheren Stellenwert hat und man eher bereit ist, zum Arzt zu gehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Wie nah oder fern sind wir von einer personalisierten Medizin entfernt, bei der jede und jeder genau das bekommt, was sie oder er braucht?
Da gibt es sehr viele Fortschritte aufgrund der technologischen Entwicklungen. Es tut sich extrem viel und wird sich noch sehr viel tun. Aber personalisierte Medizin ist oft eine sehr kostspielige Sache. Wie sich das in der breiten Versorgung niederschlagen wird, wird sich noch weisen.
In der Versorgungsforschung geht es freilich nicht allein um das Geschlecht. Die Bevölkerung altert, und das bringt das Gesundheitssystem immer mehr an seine Grenzen. Woran krankt es denn am meisten?
Die Demografie ist die größte Herausforderung für das Gesundheitssystem in den nächsten 20 Jahren. Wir sehen die erste Welle, dass der Bedarf an medizinischer Versorgung einfach extrem ansteigen wird. So, wie es jetzt funktioniert, dass man überall alles bekommt zu jeder Zeit, das wird extrem schwierig werden. Wir sehen jetzt schon längere Wartezeiten, die Leute bekommen schwereren Zugang zu gewissen Facharztgruppen. Dass jeder immer überall hingehen kann, wird auf Dauer nicht funktionieren.
Was kann der Beitrag der Versorgungsforschung sein?
Wir schauen uns Trends an, wo und wie Versorgung geleistet wird, und auch die Kosten. Da geht es auch um die Frage des Best Point of Practice: Wo sollte man optimalerweise welche medizinische Behandlung leisten? Das Spital ist nicht immer der beste Ort. Das heißt aber auch nicht, dass man alles im niedergelassenen Bereich machen soll. Da können wir Evidenzen liefern. Uns beschäftigt zudem die Frage, wie sich Spitzenkapazitäten in Spitälern auf deren Organisation und die Patientinnen auswirken. Wir versuchen auch Vorschläge zu machen, wie wir Versorgung in Anbetracht der demografischen Welle, die kommen wird, leisten können.
Wie kann man die medizinische Versorgung auf hohem Niveau künftig aufrechterhalten?
Das österreichische Gesundheitssystem ist sehr komplex, es müssten alle ein bisschen über den Schatten springen und es müsste mehr Kooperation geben. Der Wunschgedanke wäre, das Finanzierungsdilemma aufzulösen: Man müsste etwa dort ansetzen, wo Dinge mehrfach gemacht werden, wo hin- und hergeschoben wird zwischen den Sektoren. Da könnte man Druck aus dem System nehmen.
Bessere Kooperation könnte also helfen.
Ja, man müsste z. B. an der Schnittstelle zwischen stationärem und niedergelassenem Bereich mehr kooperieren. Man könnte alle Informationen standardisiert in das Elga-System einspielen, auf das dann alle zugreifen, die jemanden behandeln. Dann sieht man: Er hat schon ein MRT gehabt, es muss nicht alles mehrfach erledigt werden, weil die Ärzte im niedergelassenen Bereich eventuell nicht wissen, was im Spital gemacht wird, und umgekehrt.
Sind hier rasche Lösungen tatsächlich realistisch?
Da bin auch ich skeptisch. Aber es hat in letzter Zeit überraschend offene Diskussionen dazu gegeben. Es ist vielleicht nicht realistisch in den nächsten fünf Jahren, aber irgendwann sind die Fakten dann so, dass es nicht mehr anders geht, dass gewisse Umstürze kommen müssen. Das gilt für alle, auch für Patientinnen und Patienten. Eine gewisse Art von Steuerung wird es geben müssen, da wird sich jeder ein bisschen anpassen müssen.
Erwirken auch Ihre Erkenntnisse Veränderungen?
Hoffentlich. Wir starten erst mit dem Institut. Das Thema interessiert viele, auch die Politik. Ich denke schon, dass die Inhalte wahrgenommen werden. Ob sie auch berücksichtigt werden, steht aber auf einem anderen Blatt Papier.
Zur Person
Wolfgang Frimmel (41) hat an der Johannes-Kepler-Universität Linz Wirtschaftswissenschaften studiert und sich dort auch habilitiert. Mit Februar wurde er ebenda zum Professor für Versorgungsforschung mit Schwerpunkt Geschlechtermedizin berufen.
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