In ihrer zweiten Regiearbeit »The Bride!« mit Jessie Buckley in der Titelrolle wollte sie sich wieder mit »radikaler Offenheit« schwieriger Themen annehmen, sagt Maggie Gyllenhaal im Interview mit der »Presse am Sonntag«.

Lange Zeit war Maggie Gyllenhaal vor allem als Schauspielerin tätig, inzwischen konzentriert sie sich auf die Arbeit als Filmemacherin. Nach ihrem Oscar-nominierten Regiedebüt „Frau im Dunkeln“ legt sie nun die Großproduktion „The Bride!“ vor, in der Jessie Buckley die Titelrolle und Christian Bale Frankensteins Monster spielt. „Die Presse am Sonntag“ traf die Regisseurin in London zum Interview.

Ms. Gyllenhaal, anders als man annehmen könnte, ist Ihre Regiearbeit „The Bride!“ nur sehr lose inspiriert von Mary Shelleys „Frankenstein“ und keine Neuverfilmung von „Frankensteins Braut“. Womit nahm denn diese Geschichte überhaupt Ihren Anfang?

Maggie Gyllenhaal: Nach meinem Regiedebüt „Frau im Dunkeln“ war ich auf der Suche nach einer Idee für meinen nächsten Film. Ich spielte gedanklich mit allerlei Themen, aber hatte keinerlei Vorstellung, welche Form sie annehmen könnten. „Frau im Dunkeln“ war ein wirklich kleiner Film, aber er schien mit seiner Ehrlichkeit einen Nerv zu treffen. Wir sprachen darin über etwas, über das sonst selten so freimütig gesprochen wird. Nämlich was es bedeutet, heutzutage Frau und Mutter zu sein. Es war, als hätten wir damit in eine Vene gestochen, die so lecken begonnen hatte. Und für mein nächstes Projekt fragte ich mich, ob Vergleichbares auch in sehr viel größerer Dimension möglich wäre. Also sich mit radikaler, emotionaler Offenheit vermeintlich schwieriger Themen anzunehmen, aber in Gestalt einer wilden, poppigen Achterbahnfahrt. Würde ich damit womöglich eine noch viel größere Vene treffen? Frankensteins Braut kam dabei allerdings erst ins Spiel, als ich zufällig bei einer Party einen Mann sah, der ihr Konterfei als Tattoo auf dem Arm trug.

Ja, denn obwohl ihr Abbild so ikonisch ist, hatte ich James Whales Film von 1935 nie gesehen. Das holte ich nach – und stellte fest, dass Frankensteins Braut trotz des Titels kaum mehr als zwei Minuten lang in dem Film vorkommt. Und vor allem kein Wort spricht. Das fand ich natürlich problematisch – und hervorragend geeignet als Ausgangspunkt für eine neue Geschichte. Natürlich soll man mitfühlen mit Frankensteins Monster und Verständnis haben dafür, dass er sich jemanden an seiner Seite wünscht. Aber was ist mit ihr? Was, wenn diese Braut, die aufgrund dieses männlichen Bedürfnisses zum Leben erweckt wird, selbst Bedürfnisse hat? Wenn sie mindestens so einsam ist wie er? Und wenn sie in keine Schublade passt, am wenigsten in die, die er sich für sie vorgestellt hat? Genau diese, mit meinem ersten Film letztlich sehr verwandten Fragen und Themen, wollte ich nun in ganz neuem Ausmaß ausloten.

Wie fanden Sie dann für diesen noch einigermaßen theoretischen Ansatz die passende Geschichte und vor allem die richtigen Bilder?

Mein erster Gedanke war es, die Geschichte dieser Braut in den 1870er-Jahren spielen zu lassen, im Amerika nach dem Bürgerkrieg. So viele Männer hatten damals ihr Leben verloren, und so viele Frauen suchten nach Wegen, um Geld zu verdienen. Ein neuer Beruf kam auf: Spiritualistinnen kamen zu einem nach Hause, um Kontakt zu den Toten aufzunehmen. Eine Zeitlang waren diese Frauen so allgegenwärtig wie heute Therapeuten. Für eine Geschichte, in der es darum geht, Verstorbene wiederauferstehen zu lassen, wäre dieses Setting interessant gewesen. Doch dann kam mir die Idee, dass Frankensteins Hauptbezugsperson ein Filmstar sein könnte. Jemand, dem er sich unglaublich eng verbunden fühlt, auch wenn es sich um eine komplett einseitige Beziehung handelt. So kam ich auf die 1930er-Jahre als Setting – und hatte die damalige Ästhetik als Blaupause für den Look des Films.

Wobei man vielleicht dazusagen muss, dass „The Bride!“ nun nicht ausschließlich den alten Hollywood-Glamour kopiert…

Natürlich nicht. Die Filme der Dreißiger waren letztlich durch und durch Fantasien, fernab der Realität. Das wollte ich nun mit meiner Geschichte aufbrechen und überlegen, was es wohl mit jemandem gemacht hat, wenn dessen eigene Liebesgeschichte nicht so aussieht wie die von Ginger Rogers und Fred Astaire. Dessen Gesicht, Körper oder Gedanken nicht dem entsprechen, was die Fantasien auf der Leinwand ihm vorlebten. Dieses Gefühl, aus dem Rahmen zu fallen und nicht den Normen zu entsprechen, sollte im Kern von „The Bride!“ stehen. Nicht nur, aber gerade aus weiblicher Perspektive. Entsprechend machte es Sinn, die 30er-Jahre-Ästhetik zwar als Ausgangspunkt zu nehmen, aber sie dann auch zu konterkarieren, etwa mit dem Punk-Vibe von downtown New York im Jahr 1981.

Das Gefühl des Andersein, mit dem man klarkommen muss, haben Sie anderswo als das Monströse in einem selbst beschrieben…

Im Nachhinein erscheint es mir unumgänglich, dass dieser Film eine Monster-Geschichte wurde. Denn die diffusen ersten Gedanken zu einer zweiten Regiearbeit kreisten eigentlich alle um die eigene Monstrosität, die jeder in sich trägt. Jeder entdeckt, wenn er genau hinsieht und ehrlich mit sich ist, an sich selbst Seiten, die ihm Angst machen. Die Frage ist dann, ob man sein Leben lang versucht, davor wegzurennen, oder das Monster in sich akzeptiert und ihm die Hand schüttelt. Kulturgeschichtlich haben wir über Jahrhunderte versucht, die Idee des Monströsen dazu zu nutzen, alles Düstere, Erschreckende und Perverse zu externalisieren und von uns fernzuhalten. Doch dauerhaft funktioniert das eher nicht. Und deswegen übt auch Frankensteins Geschichte einen so unendlichen Reiz aus: Weil er zwar ein Monster ist, aber auch so unglaublich menschlich und nachvollziehbar, nicht zuletzt in seiner Einsamkeit.

Gleichzeitig erzählen Sie auch von Misogynie, patriarchalen Strukturen und gesellschaftlicher Unterdrückung von Frauen…

Oh ja, es geht auch um das Monströse da draußen in der Welt, jenseits des Individuums. Das ist immer präsent, aber in manchen Zeiten ist es greif- und sichtbarer als sonst. Aktuell wahrscheinlich so sehr wie lange nicht, wenn ich an all die Enthüllungen in den Epstein-Akten denke oder den Fall Gisèle Pelicot. Gerade kommt so vieles ans Tageslicht, wovon auch „The Bride!“ explizit handelt. Dass der Film ausgerechnet jetzt ins Kino kommt, ist ein bemerkenswerter Zufall.

Zur Person

Maggie Gyllenhaal wird 1977 als Tochter eines Regisseurs und einer Drehbuchautorin in New York geboren.

Ihre erste Golden Globe-Nominierung erhielt sie 2002 für „Secretary“, u.a. war sie in „Mona Lisas Lächeln“ und „The Dark Knight“ zu sehen.

Für das Country-Drama „Crazy Heart“ erhielt sie 2010 eine Oscar-Nominierung.

„The Bride!“ ist soeben in den Kinos angelaufen.

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