Von Fotorealismus bis Glasinstallation
Stand: 05.08.2026 04:00 Uhr
Gerhard Richter wurde am 9. Februar 1932 in Dresden geboren und gilt als einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart. Seine Werke gehören zu den teuersten eines lebenden Künstlers. Berühmt sind seine fotorealistischen Kerzen, Porträts sowie die beeindruckenden Kirchenfenster im Kölner Dom und in Tholey. Das Werkverzeichnis des Malers umfasst 957 Gemälde, Bilder und Skulpturen. Wir zeigen Ihnen zwölf seiner bedeutendsten Werke und erzählen deren faszinierende Geschichte.
Tisch (1962) – der Beginn von Gerhard Richters Werkkatalog
Mit dem Bild „Tisch“ beginnt das Werkverzeichnis von Gerhard Richter 1962. Seine früheren Werke aus der Studienzeit in Dresden ließ er dort zurück, und die Bilder aus der Anfangszeit in Düsseldorf verbrannte er. Sie zählen für den Maler nicht zu seinem Werkverzeichnis. Auch beim Gemälde „Tisch“ wird der kritische und schonungslose Umgang mit den eigenen Bildern deutlich: Gefallen sie dem Künstler nicht mehr, werden sie übermalt. Die fotografische Vorlage für das Bild kam Richter zufolge aus einer italienischen Designer-Zeitschrift.

Das Gemälde „Tisch“ von Gerhard Richter zeigt einen Designertisch und wurde von einer Design-Zeitschrift inspiriert.
Motorboot (1965) – inspiriert von einer Kodak-Werbung
In den 60er-Jahren wurde Gerhard Richter bekannt für seine fotorealistischen Gemälde. Anregungen für diese Bilder fand der Maler in Anzeigen, Werbeblättern und Zeitschriften. Er riss sie heraus und malte sie ab. Bei „Motorboot“ ließ er sich von einer Anzeigenseite für die Kodak Instamatic Kamera inspirieren. In einem Interview sagte Richter einmal, dass die Pop-Art ihm so etwas wie ein „Alibi“ gegeben hätte, diese Fotografien für Bilder zu nutzen.

Gerhard Richters Bild „Motorboot“ beruht auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie aus einer Anzeige zur Bewerbung der Kodak Instamatic-Kamera.

Tante Marianne (1965) – Doppelportrtät: Gerhard Richter als Baby mit seiner Tante
Richter malte in den Sechzigern nicht nur Werbeanzeigen ab, sondern beschäftigte sich auch mit Fotos aus dem eigenen Familienarchiv. Das Bild „Tante Marianne“ zeigt die Schwester seiner Mutter und Richter selbst als Baby. Seine Tante erkrankte als junge Frau an Schizophrenie und wurde später von den Nationalsozialisten im Rahmen des Euthanasieprogramms ermordet. Das Bild selbst zeigt jedoch ein Idyll. Der grausame Tod der Tante wird nicht thematisiert.

„Tante Marianne“ von Gerhard Richter wurde 2006 für mehr als zwei Millionen englische Pfund bei Sotheby’s versteigert.

Künstler der Superlative
Kerze (1982) – Werk aus Richters Kerzen-Serie Anfang der 80er-Jahre
Das Ölbild, auf dem die Fotografie einer Kerze abgebildet ist, kann als ein Symbol für Vergänglichkeit, Tod und Trauer verstanden werden. In den 80er-Jahren hat Richter immer wieder Kerzen gemalt. Sie sind so im Bild platziert, dass man bis auf wenige Ausnahmen nie sieht, worauf sie stehen oder wie sie gehalten werden. Zuletzt hatte der Maler der Deutschen Presse-Agentur gesagt, seine Bilder von brennenden Kerzen ließen sich, wenn man dies wolle, auch auf die Corona-Krise beziehen. Manche erblickten darin vielleicht ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes.

Eines der Gemälde aus Gerhard Richters Kerzen-Serie wurde 1988 von der amerikanischen Rockband Sonic Youth als Cover ihres Albums „Daydream Nation“ genutzt.
Lesende (1994) – Porträt von Gerhard Richters dritter Frau
Immer wieder porträtiert Richter seine Familienmitglieder, wie beispielsweise seine Töchter Ella und Betty oder seine Ehefrauen. Auf dem Bild „Lesende“ ist Richters dritte Frau, Sabine Moritz, abgebildet. Sie steht dort, vor dem Fenster, und liest das Magazin „Der Spiegel“. Das Bild wird als Versuch gewertet, an die „Briefleserin am offenen Fenster“ von Jan Vermeer anzuknüpfen.

Das Gemälde „Lesende“ ist eines der fotorealistischsten Werke im Œuvre Gerhard Richters
48 Portraits, Biennaleansicht (1972) – 48 Persönlichkeiten aus Musik, Literatur und Wissenschaft
Die 48 Portraits sind Abbildungen von einflussreichen Männern – keinen Frauen – unter anderem aus den Bereichen Musik, Literatur und Wissenschaft. Von Franz Kafka über Thomas Mann, Albert Einstein bis Igor Stravinsky. Die Portraits wurden zuerst auf der Biennale in Venedig 1972 ausgestellt, als Richter als alleiniger Künstler den Deutschen Pavillon gestalten durfte. Dort fand er die passenden räumlichen Bedingungen für die Arbeit vor. Die Vorlagen für die Portraits stammen aus verschiedenen Lexika und Enzyklopädien.

Für den zentralen Saal des Biennale-Ausstellungspavillons malte Gerhard Richter 1972 einen Bilderzyklus aus 48 Portraits.
18.10.1977, Gegenüberstellung (1988) – Gerhard Richters vieldiskutierter RAF-Zyklus
Etwa zehn Jahre nach dem RAF-Terror thematisierte Richter die Geschehnisse im sogenannten RAF-Zyklus. 15 Ölgemälde, alle schwarz-weiß gehalten, zeigen unter anderem die RAF-Täter Gudrun Ensslin, Andreas Baader sowie Ulrike Meinhof. Der Zyklus, der offiziell den Titel „18.10.1977“ trägt, spielt auf die Nacht an, in der Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen in der JVA-Stammhein starben. Die Reaktionen auf die Bilder reichen von großem Lob bis zu heftiger Ablehnung. Intensiv diskutiert wird die bildnerische Repräsentation der Täter, während die RAF-Opfer nicht gezeigt werden.

Das Gemälde „Gegenüberstellung 1“ von Gerhard Richter zeigt Gudrun Ensslin, eine deutsche Terroristin der Roten-Armee-Fraktion (RAF).
Birkenau-Zyklus (2014) – künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust
Die Bilder des Birkenau-Zyklus sind Richters Versuch, sich künstlerisch mit dem Thema Holocaust auseinanderzusetzen. Diesen vier abstrakten Gemälden liegen vier Fotografien zugrunde, die ein Häftling 1943 heimlich im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau aufnahm. Gerhard Richter malte diese Fotos ab, verfremdete sie aber später durch mehrere Schichten Öl und bearbeitete diese mit einem Rakel.

Beim „Birkenau-Zyklus“ beschäftigte sich Gerhard Richter intensiv mit der Frage, ob und wie der beispiellose Völkermord der Nazis überhaupt darstellbar sei.
Kirchenfenster, Köln (2007) – Gerhard Richters Glaskunstwerk für den Kölner Dom
2002 erhielt Gerhard Richter den Auftrag, ein Südfenster des Kölner Doms neuzugestalten und sich damit dort zu verewigen. Von der ursprünglichen Vorgabe, sechs zeitgemäße Märtyrer abzubilden, wich Richter völlig ab. Er griff schließlich auf seine in den 70er-Jahren entstandenen Farbtafeln zurück. Über das komplette 106 Quadratmeter große Fenster sind 72 unterschiedliche Farbtöne nach dem Zufallsprinzip angeordnet. Seit der Fertigstellung 2007 ist das Fenster so beliebt wie umstritten. Während einige begeistert sind vom Farbenspiel bei Lichteinfall, kritisieren es andere als abstrakt oder beliebig.
Fels (1989) – Sinnbild für die Beziehung Richters zu seiner Heimat Dresden
Das 1989 entstandene abstrakte Gemälde „Fels“ steht für die besondere Beziehung zwischen dem Maler und seiner Heimatstadt Dresden. Richter stiftete es nach der Jahrhundertflut 2002, bei der auch die Depots der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) schwer beschädigt wurden. Der „Fels“ wurde für die Rekordsumme von 2,6 Millionen Euro versteigert – und der Erlös kam der Sanierung der Kunstsammlungen nach der Flut zugute. Der Käufer gab das Bild dann den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als Dauerleihgabe.
9 stehende Scheiben (2002) – Gerhard Richters berühmte Glasskulptur
Die neun stehenden Scheiben sind eine Glasinstallation, die für sich allein steht, aber auch den Betrachterinnen und Betrachtern einen neuen Zugang zu Bildern bietet, die im gleichen Raum ausgestellt sind. Glasarbeiten integriert Gerhard Richter bereits seit 1967 in seine Werkschauen. Durch sie werden fiktive Bilder geschaffen – wenn sich etwa Gemälde im Glas spiegeln oder in den Scheiben überlagern.

Die Glasinstallation dominiert einen von zwei den Werken Gerhard Richters gewidmeten Räumen im Dresdner Albertinum.
Kirchenfenster, Tholey (2020) – Gerhard Richters letztes großes Werk
Gerhard Richter hat drei Kirchenfenster in der saarländischen Abteikirche in Tholey gestaltet – und sie als letztes großes Werk angekündigt: Somit endet das Werkverzeichnis mit der Nummer 957. Die Motive basieren auf einem abstrakten Bild von Richter, das er für die Fenster durch wiederholtes Teilen und Spiegeln weiterentwickelt hat. Geld bekam er für die Gestaltung der Fenster nicht: Der Maler hat sie den Mönchen geschenkt.

In der saarländischen Abteikirche in Tholey hat Richter drei Fenster gestaltet.
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