Die Hölle ist eine scheinbar nie endende, menschenleere Ansammlung von Räumen mit gelbem Teppichboden, begleitet von dem unaufhörlichen Surren von Neonröhren. Das ist die fiktive Welt der „Backrooms“. Den gleichnamigen Horrorfilm haben bereits mehr als 20 Millionen Menschen gesehen. Protagonist Clark (gespielt von Chiwetel Ejiofor) ist ein unglücklicher Möbelverkäufer mit gescheiterter Ehe, der in seinem Laden übernachtet, als er eines Nachts ein flackerndes Licht bemerkt. Er geht dem Flackern im Keller nach und landet durch eine Wand in den „Backrooms“, die nach und nach ihren ganz eigenen Schrecken entfalten. So weit, so kurios.

Der Film geht zurück auf ein Internet-Phänomen. Kane Parsons, der auch Regie führte, hat auf YouTube eine ganze Serie rund um die „Backrooms“ erschaffen. Die Ursprünge des Phänomens liegen aber noch weiter zurück. 2019 tauchte in einem Internetforum ein Foto eines fensterlosen Raumes mit gelbem Teppichboden auf. Ein Nutzer erfand eine Geschichte zu dem Bild: Wer an den falschen Stellen in der Realität durch Wände gehe, lande in den „Backrooms“ – jener alptraumhaften, gelben Endloswelt.

Die Ästhetik der Liminal Spaces

Die „Backrooms“ gehören zur Ästhetik der sogenannten Liminal Spaces. Damit sind Durchgangs- beziehungsweise Zwischenorte gemeint, denen wir im Alltag häufig wenig Beachtung schenken. „Parkhäuser, Wartezonen, Hotelflure, Unterführungen und Sicherheitsbereiche sind solche Räume“, erklärt Erika Mierow, architektur- und wohnpsychologische Beraterin. „Sie werden von uns Menschen physisch genutzt und wir durchqueren sie, aber sie laden nicht zum Aufenthalt ein.“

Diese Räume seien rein funktional; eine persönliche, emotionale oder soziale Beziehung entstehe nicht. „Sie werden nicht als identitätsstiftend oder aneignungsfähig erlebt“, sagt Mierow. Die Bedürfnisse nach räumlicher Kontrolle und Überschaubarkeit würden nicht erfüllt und machen unsicher und fühlen sich ‚fremd‘ an. „Es sind Zwischenräume ohne persönliche, soziale Bindung.“

Der Begriff „Liminal“ leitet sich vom lateinischen Wort „limen“ ab, was „Schwelle“ bedeutet. Ein liminaler Raum ist also ein Zwischenraum an der Grenze von dem, was vorher war, und dem, was noch nicht eingetreten ist. Das Konzept der Liminalität geht auf den Ethnologen Arnold van Gennep zurück. Im Jahr 1909 veröffentlichte van Gennep „Les rites de passage“, eine Studie darüber, wie Gesellschaften Übergänge strukturieren. Er beschrieb einen dreiteiligen Prozess bei kulturellen Übergangsriten: Die liminale Phase beschreibt die Zeit, in der jemand seinen alten Status verliert und darauf wartet, einen neuen Status zu bekommen. In dieser mittleren Phase des Rituals, der Schwelle, manifestiert sich die Liminalität.

Charakteristisch für Liminal Spaces ist die Abwesenheit von Menschen. Das macht sie auch so unheimlich. „Es ist wie die Abwesenheit wichtiger menschlicher Bedürfnisse nach Wohlgefühl, Geborgenheit und Vertrauen. Menschen möchten Zeit an Orten verbringen, an denen sie sich wohl und mit einer Gemeinschaft oder Nachbarschaft verbunden fühlen“, erklärt Mierow. Dagegen seien diese Zwischen-Räume nicht fördernd für Körper und Geist. „Visuell ansprechend wären mögliche unterschiedliche Details, Texturen, Formen, Muster und Farben, die der Orientierung und der Überschaubarkeit dienen.“

In Kinofilmen haben liminale Räume eine gewisse Tradition: etwa im menschenleeren, endlos wirkenden Hotelflur in Stanley Kubricks Horror-Klassiker „Shining“ oder in der künstlichen Welt der „Truman Show“.

Der eigentliche Horror der „Backrooms“

Solche verlassenen Zwischenräume rufen Unwohlsein hervor. „Diese Orte werden zu einer wahrgenommenen Bedrohung und führen zu Vermeidungsverhalten“, sagt Mierow. Es entstehe ein Gefühl der „gestörten öffentlichen Ordnung“, was zur Folge habe, dass Gesetze und Regeln außer Kraft gesetzt würden.

„Für den Film ‚Backrooms‘ hat der Regisseur die Stresssituation auf die Spitze getrieben und mit den Ängsten gespielt, die durch die fehlende Berücksichtigung menschlicher Bedürfnisse entstehen“, so Mierow. Dabei werde die Monotonie der Räume, die fehlende Übersichtlichkeit und die fehlende Kontrolle (Sind hier noch andere Menschen?) besonders betont.

Gänzlich verlassen sind die „Backrooms“ allerdings nicht. In Kane Parsons Film tauchen irgendwann Monster auf. Logisch, es ist ja immer noch ein Horrorfilm. Doch die Monster sind nicht das Unheimliche. Der eigentliche Horror entfaltet sich, wenn Clark durch die schier endlose Welt aus gelben Wänden irrt. Verloren in seinen eigenen Gedanken und voller Angst, welche Gefahren sich hinter der nächsten Ecke verbergen könnten. Allein.