Für die einen bedeutet das Rutenfest vor allem eines: Tradition, Feiern und Gemeinsamkeit. Eine Ravensburgerin setzt sich mit ihrem Dokumentarfilm „Vaterstadt“ nun aber kritisch mit dem Rutenfest auseinander. Gegenüber dem Wochenblatt verrät die Filmemacherin Anna Schubert bereits erste Details, worum es in ihrem Dokumentarfilm geht, der im Herbst seine Premiere feiern soll.

Das Ravensburger Rutenfest lockt jährlich über 100.000 Besucher in die Stadt der Türme. Wie lange das Fest bereits besteht, ist unklar. Ein erster Beleg stammt aus dem Jahr 1645. Über viele Generationen wurde das Rutenfest weitergetragen und als Tradition bewahrt. In den Jahren 2019 bis 2022 wurde die Kritik an der Benachteiligung von Frauen in den Trommlergruppen am Rutenfest immer größer. In den traditionellen Trommlergruppen der Gymnasien und Realschulen in Ravensburg sind Mädchen und junge Frauen nicht zugelassen. Mit der Premiere der Trommlergruppe „Turmfalken“ nahmen 2022 erstmals auch Mädchen und junge Frauen in einer eigenen Gruppe am Rutenfest teil. Der SPIEGEL sprach damals von einer „oberschwäbischen Revolution“. Seit 1992 nehmen jedoch die Rutentrommler als einzige der traditionellen Ravensburger Trommlerkorps Jungen und Mädchen gleichberechtigt auf.

Die 32-jährige Anna Schubert kommt aus Ravensburg und ist mit dem Rutenfest aufgewachsen. In ihrem Dokumentarfilm „Vaterstadt“ setzt sich die Ravensburgerin nach eigenen Angaben mit ihrer Wahrnehmung von Machtverhältnissen, „dem weißen Patriarchat“ und Gewalt am Rutenfest auseinander (Anm. d. Red.: Die Formulierungen stammen aus einem Zitat der Filmemacherin). Hinter dem Filmtitel „Vaterstadt“ stecken mehrere Bedeutungen laut Schubert. Sie erinnert an die Metapher des „Vater Staates“, der für Recht und Ordnung sorge und dessen Bedeutung sie auf die Stadtverwaltung überträgt. Weiter sei der Titel auch an den Begriff „Vaterland“ angelehnt, mit dem man sich zu seiner Heimat und Herkunft bekenne, gleichzeitig habe man laut Schubert in Ravensburg einen Ort, an dem Fragen von Zugehörigkeit, Identität und Tradition verhandelt würden. „Insgesamt ruft der Titel Assoziationen zu Bürgerlichkeit, deutscher Geschichte und Kultur, nationaler Identität, familiären Generationenfolgen und Patriotismus hervor. All diese Themen werden, so meine Auffassung, im Rutenfest besonders sichtbar gemacht, inszeniert und fortgeschrieben“, sagt Schubert.

Die Idee für den Titel des Films sei durch einen Fund im Stadtarchiv Ravensburg entstanden. Dort sei Schubert auf eine Bildersammlung des Ravensburger Buchdruckers Josef Zittrell gestoßen, der den Titel „Meine Vaterstadt Ravensburg in Bildern“ getragen habe.

Darum geht es in „Vaterstadt“

In dem Film geht es laut Schubert vor allem darum, „inwiefern subjektive Geschichten oder Wahrnehmungen zu Wahrheiten werden und wie wir innerhalb dieser Geschichten Identität leben, inszenieren und Macht aushandeln“, sagt sie. Nach eigenen Worten möchte sie mit dem Film erreichen, dass man am Rutenfest anderen Perspektiven mit mehr Verständnis und Empathie begegnen solle, statt diese als Bedrohung für seine Identität wahrzunehmen.

Auch der Vorsitzende der Rutenfestkommission Dieter Graf wurde im Rahmen des Dokumentarfilms interviewt. Auch der Vorsitzende der Rutenfestkommission Dieter Graf wurde im Rahmen des Dokumentarfilms interviewt. (Bild: Screenshot Instagram @vaterstadt)

Nach Ansicht Schuberts stellen Frauenhass und Homophobie tiefgreifende gesellschaftliche Probleme dar und würden in vielen Bereichen als „normal“ wahrgenommen. „Ich möchte die Verletzungen sichtbar machen, die durch das weiße Patriarchat entstehen, und Menschen verdeutlichen, dass sie nicht auf die Essenz ihrer Identitäten festgelegt sind. Dass sie sich von diesem Gedanken befreien können“, sagt Schubert. Im gesellschaftlichen Kontext möchte sie mit dem Film Anstöße geben, das Normale zu hinterfragen, anderen Raum zu geben und Gewalt zu erkennen und zu unterlassen.

Rund vier Jahre Arbeit

2022 habe Anna Schubert angefangen, sich wieder stärker mit dem Rutenfest auseinanderzusetzen. Anfang 2024 ging sie dann in die Planung und Konzeption des Films „Vaterstadt“. Unter den Protagonisten sind der Vorsitzende der Rutenfestkommission, Dieter Graf, sowie Mitglieder der Trommlergruppe Turmfalken und weitere Personen, die Schubert für den Film interviewt hat.

An dem Film beteiligt waren neben Anna Schubert auch Claudio Brauchle, Rebecca Emmler und Maxi Schellhaase. In der Nachbearbeitung unterstützten sie rund acht Personen. Finanziert wurde die Produktion laut eigenen Angaben ausschließlich durch eigene Mittel der Filmemacherin und Unterstützer.

Bewerbung auf Filmfestivals

In Biberach, Ravensburg, Kassel, Mainz, Leipzig und Berlin habe Anna Schubert ihren Film bei Filmfestivals eingereicht. Ihr Wunsch wäre, dass „Vaterstadt“ auf einer entsprechenden Veranstaltung seine Premiere feiern kann. Noch im Herbst und Winter dieses Jahres wolle Schubert dann erste Vorführungen in Kinos der Region und deutschlandweit zeigen.

Wie die Reaktionen auf ihren Dokumentarfilm „Vaterstadt“ ausfallen werden, könne sie nur schwer einschätzen. „Regional, insbesondere in Ravensburg, wird das Thema sicherlich für Diskussionen sorgen, an denen ich mich sehr gerne beteiligen werde“, sagt die 32-jährige Ravensburgerin.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Mädchen und Frauen erst seit 2022 an den Trommlergruppen des Rutenfests teilnehmen dürfen. Diese Darstellung war unzutreffend. Tatsächlich nehmen die Rutentrommler als einziges Ravensburger Trommlerkorps seit 1992 Mädchen und Jungen gleichberechtigt auf. Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert und bitten den Fehler zu entschuldigen.