Keine Frage: Natürlich würden Judas Priest instrumental ein perfektes Konzert abliefern, sie sind schließlich erfahrene Profis. Aber wie würde sich Sänger Rob Halford schlagen? Schließlich wird er diesen Monat 75 Jahre alt und seine Kreissägenstimme muss irgendwann dem Alter Tribut zollen. Der Auftritt vor knapp 10.000 Fans im Neu-Ulmer Wiley-Sportpark hat gezeigt: Da geht noch was! Es war ein würdiger Abschluss der diesjährigen Wiley-Freiluftkonzerte – wozu auch der Auftritt der ehemaligen Accept-Röhre Udo Dirkschneider einen erheblichen Teil beigetragen hat.
Auch Helden altern, das ist nun Mal der Lauf der Dinge. Die Sänger altgedienter Rockbands können mit ihrer Stimme irgendwann nicht mehr die einst erreichten Höhen erklimmen. Dann werden halt die Gitarren etwas tiefer gestimmt und schwierige Vokal-Passagen ein wenig eingeebnet. Manche quälen sich dann ebenso gut, es geht noch ein paar Schreie ab, wie etwa Ian Gillan, der mit Deep Purple vor Kurzem in Wiblingen aufgetreten ist und demnächst 81 wird. Da geht schon lange nicht mehr viel.
Rob Halford hat seine Stimmbänder ordentlich gepflegt
Rob Halford, der mittlerweile wie der Metal-Methusalem aussieht, hat seine Stimmbänder besser gepflegt, was einigermaßen erstaunlich ist, hat er sie doch in den 70er und 80er Jahren mit Alkohol und Drogen traktiert, bis er sich für einen deutlich gesünderen Lebenswandel entschied. Er ist eben mit einer außergewöhnlichen Stimme gesegnet, mit der er einerseits knurren kann wie ein zorniger Straßenköter und andererseits als menschliche Brandsirene durchgehen kann.
Als die Band exakt nach Zeitplan um 21.15 Uhr in die Show einsteigt, muss er sich bis jetzt nicht sehr anstrengen: Die ersten drei Brecher „You‘ve Got Another Thing Coming“, „Metal Gods“ und „Breaking The Law“ singt im Prinzip das Publikum alleine. Erst beim fünften Stück „The Sentinel“ lässt er die Stimme so richtig in die patentierte Halford-Kreischzone steigen. Dann hat er sich offenbar warmgesungen und gibt immer mal wieder stimmlich Stoff, bis hin zur Hochtempo-Monsternummer „Painkiller“ vor der Zugabe. Da lässt er nichts vermissen gegenüber dem Original aus dem Jahr 1990, mit dem Judas Priest all den jungen ungestümen Wilden der heranwachsenden Thrash- und Speed-Metal-Bands zeigten, wo im wahrsten Sinne des Wortes der Hammer hängt. Danach atmet Rob Halford sichtlich schwer. Aber: Respekt für diese Leistung!
Judas Priest bleiben ein hochsolides Qualitätsprodukt
Die Band donnert sich an diesem Abend durch ein weit gefasstes Programm mit 17 Songs aus elf Alben – auch wenn nicht jedes Stück heutzutage noch gespielt werden muss, wie das Uraltmetall „The Ripper“ oder das komplett uninteressante „Steeler“, der schwächste Song auf dem bahnbrechenden „British Steel“-Album, einem Meilenstein der 1980 heranbrandenden New Wave Of British Heavy Metal. Die Band spielt perfekt, die Bluttransfusion mit den zwei jüngeren Gitarristen Richie Faulkner und Andy Sneap (ist nur Tour-Musiker) hat ihr gut getan. Judas Priest bleiben ein hochsolides Qualitätsprodukt der britischen Schwermetallindustrie.

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Udo Dirksschneider sorgte mit mit alten Accept-Nummern für mindestens so gute Stimmung wie der Hauptact Judas Priest.
Foto: Reinhard Pfetsch
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Udo Dirksschneider sorgte mit mit alten Accept-Nummern für mindestens so gute Stimmung wie der Hauptact Judas Priest.
Foto: Reinhard Pfetsch
Die Stimmung ist gut, aber nicht wirklich euphorisch, sie hängt sogar zuweilen etwas durch, wenn nicht gerade Stimmungsgranaten wie „Turbo Lover“ und „Living After Midnight“ gespielt werden. Da ging es im Vorprogramm mit Udo Dirkschneider besser zur Sache. Der feierte 50 Minuten lang all die alten Accept-Heuler aus den 80ern ab und die Leute sangen und schrieen sich die Stimmbänder aus dem Hals. Was soll man auch anderes tun bei „Princess Of The Dawn“ und „Balls To The Wall“? Übrigens: Dirkschneider ist nur gut ein halbes Jahr jünger als Halford. Was macht da die Stimme? Sagen wir so: Auf die kam es bei ihm noch nie so richtig an. Dafür war die Stimmung durchgehend großartig.