Sie zählen nicht zu den Unglücklichen, die es bisher nicht zur Brancusi-Retrospektive in die Neue Nationalgalerie geschafft haben und nun an den letzten Tagen in der Schlange büßen, oder 35 Euro für ein Expressticket zahlen müssen?
Dann lassen Sie doch für dieses Wochenende Berlins Kulturszene einmal links liegen. Die meisten Galerien tun es auch und haben geschlossen. Ihre Schützlinge haben sie vorher häufig noch in den spannenden Ausstellungen untergebracht, die jetzt in Schlössern, Gutshäusern und deren Parks jenseits der Hauptstadt glänzen.
Hier sind unsere Empfehlungen von Potsdam bis an die Grenze zu Polen. Wir wünschen eine schöne Landpartie.
1 Sound Biesenthal
Rebecca Horn, Die sanfte Gefangene, 1978.
© joanna krawczyk
In der Wehrmühle an der Finow findet seit 2006 im Sommer die Art Biesenthal statt. Ursprünglich vom E-Bike-Pionier Michael und seiner Frau Ayla Hecken veranstaltet, galt sie unter Insidern als Geheimtipp und war eine kleine, aber feine Kunstintervention – nur eine Autofahrtstunde von Berlin entfernt.
Seit Tochter Tijoe Meyer Hecken die Direktion übernommen hat, ist man um mehr Sichtbarkeit bemüht und lädt externe Kurator:innen ein. In diesem Jahr wird unter der Leitung von Domenico Positano aus der Art Biesenthal die Sound Biesenthal.
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Im historischen Verwalterhaus, im White Cube der Villa und im Garten sind Werke von Tony Cokes, Isa Genzken, Gregor Hildebrandt, Rebecca Horn, Idris Khan, David Medalla, Bruce Nauman, Albert Oehlen, Raha Raissnia, Jürgen Staack (siehe oben), Wolfgang Tillmans, Naama Tsabar und anderen mehr zu sehen und zu hören.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der Klang selbst – nicht nur als Medium, sondern als konzeptionelles Werkzeug, mit dem Fragen der Wahrnehmung, des Raums, der Erinnerung und der sozialen Beziehungen beleuchtet werden.
Vor Ort haben als Artist‑in‑Residence Galina Kolchina und Liam Gordon an ortsspezifischen Arbeiten und einer Klanginstallation gearbeitet, die sich thematisch mit der Symbolik der Hand auseinandersetzt. Am 30. August ab 12 Uhr ist erst die Outdoor-Installation zu erleben, bevor Liam Gordon ab 18 Uhr die letzten Klänge der Sound Biesenthal in den Brandenburger Äther schickt.
Diesen Sonntag um 16 Uhr zeigt Künstlerin Anna Kuen eine Performance. In den abstrakten Gemälden der Wahlberlinerin, die bei Daniel Richter studiert hat, treffen kantige und organische Strukturen aufeinander. Kuen ist außerdem erfolgreich als Model und DJ unterwegs. Ziemlich cool.
Besonders ans Herz legt Tijoe Meyer Hecken den Tagesspiegel-Leser:innen das Konzert der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker am 23. August im Museumsgarten. (Tsp)
Wehrmuehle MuseumWehrmühlenweg 8, 16359 Biesenthal. Ab Berlin Hbf. mit dem RE3 und RB24 ab Bernau ca. 1 Stunde.bis 30.8., Sa/So 12-19 UhrTickets für 20 Euro gibt es hier.wehrmuehle.de 2 Potsdam: Zum Paradies
Die Villa Schöningen in Potsdam.
© Villa Schöningen/Noshe 2024
Als Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen 1664 die Potsdamer Havellandschaft betrachtete, fand er sie überirdisch schön: „Das Eyland muss ein Paradies sein“, so soll er sie gelobt haben. Knapp zweihundert Jahre später wurde in dieses Paradies die von Ludwig Persius entworfene Villa Schöningen gebaut, in Sichtachsenentfernung zu den Schlössern Glienicke und Babelsberg.
Des einen Paradies ist des anderen Albtraum.
Lena Schneider über den roten Faden der Ausstellung „Zum Paradies“.
Seit 2009 ein Ausstellungshaus, zeigt die Villa Schöningen unter dem Titel „Zum Paradies“ Kunstwerke, in denen das Paradies als christlicher Sehnsuchtsort und koloniales Trauma, als Bild für Ausgrenzung und Misogynie, für ausgebeutete Natur oder auch für lesbische Lust interpretiert wird.
Lisa Seebach, Future Healing Pills, 2019/2026.
© Sascha Herrmann
Werke aus der Sammlung Mathias Döpfners stehen wie hier schon oft erprobt neben neuer Kunst. Der altmeisterliche Kupferstich eines Albrecht Dürer erinnert an die christliche Mär von der Vertreibung aus dem Paradies durch Evas Schuld – während gegenüber in großem Format Trulee Halls Lilit triumphiert, jene erste Frau von Adam, die dem Paradies freiwillig den Rücken gekehrt haben soll.
Sarah Lehnerer, 10.02.2025; Trulee Hall, Ophidiophilia (Lillith), 2021; Christin Kaiser, Wundes Gewand, 2026.
© Villa Schöningen, Foto: Sascha Herrmann
Des einen Paradies ist des anderen Albtraum: Der Gedanke zieht sich als roter Faden durch diese inspirierende Ausstellung – in der Villa und auch draußen, im arkadischen Garten. (les)
Villa SchöningenBerliner Str. 86, 14467 Potsdam. Berlin Hbf. RE 1 oder S 7 bis S Wannsee, Bus 316 bis Glienicker Brücke oder Tram 93 von Potsdam Hbf.bis 23.8., Fr-So 12-18 Uhr8 Euro, erm. 5 Euro, U18 freivilla-schoeningen.de 3 Petzow am Schwielowsee
Schloss Petzow am Schwielowsee.
© IMAGO/Jürgen Held
Eine Straße wie aus einem Rosamunde-Pilcher-Film, am einen Ende die Dorfkirche von Schinkel, am anderen Ende ein neogotisches Schloss mit Blick auf den Schwielowsee. Vermutlich hatte Peter Joseph Lenné bei der Anlage des Parks seine Finger im Spiel. Die Szenerie von Petzow ist einfach traumhaft.
Die wirkliche Attraktion ist heute der neu angelegte Schlossgarten mit seiner perfekten Balance zwischen alten Mauern und moderner Gartenkunst, mit dem Klaus Kosakowski die Idee des Brandenburger Landschaftsgarten neu erschaffen wollte. Der prächtige Küchengarten versorgt das Sternerestaurant Alte Überfahrt in Werder, das wiederum die Picknickkörbe für das Petzower Sommer-Picknick packt (Sa/So 5./6.9.)
Blütenpracht im Schutz alter Mauern.
© TIMM KÖLLN
Dazu kommt ein vielfältiges Kulturprogramm, ob Kammermusik mit dem Lenné Quartett Berlin
(Sa 22.8., 19 Uhr), eine Lesung mit Florentine Joop, die aus ihrem neuen Roman „Sommer im Heckenrosental“ liest (So 30.8., 17 Uhr) oder „Jazz in the Garden“ mit Björn Bergmanns „First World Problems” (Sa 19.9., 16 Uhr).
Wurzelbogen im „verzauberten“ Teil des Gartens.
© Tim Kölln
Am schönsten ist die Anreise per Dampfer mit der Weissen Flotte. Mit Stopps beim Bonsaigarten, der Fischerkirche in Ferch oder Caputh lässt sich der Besuch zu einer schönen Wanderung oder Fahrradtour erweitern. (ipa)
Schlossgarten PetzowZelterstr. 4 C, 14542 Werder (Havel), Ortsteil Petzow. Bus 607 ab Potsdam Hbf.Bis Oktober Sa/So 13 und 16 Uhr Führungen, bis Dezember (in der Regel) jeden ersten Sonntag im Monat „freies Lustwandeln“ 13:30-18 Uhr. Nächster Termin: 13. September.Führungen 15-19 Euro, Lustwandeln 10 Euroschlossgarten-petzow.de 4 Art Shapes Spaces – 1. openart Lausitz
Simono, Rhythm and Flow, Still 1 / Wasserfall, 2026.
© Simono
In der brandenburgischen Lausitz eröffnet unter dem Titel „Art Shapes Spaces“ ein neues Format für zeitgenössische Kunst im ländlichen Raum, das künftig alle zwei Jahre stattfinden soll. Lokale, nationale und internationale Künstler*innen zeigen hier im August und September auf der 1. openart Lausitz Biennale ihre Kunst.
71 Künstler:innen präsentieren an 11 Orten ihre Werke, darunter auch prominente Namen wie Tracy Snelling, Johanna Reich und Nezaket Ekici. Alle Arbeiten sind ortsspezifische Arbeiten und nehmen Bezug auf besondere Orte, sei es ein leer stehender Wohnblock, das neue Museum in Forst, das Künstlerdorf Jamlitz oder das beeindruckende Industriedenkmal Biotürme, in denen ab den 1950er Jahren das Kokswasser gereinigt wurde.
Wie eine trutzige Burg aus einem Science-Fiction-Film: die Biotürme in der ehemaligen Kokerei Lauchhammer.
© Imago/ Suedraumfoto
In der Sektion „Offene Räume / Open Spaces“ öffnen lokale Kunst- und Kulturschaffende ihre Türen. Verschiedene Workshops und Veranstaltungen laden dazu ein, selbst kreativ zu werden und mit Künstler:innen in den Austausch zu kommen.
Wie die Orte, in der Regel unter zwei Stunden, zu erreichen sind, erfahren Sie hier. (Tsp)
Verschiedene Orte in der Lausitzbis 20.9., in der Regel Do-So 11-18 Uhrbis auf wenige Ausnahmen kostenlos, z.B. Kunstgussmuseum Lauchhammer: 7 Euro und Forster Museum 3 Euroopenart-lausitz-biennale.de 5 Skulpturenpark in Schwante
Erwin Wurms „Balzac“ blickt aufs Schlossgut Schwante.
© Silvia Passow
Im Havelland etwa 25 Kilometer nordwestlich von Berlin liegt das Schlossgut Schwante im Ortsteil Oberkrämer. Hausherrin Loretta Würtenberger hatte sich schlicht verliebt, als sie das Anwesen vor einigen Jahren entdeckte. Heute lebt sie mit ihrer Familie in dem alten Schlossgebäude, aus den angrenzenden Wiesen hat sie einen öffentlich zugänglichen Skulpturenpark gemacht.
In diesem Jahr ist unter anderen die neue Skulptur „FEED” von Künstler und Kunstgießer Karl Karner zu sehen, für die er heißes Wachs in kaltem Wasser erstarren ließ. Oder „Double Doubt (Neuroses)“ von Erwin Wurm. Die lebensgroße Aluminium-Skulptur zeigt eine menschliche Silhouette in Kleidung, deren Arme kopfüber nach oben gestreckt sind und erinnert an seine berühmten „One Minute Sculptures“. Im Skulpturenpark Schwante steht sie nun im Dialog mit Wurm’s „Balzac“ (Foto oben).
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Frühaufsteher:innen können diese Woche den sonnigen Sonntagmorgen ab 10 Uhr mit einer Open-Air-Atemmeditation im Schlossgarten begrüßen (20 Euro inkl. Eintritt). Am Sonntag, 23. August zeigt Artist-in-Residence Lucie Strecker um 14 Uhr in einer Performance, woran sie gerade arbeitet (15 Euro exkl. Eintritt). Um die Verbindung von Essen und Kunst geht es bei „Art & Food“ (Sa 29.8. und 5.9., 17 Uhr) und im weitesten Sinne beim Apfelerntefest am Wochenende 19./20. September.
Auch sonst ist für kulinarische Genüsse ist in Schwante gesorgt. Restaurant und Hofladen sind am Wochenende von 12 bis 18 Uhr geöffnet, es gibt Kaffee und Kuchen oder kleine, feine Gerichte mit Kräutern, Salat und Gemüse aus der Region. Das Schlossgut züchtet auch eigene Wagyu-Rinder gemeinsam mit einem benachbarten Landwirt. Manchmal gibt es Fleisch und Burger vom Grill. (rieg)
Schlossgut SchwanteSchlossgut Schwante, Schlossplatz 1-3, 16727 Oberkrämer. S-Bahn 25 bis Hennigsdorf, RB 55 bis Station Schwante. 7 Minuten Fußweg.bis 12.10., Sa/So 12-18 Uhr, 12 Euro12 Euroschlossgut-schwante.deMehr KunstEs geht um Strahlkraft Neuer Brandenburger Kunstpreis wurde neu konzipiert Selbstvergessen Eine Ausstellung in der Galerie Albrecht fordert mehr Empathie Kunst per Post Kunsthaus Potsdam schickt Mail Art auf die Reise 6 31. Rohkunstbau in Altdöbern
Barockschloss Altdöbern, Veranstaltungsort der 31. Rohkunstbau, 2026.
© Waldemar Brezinski
Wird Rohkunstbau, die abenteuerlustige Wanderschau, die schon so viele Orte in Brandenburg entdeckt und aufgewertet hat, sesshaft? Ein weiteres Mal residiert die Ausstellung in Schloss Altdöbern, etwa eineinhalb Autostunden von Berlin entfernt. Der öffentliche Nahverkehr benötigt allerdings gut 2,5 Stunden in den Kreis Oberspreewald-Lausitz.
Doch dafür ist auch das Schloss aus dem frühen 18. Jahrhundert mit seinem groß angelegten Park und dem kleinen See eine Reise wert. Drinnen beeindrucken vor allem Installationen und Skulpturen vor dem historischen Stuckinterieur.
Kateřina Vincourová, One With the Other, 2006.
© Courtesy Kateřina Vincourová & Rohkunstbau/ Foto: Waldemar Brezinski
. Die Künstlerin Kateřina Vincourová stellt zum Beispiel zwei aufblasbare Puppen mit Köpfen aus schwarzen Bällen aus; die eine balanciert auf den Füßen der anderen. Ein selbst spielendes Klavier namens „Die launische Forelle“ kommt von Ulrich Vogl – samt Raubkatzen-Foto und Fisch-Aufsteller. Von Denise Flamme ist eine zwei Meter hohe Installation aus Materialien wie Latex, Metall und Gips zu sehen, die in knalligen Farben an menschliche Organe erinnert.
Der Berliner Kulturhistoriker Christoph Tannert hat als Thema die „Kunst des Überschreitens“ gewählt: Was ist das Neue? Und wie kommt es in die Welt? (Tsp/dpa)
Schloss AltdöbernAm Park 3, 03229 Altdöbern. Von Berlin Hbf. RE20 bis Lübbenau, dann Bus RE7 bis Altdöbern.bis 1.11., Fr 13-18 Uhr, Sa/So 12-18 Uhr12 Euro, erm. 7 Eurorohkunstbau.net