Herz-Hirn-Achse rückt bei Alzheimer zunehmend in den Fokus
Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache einer Demenz und stellt angesichts der alternden Bevölkerung eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen dar. Neben klassischen neurodegenerativen Mechanismen gewinnen vaskuläre Faktoren zunehmend an Bedeutung. Hypertonie, Diabetes mellitus und zerebrovaskuläre Erkrankungen gelten bereits als modifizierbare Risikofaktoren. Weniger klar ist jedoch, welchen Einfluss einzelne Subtypen kardiovaskulärer Erkrankungen auf die Entstehung einer Alzheimer-Krankheit ausüben.
Kardiovaskuläre Erkrankungen als differenzierte Alzheimer-Risikofaktoren
Vor diesem Hintergrund analysierten Toyli und Kollegen phänotypische sowie genetische Zusammenhänge zwischen Alzheimer und elf verschiedenen kardiovaskulären Erkrankungen in zwei großen populationsbasierten Kohorten.
In die Querschnittsanalyse gingen Daten von mehr als 502.000 Teilnehmenden der UK Biobank sowie rund 287.000 Personen des US-amerikanischen „All of Us Research Program“ ein. Mittels logistischer Regressionsmodelle wurden die Zusammenhänge zwischen Alzheimer und einzelnen kardiovaskulären Erkrankungen untersucht. Berücksichtigt wurden unter anderem Alter, Geschlecht, Diabetes, Body-Mass-Index, Rauchen, Alkoholkonsum, Depression und sozioökonomische Faktoren. Zusätzlich erfolgte eine Analyse gemeinsamer genetischer Varianten anhand verfügbarer Daten aus genomweiten Assoziationsstudien (GWAS).
Hypotonie zeigt stärkste Assoziation zur Alzheimer-Krankheit
Nahezu alle untersuchten kardiovaskulären Erkrankungen waren mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für eine Alzheimer-Krankheit assoziiert. Die stärkste und konsistenteste Beziehung zeigte sich überraschend für die Hypotonie. In der UK Biobank betrug die adjustierte Odds Ratio (OR) 2,74 (95 %-Konfidenzintervall [KI] 2,52 bis 2,98), im All of Us Research Program 1,97 (95 %-KI 1,57 bis 2,23). Ebenfalls robuste Zusammenhänge fanden sich für Hypertonie und Schlaganfall. Herzrhythmusstörungen waren insbesondere in der UK-Biobank signifikant mit Alzheimer assoziiert.
Hypotonie, Hypertonie und Schlaganfall als unabhängige Risikofaktoren
Demgegenüber zeigte sich für den akuten Myokardinfarkt in beiden Kohorten keine signifikante Assoziation zur Alzheimer-Krankheit. Auch chronisch rheumatische Herzerkrankungen erreichten keine statistische Signifikanz. Nach Berücksichtigung kardiovaskulärer Komorbiditäten blieben insbesondere Hypotonie, Hypertonie und Schlaganfall weiterhin unabhängig mit Alzheimer verbunden, wenngleich die Effektstärken geringer ausfielen.
Genetische Daten untermauern Verbindung über Herz-Hirn-Achse
Die genetischen Analysen identifizierten zahlreiche überlappende Genloci zwischen kardiovaskulären Merkmalen und Alzheimer. Besonders häufig fanden sich gemeinsame Varianten im Bereich des APOE-Locus auf Chromosom 19 sowie der Gene MAPT, SPI1 und WNT3.
Diese Gene sind sowohl an Lipidstoffwechsel und Gefäßfunktion als auch an neurodegenerativen Prozessen beteiligt und liefern biologische Hinweise auf gemeinsame pathophysiologische Mechanismen.
Wie Hypotonie das Alzheimer-Risiko erhöht
Die Ergebnisse lenken die Aufmerksamkeit auf die bislang vergleichsweise wenig untersuchte Hypotonie als potenziellen Risikofaktor für kognitive Beeinträchtigungen. Denkbare Mechanismen umfassen eine chronische zerebrale Minderperfusion, oxidativen Stress sowie eine Förderung der Tau-Pathologie.
Gleichzeitig diskutieren die Autoren eine bidirektionale Beziehung, da autonome Funktionsstörungen bei Alzheimer ihrerseits zur Blutdruckregulation beitragen könnten. Ethnische Subgruppenanalysen deuteten zudem darauf hin, dass Hypertonie insbesondere bei schwarzen und hispanischen Populationen stärker mit Alzheimer assoziiert war als bei weißen Teilnehmern.
Kardiovaskuläre Gesundheit bleibt zentraler Ansatzpunkt in Alzheimer-Prävention
Die Ergebnisse der vorliegenden Studie unterstreichen die Bedeutung einer differenzierten Betrachtung kardiovaskulärer Erkrankungen im Zusammenhang mit Alzheimer. Besonders die konsistente Assoziation der Hypotonie eröffnet neue Forschungsansätze und könnte langfristig Einfluss auf Präventionsstrategien haben.
Da es sich um eine Querschnittsstudie handelt, lassen sich jedoch keine kausalen Zusammenhänge ableiten. Prospektive Untersuchungen und kausalanalytische Studien sind erforderlich, um die zugrunde liegenden Mechanismen aufzuklären und zu prüfen, ob eine gezielte Behandlung bestimmter kardiovaskulärer Erkrankungen das Risiko einer Alzheimer-Krankheit reduzieren kann.