Wenn Video die Bühne betritt: Mara Wild ist als Videokünstlerin bei den Salzburger Festspielen im Einsatz. In der semiszenischen Aufführung von Mozarts „Lucio Silla“ setzt sie Video gezielt ein, um dem Publikum den historischen Stoff besser zugänglich zu machen und um großen Emotionen zusätzlich Ausdruck zu verleihen.
08. 08. 2026, 00:01 Uhr
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Videokunst im Theater ist heute weit mehr als „nur“ projizierter Hintergrund oder dekorative Ergänzung und hat sich in den letzten Jahren zunehmend als eigenständiges dramaturgisches Mittel weiterentwickelt.
„Theater ist ein Ort, an dem Film- oder Zeichenwelten ihre zweidimensionale Beschränkung hinter sich lassen und in den Raum treten können. Dort interagieren die immateriellen Artefakte mit materiellen – sei es die Projektionsfläche oder die Körper, mit denen sie sich die Bühne teilen. Dadurch vermischen sich die Ebenen und die Wahrnehmung von Welt; es entstehen ganz neue, eigenständige Zugänge“, erklärt die Videokünstlerin Mara Wild. Genau das mache für sie die besondere Faszination von Video auf der Bühne aus.
Faszinierende Vielseitigkeit von Video
„Video kann so viel“, ist Wild überzeugt. Und gerade diese Vielseitigkeit sei immer wieder aufs Neue spannend. Auf der Bühne changiere das Medium stets „zwischen Szenografie und Akteurin“, könne „ganz konkret, fast dokumentarisch“ sein und zugleich „abstrakt emotionale Zustände verstärken“. Es öffne den Raum über das materiell Anwesende hinaus, könne erklären, stören, das Bühnenbild zum Leben erwecken oder gar den Spielenden Konkurrenz machen. Und wenn Video tatsächlich selbst zum Akteur werde – wie etwa bei einer ehemaligen Produktion, bei der die Videokünstlerin und ein Darsteller live am Beamer miteinander improvisierten –, dann sei es „manchmal auch einfach ein bisschen Zauberei“, meint sie schmunzelnd. Dabei versteht die gebürtige Hamburgerin Video jedoch nie als Selbstzweck. „Auf Video als reines Beiwerk, nur weil es mittlerweile als vermeintlicher Standard dazugehört, würde ich immer verzichten.“ Gerade weil bewegte Bilder den Blick des Publikums unmittelbar auf sich zögen, müsse ihr Einsatz immer einen klaren Zweck erfüllen – und dementsprechend auch sehr gezielt verwendet werden.
Einen sehr besonderen Zweck könne der Videoeinsatz laut Mara Wild zum Beispiel in semiszenischen Opernproduktionen erfüllen, einer szenisch reduzierten Aufführungsform, die heuer auch für die Festspielproduktion „Lucio Silla“ unter dem Dirigat von Adam Fischer gewählt wurde. Denn die Opera seria des 18. Jahrhunderts, zu der auch diese frühe Oper von Mozart zählt, zeichne sich durch große Arien aus, in denen die Handlung innehält und sich ganz auf den Ausdruck einer Emotion konzentriert. „Die Oper wird für den Augenblick zum Konzert“, erklärt Wild. Und genau diese angehaltene Zeit eröffne besondere Möglichkeiten für die Videokunst. „Video ist für mich hier ein Mittel, genau diesem Gefühl zusätzlich Ausdruck zu verleihen – es durch Form oder Bewegung zu unterstreichen.“ Denn durch die reduzierte Form einer halbszenischen Aufführung trete Video hier nicht in Konkurrenz zur restlichen Szenerie, sondern gehe „sehr gut Hand in Hand“ mit der Musik und der Inszenierung.
Buchbinderei, Illustration, Videokunst
Bei aller Faszination für die Medien Bewegtbild und Theater war der Weg von Mara Wild zur Videokünstlerin auf der Bühne keineswegs geplant. Ursprünglich absolvierte sie eine Lehre als Buchbinderin, bevor sie Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg studierte. Dort lernte Wild die Illustration von Anfang an als weit gefasstes Feld kennen, das weit über das klassische analoge Buch hinausreicht und ebenso Trickfilm, Comic, Computerspiele und andere digitale Medien umfasst. Der Schritt auf die Bühne ergab sich schließlich eher zufällig. Eine ehemalige Mitbewohnerin, die Kostümbild und Regie studierte, suchte für ein Projekt jemanden, der sich im Bereich Video auskannte. „Da dachte ich mir: Moment mal – das kann doch ich“, erzählt Wild schmunzelnd.
Ob Buchbinderei oder Illustration – beide Bereiche ihrer Ausbildung prägen bis heute die Herangehensweise von Wild bei ihren verschiedenen Projekten der Videokunst. Und bis heute ist sie stets an vielen verschiedenen Schnittstellen unterwegs, sei es analog oder digital, auf jeden Fall aber immer mit dem Ziel, einen eigenständigen Beitrag zu einem Gesamtwerk zu schaffen und keine bloße Dekoration. Mal arbeitet sie dafür direkt auf der Bühne mit Livezeichnungen am Lichttisch, mal gestaltet sie aufwendige Papierbauten, wieder ein andermal abstrakte Grafiken im VR-Raum. Entscheidend sei für sie immer, für den jeweiligen Einsatz die passende Form zu finden. Die Beschäftigung mit unterschiedlichen Stoffen, das Erarbeiten eigenständiger Bildsprachen und die Einbettung in ein dramaturgisches Gesamtbild – „das ist es letztlich auch, was mich als Videokünstlerin reizt“, betont Wild.
Übertitel im Fokus von „Lucio Silla“
Das ganzheitliche Verständnis ihrer Arbeit prägt auch die Zusammenarbeit mit Regisseurin Birgit Kajtna-Wönig und Dirigent Adam Fischer. Nach der erfolgreichen semiszenischen Produktion von „Mitridate, re di Ponto“ bei den Salzburger Festspielen 2025 setzt dasselbe Team seine Beschäftigung mit Mozarts frühen Opera-seria-Werken heuer also mit „Lucio Silla“ fort. Mara Wild ist dabei von Beginn an in die Konzeption der Aufführung eingebunden. Gemeinsam mit der Regisseurin erarbeite sie, wo Schwerpunkte lägen, was wiederkehrende Motive sein könnten und welche inhaltliche Ebene das Video an welcher Stelle übernimmt. „Dabei bin ich sehr frei mit meinen Ideen und kann eigene dramaturgische Schwerpunkte setzen“, erzählt die Künstlerin. Und: „Ich habe das Glück, mit einer Regisseurin zusammenzuarbeiten, die die Produktion von Anfang an sehr ganzheitlich denkt.“
Konkret steht bei „Lucio Silla“ ausgerechnet jenes Element im Fokus, das bei Opernproduktionen oft sträflich vernachlässigt wird: die Übertitel. „Dabei sind sie für viele Zuschauende der Schlüssel, um das Bühnengeschehen nachvollziehbar zu machen – gerade bei historischen Stoffen wie dem Silla“, erklärt Wild. Also werden die Übertitel bewusst in das Gesamtbild der semiszenischen Aufführung eingebaut und so „Teil des Geschehens“. Die Schrift dürfe bei dem, was hier erzählt wird, dramaturgisch mitspielen, sei es durch eigens erstellte Schriftarten, durch besonders große Schrift bei besonders wichtigen Passagen oder gar durch bewegte Schrift, die gezielt starke Emotionen aufnehmen und betonen soll. „Tatsächlich ist es so, dass die Gestaltung von Text ja durchaus etwas macht mit dem, was transportiert wird“, erklärt Wild.
Felsenreitschule als Inspirationsquelle
Um dem Publikum die Handlung von „Lucio Silla“ noch weiter zugänglich zu machen, beschränkt sich die Arbeit der Videokünstlerin aber nicht nur auf den Text allein.
Ergänzend entwickelt Wild abstrakte Projektionen, die innere Zustände und gesellschaftliche Spannungen sichtbar machen sollen. Außerdem erarbeitet sie für die Ouvertüre eine Zusammenfassung der wichtigsten Figuren und ihrer Konstellation zueinander sowie einen Umriss der Situationen, in denen die Handlung einsetzt. Aufgrund der knappen Probenzeit produziere sie das Videomaterial überwiegend im Vorfeld, die endgültige Komposition der einzelnen Elemente erfolge dann aber in der Felsenreitschule selbst. Erst dort könne sie überprüfen, „ob die Wirkung so passt, wie ich mir das vorgestellt habe“.
Der außergewöhnliche Spielort stelle dabei übrigens Herausforderung und Inspiration zugleich dar. „Die Felsenreitschule ist ein wahnsinnig spannender Ort, bei dem es mir schon beim ersten Besuch in den Fingern gekribbelt hat“, erzählt Wild. Da sie in ihren Videos gern die gegebenen Formen aufgreife, würden sie besonders die Arkaden reizen und dazu die Überlegung, welche Funktionen man ihnen geben könnte. Gleichzeitig könnten auf dem rauen Stein jedoch Details verloren gehen, man müsse bei der Gestaltung der Schrift also besonders auf die gute Lesbarkeit achten.
Insgesamt betrachtet, kommt die Videokunst in „Lucio Silla“ also nicht als spektakulärer Effekt daher, sondern als präzise eingesetztes Mittel, um die Erzählebene des Stücks zu erweitern. Dabei schafft sie Orientierung fürs Publikum, macht emotionale Zustände der Protagonisten besser sichtbar und wird durch ihre Verbindung mit dem Raum und den Akteuren zu einem eigenständigen Akteur inmitten des Bühnengeschehens.


