GENF / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem EAN-Kongress Ende Juni 2026 wurden Registerdaten vorgestellt, die Migräne-Verläufe bei Menschen ab 60 Jahren klar von früher unterscheiden. In der Altersgruppe leiden 28 % unter einer chronischen Form, während es bei unter 45-Jährigen 18 % sind. Gleichzeitig berichten Ältere im Durchschnitt über etwas geringere Schmerzintensität, aber beständigere Attacken. Besonders auffällig: Medikamentenübergebrauchskopfschmerz tritt bei etwa 50 % der Über-60-Jährigen auf.

Migräne im Alter: Chronisch wird sie deutlich häufiger, Aura und Intensität verändern sichMigräne im Alter: Chronisch wird sie deutlich häufiger, Aura und Intensität verändern sich (Foto: IT BOLTWISE)

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Wer Migräne bislang vor allem als episodische, meist stark schlagende Erkrankung kennt, bekommt in der Versorgung älterer Menschen ein anderes Bild zu sehen. Genau darauf zielt die aktuelle Darstellung aus medizinischen Fachkontexten ab: Die klinische Präsentation verändert sich über die Lebensspanne so deutlich, dass Diagnose und Therapieanpassung im höheren Alter zu einem eigenständigen Aufgabenfeld werden. Auf dem EAN-Kongress Ende Juni 2026 in Genf wurden dazu Ergebnisse aus einem italienischen Register diskutiert, die auf etwa 3.500 Betroffenen basieren.

Die Registerdaten zeigen zunächst einen klaren Trend zur Chronifizierung: In der Gruppe der über 60-Jährigen leben 28 % mit einer chronischen Migräneform. Bei den unter 45-Jährigen liegt der Anteil dagegen bei 18 %. Interessant ist dabei nicht nur, dass die Häufigkeit der Attacken im Alter steigt, sondern auch, wie sich das Empfinden insgesamt verschiebt. Während Betroffene unter 45 Jahre ihre Schmerzen im Mittel mit 8 von 10 bewerten, nennen Teilnehmende ab 60 Jahren einen Wert von 7 von 10. Das deutet auf eine leichtere Abschwächung der Intensität hin, ohne dass die Erkrankung deswegen „harmloser“ wird.

Aus klinischer Sicht rückt damit die Charakteristik der Symptome in den Vordergrund: Weniger Aura, dafür öfter ein chronischer Verlauf. Die italienischen Registerdaten beschreiben, dass eine Aura bei Patienten ab 60 Jahren deutlich seltener auftritt. Nur 7 % der älteren Betroffenen berichten über entsprechende neurologische Phänomene, während in der Vergleichsgruppe der unter 45-Jährigen 17 % Aura-Symptome angeben. Diese Änderung kann im Alltag eine diagnostische Hürde sein, weil das klassische Muster aus Betroffenenperspektive zwar variieren kann, im höheren Alter aber deutlich seltener sichtbar wird. Für die Anamnese bedeutet das: Man muss stärker darauf achten, wie häufig, wie lange und in welchem zeitlichen Muster Kopfschmerzen auftreten – nicht nur, ob eine Aura vorhanden ist.

Auch die Triggerfaktoren scheinen sich im Alter konkreter zu sortieren. In den Fachdarstellungen für August 2026 wird hervorgehoben, dass Faktoren, die Attacken auslösen können, nicht einfach gleich bleiben, sondern sich mit den Lebensbedingungen verändern. Besonders häufig werden körperliche Bewegung und Stress als relevante Treiber einer veränderten Symptomatik genannt. Für Ärztinnen und Ärzte heißt das in der Praxis: Die Einordnung älterer Patienten sollte stärker an ihre Routinen gekoppelt werden, etwa daran, wie sich Schlaf, Belastungsphasen, Alltagsstress oder Mobilität über den Tag und die Woche auswirken. Genau diese Verschiebung hilft, die Diagnose trotz der im Schnitt weniger hohen Schmerzintensität präzise zu stellen.

Am kritischsten für die langfristige Krankheitskontrolle ist jedoch ein Punkt, der in den Registerdaten besonders hart ausfällt: Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MOH). Die im Frühsommer 2026 vorgestellten Ergebnisse legen nahe, dass bei etwa 50 % der über 60-Jährigen ein Medikamentenübergebrauch festgestellt wurde. Zum Vergleich: In der Gruppe der unter 30-Jährigen liegt die Quote bei 24 %. Damit wird deutlich, warum die Therapieplanung im höheren Alter nicht bei der „richtigen“ akuten Behandlung stehen bleiben darf, sondern die Einnahmehäufigkeit systematisch im Blick behalten muss.

Die Größenordnung macht die Versorgungsrealität greifbar: Wenn die Hälfte der Betroffenen in einer Altersgruppe durch ein Übermaß an Schmerz- oder Migränemitteln einen zusätzlichen Krankheitsmechanismus entwickelt, entsteht ein Teufelskreis aus kurzfristiger Symptomlinderung und langfristiger Verschlechterung. In solchen Situationen wird außerdem relevant, dass ältere Menschen oft mehrere Begleiterkrankungen haben und dadurch bereits Polypharmazie im Alltag besteht. Genau diese Gemengelage erfordert besondere Vorsicht bei der Strategie, denn das Risiko, durch unbedachte Dosierungs- oder Wiederholungsmuster MOH zu begünstigen, steigt. Eine engmaschige Überwachung der Schmerzmittelaufnahme wird deshalb als wesentliche Säule des Krankheitsmanagements beschrieben.

Für Unternehmen im Gesundheitsumfeld, aber auch für die ambulante Praxis, liegt darin gleichzeitig ein Daten- und Prozessauftrag: Chronifizierung und MOH entstehen nicht nur „im Kopf“, sondern sind messbar an Mustern aus Frequenz, Dauer und Medikamentenexposition. Gerade hier könnten KI-basierte Assistenzsysteme unterstützen, etwa indem sie Einnahmeprotokolle auswerten, Warnindikatoren ableiten und die Kommunikation zwischen Patient, Praxis und Versorgungskette strukturieren. Entscheidend ist dabei nicht die reine Erkennung, sondern die Einbettung in klinische Abläufe: Wie wird eine Eskalation ausgelöst, wer führt die Umstellung konkret durch, und wie wird die Wirksamkeit der Anpassung über Wochen und Monate kontrolliert? Die Registerdaten liefern dafür eine klare Richtung – Migräne im Alter ist ein anderes Erkrankungsbild, und Therapie muss das abbilden.

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