Herr Khil, Sie sind den ganzen Sommer über nicht in Graz. Wo erwischen wir Sie gerade?

Ich bin auf den Galapagosinseln und arbeite hier bei einem Forschungs- und Naturschutzprojekt der Charles Darwin Foundation mit, bei dem es um die berühmten Darwinfinken geht. Wir haben als Familie beschlossen, dass wir mit unserem jetzt dreijährigen Kind das Erlebnis teilen wollen, eine Zeitlang hier zu leben. Galapagos ist ein epischer Naturraum, wie es ihn kein zweites Mal auf der Erde gibt. Man hat hier Begegnungen mit Tieren, die in Mitteleuropa undenkbar sind. Dass man baden geht und dabei über eine Meeresschildkröte oder einen Seelöwen stolpert, ist ganz normal. Es ist ein sehr naturverbundenes Leben.

Drehen Sie auf Galapagos auch wieder eine neue Universum-Naturdoku?

Es gibt aktuell kein Galapagos-Projekt. Aber für die Zukunft will ich es nicht ausschließen. Was die Filmprojekte betrifft, arbeiten wir derzeit gerade an der Fertigstellung der Guatemala-Doku.

Was können Sie über die Guatemala-Doku bereits verraten?

Ich war viele Jahre für längere Zeit in Guatemala. Die Forschung und die Recherche war die Basis für den Film. Gedreht haben wir dann zwischen 2024 und 2026. Die Universum-Doku „Guatemala – Die heiligen Tiere der Maya“ wird dann voraussichtlich am 1. Dezember im ORF zu sehen sein. Im Mittelpunkt stehen Tiere, die schon die Maya kannten und die es heute noch in Guatemala gibt – allen voran der Quetzal, ein grünschillernder Vogel, der sogar im Wappen des Landes und auf den Geldscheinen vorkommt.

Sie sind Biologe, Fotograf, Filmemacher. Was ist bei den Drehs der Universum-Tierdokus eigentlich der Part, für den Sie zuständig sind?

Ich mache das Konzept, schreibe das Drehbuch und bin dafür verantwortlich, die Tiere vor die Kamera oder, besser, die Kamera zu den Tieren zu bringen. Mario Kreuzer aus Klagenfurt ist unser Produzent und Kameramann. Und dann braucht es noch ein großes Team an Spezialisten, vom Ton bis zum Schnitt, und Experten vor Ort.

Gab es bei den Dreharbeiten ein Erlebnis, das Sie trotz jahrelanger Erfahrung besonders bezaubert hat?

Wir hatten das Glück, im Nebelwald in Guatemala eine Weißwedelhirschkuh mit Drillingen aufzuspüren. Das ist an und für sich schon etwas Besonderes. Als wir ein Jahr später für weitere Dreharbeiten an den Ort zurückkehrten, sind wir wieder auf die Familie gestoßen. Alle drei jungen Hirsche hatten überlebt und schon ein kleines Geweih. Erkannt haben wir sie an der Mutter, die im Ohr eine Verletzung von einer Begegnung mit einer Großkatze trug. Das war ein wunderbares Wiedersehen.

Gibt es Zukunftsprojekte, die sich ankündigen?

Ich sitze gerade an der Überarbeitung meines Buchs „Vögel Österreichs“. Da wird die dritte Auflage demnächst erscheinen. Für weitere Filmprojekte und Bücher gibt es Konzepte, aber sie sind noch nicht spruchreif.

Für Biologen bieten sich Spezialgebiete von Alpenveilchen bis Zebra an. Warum sind es bei Ihnen gerade die Vögel geworden?

Ich war schon als Kind von Tieren begeistert. Und Vögel unterscheidet etwas Wesentliches von anderen Tiergruppen. Sie sind extrem zugänglich und omnipräsent. Viele Vögel sind tagaktiv, man hört sie, man sieht sie, man hat ständig etwas zu beobachten. Wenn man ein hohes Begeisterungspotenzial für das Studium der Tierwelt hat, liegt es ziemlich nahe, dass es einem die Vögel besonders antun. Mich hat es da schon als Kind erwischt. Auch das Fotografieren hat mich schon in jungen Jahren begeistert.

Sie sind seit 20 Jahren Ornithologe. Was ist die größte Veränderung in der heimischen Vogelwelt, die Sie in dieser Zeit beobachtet haben?

Es gibt schöne und positive Entwicklungen, die auch überraschend schnell gegangen sind. Die Rückkehr vieler Greifvogelarten und Falken ist so eine. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem im Ackerland ein schleichender Artenschwund und eine Verarmung der Vogelwelt vonstattengeht.

Gibt es eine Art, um die Sie sich besonders große Sorgen machen?

Ich bin dem Seewinkel im Burgenland sehr verbunden und habe dort viel Zeit verbracht. Der Zustand der Sodalacken hat sich dramatisch verschlechtert und die extremen Trockenphasen und Hitzeperioden setzen den Feuchtgebieten weiter zu. Um seltene Vogelarten, die dort brüten, wie den Seeregenpfeifer oder die Uferschnepfe, muss man sich wirklich Sorgen machen.

Sie haben in Graz ein Artenschutzprojekt initiiert und eine Nistnische für Wanderfalken am Turm der Herz-Jesu-Kirche eingerichtet. Seit 2021 gibt es jedes Jahr Nachwuchs. Haben die Jungen heuer schon das Nest verlassen?

Die vier Jungvögel sind heuer ohne Zwischenfälle flügge geworden. Es war eine sehr erfreuliche Brutsaison. Die Nestbesuche der Jungvögel werden jetzt immer seltener. Bald wird das Revier wieder den beiden Altvögeln gehören. Es handelt sich ja heuer um ein neues Paar. Davor hat mit Inge und Ivica fünf Jahre lang dasselbe Paar im Turm gebrütet. Die Jungen bewegen sich in den kommenden Jahren als sogenannte „Floater“ in einem Umkreis von etwa 100 Kilometern ohne festes Revier. Die, die überleben, beziehen dann selbst irgendwo einen Brutplatz, wenn sie einen finden. Dank vieler Unterstützerinnen und Unterstützer konnten wir letztes Jahr einige neue Nistgelegenheiten schaffen.

Von Graz hat sich das Projekt auf die südliche Steiermark ausgeweitet. Wie steht es da?

Drei weitere Paare haben heuer bereits gebrütet. Die Männchen sind jeweils Nachkommen von Inge und Ivica. In der Südhälfte der Steiermark sind heuer insgesamt 15 Wanderfalken auf Gebäuden geschlüpft. Zählt man Kinder und Enkelkinder zusammen, haben Inge und Ivica bereits 41 Nachkommen.

Wie kommt es, dass Wanderfalken Brutplätze mitten in der Stadt so gut annehmen?

Dass Wanderfalken nicht nur in Felswänden, sondern auch auf Gebäuden brüten, ist eine Entwicklung, die in
Westeuropa schon früher stattgefunden hat als bei uns. Erst seit ein paar Jahren beobachten wir das auch in Österreich. Felswände und Kirchtürme oder Türme von Industrieanlagen haben etwas gemeinsam. Sie können geschützte, ungestörte Brutplätze bieten, zu denen Fressfeinde schlecht dazukommen. Sie sind außerdem ein guter Standort, um von dort im Sturzflug zu jagen.

Wenn ich in Graz Vögel beobachten möchte, wo gehe ich da am besten hin?

Wenn man schon alle Vögel im eigenen Garten kennt, dann ist der gesamte Lauf der Mur interessant. Dort gibt es Wasservogelarten wie Gänsesäger, Mittelmeermöwen oder Gebirgsstelzen. Sogar die Wasseramsel oder den Eisvogel kann man dort entdecken. Die Ufervegetation ist Lebensraum für viele Singvogelarten. Die Parks und Wälder der Stadt mit altem Baumbestand sind ebenfalls wertvolle Vogellebensräume. Dort kann man zum Beispiel den Halsbandschnäpper oder den Grauspecht entdecken.