HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Forscher identifizieren mit FGL-1 einen neuen Kontrollschalter im Immunsystem: Das Leberprotein bindet an LAG-3 auf T-Zellen und reduziert deren Entzündungsaktivität. In Daten von 65 COVID-19-Patienten korrelieren höhere FGL-1-Werte mit schwereren Verläufen. Parallel rücken Verfahren näher, die Immunveränderungen und Alltagssignale früher erfassen, etwa Nanosensoren und ein KI-gestütztes Wearable. Für die praktische Translation bleibt aber die Kluft zwischen Messwert und daraus abgeleiteten Diagnosepfaden ein zentrales Thema.

Systemimmunologie: FGL-1 bremst Entzündungen und KI macht Diagnostik früherSystemimmunologie: FGL-1 bremst Entzündungen und KI macht Diagnostik früher (Foto: IT BOLTWISE)

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Im Zentrum der aktuellen Systemimmunologie steht weniger die Frage, ob das Immunsystem reagiert, sondern wie es seine Reaktion selbst bremst. Ein Forschungsteam aus Hamburg und Basel beschreibt dazu einen bisher unbekannten Regelkreis: Das Leberprotein FGL-1 bindet an den Rezeptor LAG-3 auf T-Zellen und senkt deren Aktivität. Genau dieser Schritt ist für die Entzündungssteuerung interessant, weil er einen feineren Eingriffspunkt liefert als klassische Ansätze, die eher global auf Immunwege wirken. Die Studie, die in Communications Medicine veröffentlicht wurde, ordnet den Mechanismus zudem in klinische Daten ein: Bei 65 COVID-19-Patienten waren erhöhte FGL-1-Werte signifikant mit schwereren Verläufen verknüpft, während die Kontrollgruppe aus 33 gesunden Probanden bestand.

Technisch betrachtet ist damit ein konkretes Signalmodul benannt, das in Therapiekonzepte übersetzt werden kann: Wer LAG-3 gezielt moduliert, könnte überschießende Entzündungsantworten abfangen, ohne das Immunsystem komplett „abzuschalten“. Interessant ist auch die Logik der Systemimmunologie selbst: Krankheitsprozesse sollen nicht erst dann erkannt werden, wenn Symptome bereits etabliert sind, sondern über Regelkreise, die sich früher im Verlauf abzeichnen. Der gleiche Gedanke taucht in der Gastroenterologie wieder auf. Laut einer im World Journal of Gastroenterology veröffentlichten Arbeit deutet sich an, dass bestimmte T-Zell-Subtypen über einen spezifischen Signalweg die Darmfibrose bei Morbus Crohn fördern könnten. Solche Pfade sind nicht nur biologisch spannend, sondern auch relevant für die Entwicklung messbarer Biomarker, weil Signalachsen oft zu reproduzierbaren Veränderungen in Zellzuständen führen.

Damit rückt eine zweite Baustelle in den Fokus: Wie macht man diese biologischen Veränderungen zuverlässig sichtbar und skalierbar? Das Karolinska Institutet und SciLifeLab setzen hierfür auf spektrale biophysikalische Zytometrie (SBC). Das Verfahren zielt darauf ab, physikalische Eigenschaften in Immunzellen auszulesen – also nicht nur Marker anhand von Bindungsereignissen zu bewerten, sondern zelluläre Struktur- und Funktionsänderungen. Bei Atherosklerose-Patienten werden beispielsweise veränderte Membranen und Mitochondrien berichtet, die sich über Nanosensoren erfassen lassen. Für den Alltag könnte außerdem ergänzend eine mobile Komponente entstehen: Das Fraunhofer IZM entwickelte ein KI-gestütztes Wearable für die Kardiologie, das aus Sensordaten rund 240 relevante Parameter ableitet. Medizinische Sprachmodelle bereiten die Befunde auf – ein Ansatz, der im besten Fall aus Rohdaten schneller eine handlungsfähige Auswertung machen kann, ohne dass jedes Labor- und Auswertungsszenario komplett neu aufgebaut werden muss.

Während die Technologie auf mehreren Ebenen Fortschritte macht, bleibt die Übersetzung in Diagnoseentscheidungen häufig zäh. Genau diese Lücke adressiert die NAKO-Gesundheitsstudie mit einer harten Alltagszahl: Bei 35.000 Urinproben zeigte sich, dass jeder sechste Teilnehmer auffällige Nierenwerte hatte, aber nur ein Bruchteil davon eine ärztliche Diagnose erhielt. Das ist ein typischer Engpass für prädiktive Marker: Sie müssen nicht nur zuverlässig detektierbar sein, sondern auch in Behandlungspfade integriert werden, die medizinisch sinnvoll, zeitlich passend und praktisch umsetzbar sind. Ähnliche Probleme kennt man in anderen Bereichen der Entzündungsdiagnostik, sobald Messgrößen mehrere Ursachen abbilden können. Der Kontext wird zusätzlich durch die Darmbiologie geliefert: Eine Metagenomstudie aus dem Jahr 2024 verbindet die Anpassung des Mikrobioms mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen bei Stadtbewohnern. Solche Zusammenhänge stützen das Multi-omics-Prinzip, erhöhen aber zugleich die Komplexität für Auswertealgorithmen, weil viele Teilsignale zusammen betrachtet werden müssen.

Auch auf der Marktseite zeigen sich Strukturen, die diese Komplexität adressieren wollen. In der Pharmaindustrie wird KI zunehmend als Kooperationswerkzeug genutzt, um aus heterogenen Daten neue Therapierouten abzuleiten. Evotec und Odyssey Therapeutics bündeln dafür ihre Kräfte: Seit Anfang August suchen beide Unternehmen gemeinsam per KI-Plattform nach neuen Ansätzen gegen Autoimmun- und Entzündungserkrankungen. Evotec steuert dabei Forschungsressourcen bei und erhält im Gegenzug erfolgsabhängige Meilensteinzahlungen. Der Trend dahinter ist klar: Multiomics-Daten und Längsschnittanalysen sollen Vorhersagemodelle ermöglichen, die individuelle Verläufe besser abbilden. Parallel arbeitet das Human Immunome Project an Referenzkarten des Immunsystems, um die Variabilität von Immunantworten beherrschbar zu machen – also genau jene Streuung, die der klinischen Translation oft im Weg steht. Daneben zeigt auch Pflanzenbiologie, wie weit die Systemlogik reicht: Eine Science-Studie vom Mai 2026 beschreibt, wie Autophagie-Prozesse Immunreaktionen bei Virusinfektionen steuern; Enzyme wie NIT1 erkennen dabei beschädigte Zellbestandteile und lösen kontrollierte Reaktionen aus. Solche Parallelen helfen, Zellstress-Signale als „Übersetzer“ zwischen Biologie und Diagnostik besser zu verstehen.

Für Unternehmen und Entwicklersquads wird aus dem aktuellen Bild vor allem eines deutlich: Es genügt nicht, einzelne Marker oder Sensoren zu verbessern. Entscheidend ist die Kette von Messung über Modellierung bis hin zu Entscheidungslogik und operativer Integration. Die genannten Beispiele zeigen sowohl Potenzial als auch typische Reibungspunkte: FGL-1/LAG-3 liefert einen klaren Zielmechanismus, SBC und Nanosensorik liefern zusätzliche physikalische Dimensionen, und das KI-Wearable macht aus vielen Parametern automatisch relevante Informationen. Gleichzeitig macht die NAKO-Zahl sichtbar, dass es an der Verknüpfung mit realen Diagnose- und Behandlungspfaden hapert. Wer hier ansetzt, braucht daher Teams, die Biologie, Datenintegration und klinische Prozessgestaltung gemeinsam denken – denn erst dann wird Systemimmunologie vom Forschungskonzept zur praxistauglichen Frühdiagnostik.

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