RIO DE JANEIRO / LONDON (IT BOLTWISE) – Vertreter der brasilianischen HIV-NGO Gestos sagen, sie hätten die geplanten bzw. befürchteten Kürzungen bei Gebermitteln für HIV lange im Voraus erkannt. Brasilien kann Prävention und Therapie weitgehend aus eigener Zuständigkeit über das Unified Health System finanzieren, aber Verhandlungen mit Pharmaunternehmen und mögliche NIH-Sparmaßnahmen bremsen den Zugang zu neueren Optionen. Auf internationalen Geberstrukturen lastet zudem Kritik, weil Mittel teils an enge Vorgaben und Einkaufsbedingungen gebunden sind. Andere Programme könnten durch Umleitung von Mitteln aus dem „narcotics control“-Umfeld oder durch bessere Entlohnung der Frontarbeit stabilisiert werden.

Brasiliens HIV-NGOs warnen: Kürzungen bei USAID treffen Prävention hartBrasiliens HIV-NGOs warnen: Kürzungen bei USAID treffen Prävention hart (Foto: IT BOLTWISE)

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Während in Rio de Janeiro über Fortschritte der HIV-Prävention diskutiert wird, verlagert sich der Blick zugleich auf die Finanzierungsarchitektur internationaler Gesundheitspolitik. Vertreter der brasilianischen HIV-NGO Gestos ordnen die angekündigten bzw. beobachteten Kürzungen bei USAID in einen größeren Trend ein: In ihren Augen ging es nicht um einen einzelnen Bruch, sondern um eine Entwicklung, die sich über Jahre an den Bedingungen der Mittelvergabe abzeichnete. Genau diese Erwartung, so schildern sie, hätten sie bereits deutlich früher formulieren können – und wünschen sich, dass andere Länder die Chance auf „Gesundheitssouveränität“ früher genutzt hätten.

Brasilien argumentiert dabei mit einer relativ klaren institutionellen Basis: HIV-Vorbeugung und Behandlung liegen nach Angaben aus dem Umfeld von Gestos im Zuständigkeitsbereich des Unified Health System, also nicht in dem Maß von ausländischer Hilfe abhängig, wie es bei Programmen der Fall wäre, die auf bilaterale Gebermittel angewiesen sind. Diese Konstruktion habe laut Gestos mitgeholfen, konkrete Meilensteine zu erreichen – etwa die Beseitigung der Übertragung von HIV auf Neugeborene im Jahr 2025. Für Entscheider in anderen Ländern ist das vor allem deshalb relevant, weil Finanzierungsunabhängigkeit nicht nur ein politisches Schlagwort ist, sondern sich im konkreten Leistungsauftrag eines nationalen Gesundheitssystems widersetzt.

Gleichzeitig betonen die brasilianischen Aktivisten, dass „Unabhängigkeit“ nicht automatisch „voller Zugriff“ bedeutet. Nach ihrer Darstellung begrenzen Verhandlungen mit pharmazeutischen Unternehmen den Zugang zu den jeweils aktuellsten Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten. Dazu kommt die Sorge, dass Kürzungen bei NIH-Mitteln auch die HIV-bezogene Forschung in Brasilien bremsen könnten. Das erzeugt ein Spannungsfeld, das in vielen Gesundheitssystemen bekannt ist: Selbst wenn ein Staat die Versorgung organisiert, kann der Fortschritt bei Diagnostik, Medikamenten und Studien durch externe Preis- und Liefermechanismen verzögert werden.

Der Konflikt verschiebt sich aus Sicht von Gestos außerdem in die Vertragslogik von Auslandsförderung. Eine Politik-Analystin von Harm Reduction International weist darauf hin, dass Vereinbarungen häufig verlangen, Medikamente aus Geberländern wie den USA zu beschaffen. Für Gesundheitspolitiker ist das nicht nur eine Einkaufsfrage, sondern beeinflusst auch, welche Therapien zeitnah verfügbar sind und wie schnell ein Land auf neue Resistenzmuster oder klinische Erkenntnisse reagieren kann. In derselben Argumentationslinie wird auch kritisiert, dass Mittel häufig mit Einschränkungen rund um sexual and reproductive health and rights sowie Programme für LGBTQ+-Communities verknüpft werden – genau diese Zielgruppen seien jedoch zentral für wirksame HIV-Prävention.

Besonders deutlich wird die Debatte bei der Verwendung von Mitteln aus dem Bereich „narcotics control“. Harm Reduction International verweist auf einen Bericht, nach dem fast 1 Mrd. US-Dollar an Auslandsbeihilfen – darunter auch USAID – zwischen 2012 und 2021 in Polizeiarbeit und Kriminalisierung drogenbezogener Straftaten geflossen seien. Die Folge, so wird argumentiert, könne paradox sein: Inhaftierung bündele Hochrisikogruppen, erschwere den Zugang zu Versorgung und könne HIV-Raten damit eher steigern als senken. Stattdessen hätten diese Gelder nach der Einschätzung der Organisation etwa für hunderttausende sterile Spritzen eingesetzt werden können, kombiniert mit weiteren Gesundheitsmaßnahmen.

Auch die Organisationsrealität in den Einsatzfeldern kommt zur Sprache. Harm Reduction International und das International Network of People Who Use Drugs verweisen darauf, dass HIV-Prävention in der Vergangenheit stark davon profitierte, wie engagiert „frontline workers“ ihre Communities unterstützen. Wenn Organisationen jedoch die Kompensation dieser Arbeit über lange Zeit nachrangig behandeln, entstehe daraus über die Jahre Burnout – und selbst sehr viel Resilienz ersetze keine tragfähige Finanzierungsplanung. In den Tagen nach Kürzungen, so heißt es, überleben viele Träger nur noch mit dem „Goodwill“, unbezahlter Zeit und dem außergewöhnlichen Engagement von Mitarbeitenden und Freiwilligen; diese Stabilität sei aber keine Nachhaltigkeit.

Gestos verbindet die Kritik an externen Abhängigkeiten zudem mit konkreten Finanzierungsansätzen. So wird ein Modell genannt, das andere Länder als Inspiration berücksichtigen sollten: Eine Financial Transaction Tax, die zuvor Einnahmen über jede einzelne Transaktion generiert und in die öffentliche Gesundheitsversorgung geleitet habe. Allerdings räumt Gestos auch ein, dass diese Maßnahme später auslief bzw. schrittweise abgebaut wurde – und dass die Einführung nicht in einer idealen Form erfolgt sei, weil der gleiche Prozentsatz unabhängig vom Einkommen erhoben wurde. Für die weitere Debatte entscheidend ist damit nicht die perfekte „Einzelmaßnahme“, sondern die Leitfrage, wie Staaten Budgets so absichern, dass Prävention nicht von politischen Stimmungslagen im Ausland abhängig wird.

Damit zeigt sich ein Muster, das für Entscheider über HIV hinaus relevant ist: Wenn Geber Mittel an Bedingungen knüpfen, kann sich die inhaltliche Ausrichtung von Programmen verändern, selbst wenn ein Land formell über ein robustes Gesundheitssystem verfügt. Zugleich entsteht ein praktischer Handlungsraum für Regierungen und Träger, etwa indem man aus Förderbereichen mit geringem gesundheitlichem Nutzen Mittel zurück in Prävention und Versorgung verlagert. Die Debatte auf der Konferenz in Rio de Janeiro macht vor allem klar, dass Gesundheitssouveränität nicht erst dann wichtig wird, wenn Budgets schrumpfen – sondern dass sie sich vorher in Verträgen, Finanzierungspfaden und in der Wertschätzung derjenigen zeigen muss, die Präventionsarbeit im Alltag leisten.

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