EverytimeBirgit Minichmayr in „Everytime“ Foto: © TheBarricades, PanamaFilm, Gregory Oke

In den Kinos dominieren weiter Die Odyssee und Spider-Man: Brand New Day. Dabei sollte man nicht die Filme abseits der Blockbuster vergessen! DIGITAL FERNSEHEN verrät, was sich derzeit lohnt.

Everytime

Sandra Wollner hat schon in Cannes für viel Begeisterung gesorgt. Ihr neuer Film „Everytime“, der unter anderem vom ZDF koproduziert wurde, kam diese Woche mit allerlei Vorschusslorbeeren in die deutschen Kinos. Und man versteht sofort, warum dieses ebenso traurige wie faszinierend unheimliche Werk so viele Kritiker in den Bann gezogen hat.

Die Handlung ist an sich überschaubar: In einer Berliner Familie kommt es zur Tragödie. Eine der Töchter stürzt nach einer Party vom Dach eines Hochhauses. Der junge Mann, der bei ihr war, macht sich fortan schwere Vorwürfe und versucht mit den hinterbliebenen Angehörigen, die eigene Trauer zu bewältigen.

Ja, Trauerfilme gibt es viele. Spannend an „Everytime“ ist aber die formale Unberechenbarkeit. Spannend sind die befremdlichen Bilder, Einstellungen und erzählerischen Vignetten, in der die Figuren in ihrer Krise erscheinen. Dieses Drama lässt die ganze Realität seltsam werden.

Szene aus Everytime© TheBarricades, PanamaFilm, Gregory Oke

Traurig, unheimlich und bildgewaltig

Schon die Katastrophe zu Beginn ist spektakulär verstörend in Szene gesetzt: Rings um dem stillen Fall des Mädchens verlieren die Bilder ihre Orientierung. Sie kippen aus den Angeln, zoomen, suchen nach einem Fixpunkt. Der Sturz vom Dach wird gespiegelt vom Sturz einer körperlosen Entität in den digitalen Videospielwelten von „Minecraft“.

Überhaupt spielt Technik eine wichtige Rolle. Für die Bildproduktion, die Realitätsflucht, aber auch die Kontaktaufnahme. Meldet sich die Verstorbene plötzlich per Chat aus dem Totenreich? Während die Figuren schweren Herzens versuchen, ihren Alltag zu bestreiten, lässt sich das Unheimliche nicht abschütteln.

Birgit Minichmayr als Mutter wird plötzlich von einer Drohne verfolgt. Ein gemeinsamer Urlaub, der den letzten großen Akt von „Everytime“ bildet, nimmt eine fragwürdige Wendung, mit der der Verlust in der Familie kompensiert werden soll. Oder sind wir da längst im Reich der Fantasie und Halluzinationen? Das Reisen bewegt sich in einen unsicheren Raum zwischen Diesseits und Jenseits, bis sich selbst die Sonne in eine neue Gestalt verwandelt.

„EVERYTIME | Offizieller Trailer | Ab 6. August im Kino“ von YouTube anzeigen

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Inhalt von YouTube immer anzeigen

Nightborn

Im Horrorkino bekommt der „Ice Cream Man“ diese Woche deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit. „Nightborn“ ist aber eigentlich der stärkere Genrefilm von beiden. Und dabei muss man noch nicht einmal auf blutige Schauwerte verzichten! Dieses Horrordrama von Hanna Bergholm hatte schon im Februar Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale und erzählt von einem ganz besonderen Familien-Albtraum.

Seidi Haarla und Rupert Grint spielen ein Paar, das ein Haus in der finnischen Wildnis renovieren will. Als sich Nachwuchs ankündigt, folgt jedoch bald das böse Erwachen. Das Kind von Saga, so heißt die Mutter, lässt sich nämlich kaum bändigen und scheint einen Blutdurst zu verspüren.

Saga im Wald, Szenenbild aus Nightborn© Pietari Peltola, Alamode Film

Horror aller Eltern

„Nightborn“ passt damit in eine Reihe jüngerer Filme, die sich mit den Heraus- und Überforderungen des Elterndaseins beschäftigen. Zuvorderst mit den Ängsten und Probleme von Müttern. Der Film stellt das mit einigen drastischen Bildern und Body-Horror-Szenen an. Dabei geht es längst nicht nur um familiäre Ansprüche und Rollenbilder in einer Familie.

Der folkloristische Horror von „Nightborn“ führt auch einen Konflikt zwischen Erziehungsmodellen vor. Wie kann ein Baby und Kleinkind seiner Natur gemäß aufwachsen? Wie wird es von Beginn an von einer bürgerlichen Norm vereinnahmt, nach der es sich vermeintlich zu verhalten hat? Wird ihm das Kindsein viel zu gewaltsam ausgetrieben? Der Film zeigt, wie die junge Familie daran regelrecht zerbricht, wie die Eltern um ihre eigenen Ideale kämpfen: mit brutalen Konsequenzen.

„NIGHTBORN | Trailer deutsch | Ab 06.08. im Kino!“ von YouTube anzeigen

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Inhalt von YouTube immer anzeigen

„Lebensansichten eines Huhns“

Es gab solche Experimente schon in den letzten Jahren: Filme, die versucht haben, die Perspektive von Tieren einzunehmen. Man denke etwa an die Dokumentarfilme Gunda und „Cow“. Das waren Filme, die ästhetische Spannungsfelder gefunden haben, die irgendwo zwischen einer menschlichen, einer technisch-apparativen und einer tierischen Perspektive angesiedelt sind.

„Lebensansichten eines Huhns“ von György Pálfi ist insofern erstaunlich, als er das titelgebende Tier bisweilen in die Formeln einen Genrefilms verpflanzt. Eine Gangstergeschichte, ein Survival-Thriller, aber auch in so manches Drama, das sich im Hintergrund abspielt. Zum Teil Dramen von geopolitischen Ausmaßen.

Pálfi verfolgt den Weg eines Huhns, das aus der Welt der Massentierhaltung, Fabriken, Fließbänder und Legebatterien ausbüxt. Auf seiner Odyssee, um in Ruhe irgendwo brüten zu können, gerät das Huhn an verschiedene menschliche Schicksale und wiederholt in große Gefahr.

© Neue Visionen Filmverleih

Wie schauen wir auf Tiere?

Sieht man das Plakat von „Lebensansichten eines Huhns“, dann mutet das alles heiter und fröhlich an. Dazu steht darauf ein Pressezitat: „Ein spielerisches Stück komödiantischer Fantasie“. Naja, da gibt es Humor und hier und da ein Augenzwinkern. Aber eine Komödie im herkömmlichen Sinne ist dieser Film nicht. Er ist sogar überaus finster und tragisch in vielen Momenten.

Menschen und Tiere begegnen sich hier in teils sehr extremen, grausamen Situationen. Das Kunststück des Films besteht darin, dass er mehrere Momente schafft, in denen er einen kurz in Schockstarre und in ein Nachdenken versetzt. Kann ein solches Tier überhaupt Hauptfigur eines Spielfilms sein, ohne vermenschlicht zu werden?

Wenn dieses Tier in Gewalt verwickelt wird: Welche Irritation löst das beim Zuschauer aus, der ja kaum umhinkommt, sofort seine eigenen Moralvorstellungen darauf zu projizieren. Kann ein Tier schuldig sein oder Schuld empfinden? Insofern ist dieser Film nicht nur ästhetisch verblüffend, wie er mit den Tieren arbeitet, sondern auch ein hochkomplexes wie niedrigschwelliges Gedankenexperiment.

„Kinotrailer „Lebensansichten eines Huhns“ – Kinostart 6. August 2026“ von YouTube anzeigen

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Inhalt von YouTube immer anzeigen

„Everytime“, „Nightborn“ und „Lebensansichten eines Huhns“ laufen seit dem 6. August 2026 in den deutschen Kinos.