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Leipzig – An den morschen Mauern rankte das Dornengestrüpp bis hinauf an die Zinnen der brüchigen Türme. Im Dickicht des ehemaligen Parks ist die romantische Ruine von Schloss Thierbach kaum noch auszumachen. Das Anwesen mit dem morbiden Charme galt als Geheimtipp für Lost-Place-Fotografen. Jetzt küsst ein Architekt das vergessene Dornröschenschloss endlich wieder wach.

„Das war eine Bauchentscheidung. Ich habe das Haus gesehen und war von der Aura überwältigt“, sagt Marco Stelzel (56), der daraufhin eine Rettungsaktion für das Kleinod im Süden von Leipzig initiierte. Mithilfe von Investoren wurde die „Brockhaus Schlossresidenz GmbH & Co. KG“ gegründet, die das Anwesen mitsamt Schlosspark für etwa 5 Mio. Euro retten will.

Architekt Christian Stelzel koordiniert die Rettung des Märchenschlosses

Architekt Marco Stelzel koordiniert die Rettung des Märchenschlosses

Foto: JOHANNES PROFT

20 Wohnungen im Schloss geplant

In dem Märchenschloss, das ab 1889 im Auftrag von Rittmeister Julius Emmrich Curt von Auenmüller erbaut wurde, sollen nun 20 Wohnungen entstehen. Das Problem dabei: Von dem neogotischen Schloss stehen nur noch die brüchigen Außenmauern. Im Inneren sind bereits alle Decken eingestürzt. „Wir bauen ein Haus im Haus. Drinnen wird es modernen Komfort und einen Aufzug geben“, erklärt Stelzel. Noch in diesem Frühjahr sollen die Baugenehmigungen beantragt werden. Die Ruine, die bereits aus dem Gestrüpp freigeschnitten wurde, soll dann im nächsten Jahr tatsächlich voll saniert werden.

Prachtvoll! So soll Schloss Thierbach künftig aussehen

Prachtvoll! So soll Schloss Thierbach künftig aussehen

Foto: Marco Stelle

Jahrzehntelanger Verfall

Der Niedergang des prachtvollen Schlosses hatte schon in den 1940er-Jahren begonnen: Damals hatte die Familie des Erbauers das Anwesen in Sachsen verkauft. Zunächst zogen die Betriebsdirektoren des benachbarten Braunkohlewerks Espenhain ein, unmittelbar nach dem Krieg folgten Umsiedler und Flüchtlinge aus den Ostgebieten, noch später wurde das Haus als Kindergarten genutzt.

Christian Stelzel an der Rückseite des neogotischen Baus

Christian Stelzel an der Rückseite des neogotischen Baus

Foto: Marco Stelle

Nach einem Brand stand das Schloss seit ca. 1980 leer und verfiel. Dornengestrüpp und Efeu aus dem ehemaligen Schlossgarten wucherten über den bröckelnden Putz. Nach der Wende übernahm ein Leipziger Geschäftsmann das Schloss. Einen ernsthaften Versuch, das Gemäuer zu retten, unternahm er jedoch nicht. Nur die Fotografen, die die Location als Geheimtipp handelten, kamen in Scharen.

Neben der Schlossanlage existieren auch zwei leer stehende Wohnblocks aus DDR-Zeiten. Auch sie sollen saniert und wohnfähig gemacht werden. Insgesamt summiert sich die Wohnfläche so auf 2500 Quadratmeter. „All das keine fünf Minuten von der Autobahn entfernt. In 15 Minuten sind Sie in Leipzig“, verspricht Schloss-Retter Stelzel.

Inzwischen wurde das Gebäude bereits aus dem Gestrüpp freigeschnitten

Inzwischen wurde das Gebäude bereits aus dem Gestrüpp freigeschnitten

Foto: JOHANNES PROFT