Drei Frauen, die Göttin des Exzesses und jede Menge Alkohol. Regisseur Josef Maria Krasanovsky spricht über »Under the Influence«, Humor auf der Bühne, die Suche nach einem anderen Verständnis von Rausch und darüber, warum ihn Fragen mehr interessieren als Antworten.

© Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis
Während draußen die Welt auseinanderzufallen scheint, kommen sich drei Nachbarinnen im siebten Stock immer näher. Was interessiert dich an dieser Konstellation aus Isolation und Gemeinschaft?
Josef Maria Krasanovsky: Das hat, denke ich, unglaublich viel Bezug zu uns allen. Die Coronaerfahrung – auch wenn sie Gott sei Dank vorbei ist – hallt noch auf vielen Ebenen nach. Gleichzeitig teilen viele Menschen dieses Gefühl von Isolation. Wir leben in Zeiten einer viel zitierten Epochenwende, während der alles neu verhandelt wird. Was wollen wir als Gesellschaft sein und was nicht? Da tauchen widerliche, aber auch schöne Positionen auf, je nachdem, wo man unterwegs ist. Ich glaube, dass die ganze große Welt in diesem Mikrokosmos im siebten Stock steckt.
Die Plagen, die vom Himmel fallen, sind nicht die klassischen biblischen Katastrophen, sondern Dinge wie Sportsocken oder Mundgeruch. Warum das?
Die Bibel ist voller Metaphern dafür, wie Gesellschaft funktionieren kann – oder auch nicht. Die Erweiterung dieser Plagen um trashige, popkulturelle Bilder ist eine Übertragung auf unsere Zeit. Die dreckigen Socken, die die armen Hausfrauen in den Fünfzigern waschen mussten, sind zum Beispiel ein völlig überholtes Patriarchatsbild. Gleichzeitig sind sie aber auch ein Bild für die Überflussgesellschaft. Man darf außerdem nicht unterschätzen, wie viel Humor in diesem Stück steckt. Es ist wahnsinnig ironisch gegenüber unserer Zeit, die so viel mit Klischees operiert. Als Theatermenschen begegnen wir diesen Themen – Überflussgesellschaft, Patriarchat und so weiter – oft, und das Stück nimmt genau das auf die Schaufel.
Alkohol wird in der Inszenierung zunächst zum Bindemittel einer neu entstehenden Gemeinschaft. Wann kippt diese Gemeinschaft und woran zerbricht sie?
In »Under the Influence« ist Alkohol eigentlich nur ein Ventil, um Lebensrealitäten zu ertragen oder patriarchalen Strukturen zu entkommen. Schon die Frage, was Alkoholismus überhaupt ist, ist kompliziert. Wann konsumiert jemand Alkohol? Ab wann ist jemand abhängig? Diese Grenzen sind fließend. Im Stück gibt es eine klare Linie: Die drei Frauen haben Alkohol ihr Leben lang unreflektiert verwendet. Durch die Begegnung miteinander fällt ihnen plötzlich auf, wie sie mit Alkohol umgehen – jede für sich und gemeinsam. Und natürlich kippt das irgendwann: Am Schluss stellen sie fest, dass sie alles ausgetrunken haben und nichts mehr da ist. Dann breitet sich Unruhe aus und sie beginnen zu reflektieren.
Josef Maria Krasanovsky (Bild: Milo Jesberg)
Die Figuren sprechen über Beziehungen, Familie und Arbeit, aber immer wieder taucht die Frage auf, warum sie eigentlich trinken. Wann wird aus individuellen Geschichten plötzlich eine gesellschaftliche?
Die Figuren beginnen über ihren Umgang mit Alkohol nachzudenken und dadurch wird sichtbar, dass hinter den individuellen Geschichten größere gesellschaftliche Strukturen stehen. Ich tue mir aber immer schwer mit eindeutigen Zuordnungen. Die Frage, warum Menschen trinken, hat viele Ebenen. Mich interessiert weniger die Antwort darauf, als welche weiteren Fragen dadurch sichtbar werden.
Was hat dich am meisten daran gereizt, »Under the Influence« zu inszenieren?
Dass das Stück so viel Humor hat und gleichzeitig große gesellschaftliche Fragen verhandelt. Und die visuelle sowie musikalische Welt, die wir im Stück betreten. Es geht um Rausch, um Dinge, die wir alle kennen und spüren, aber nur schwer benennen können. Als Theatermensch schlägt mein Herz für genau dieses Unerklärliche.
Das Stück vermischt Tragödie, Groteske und schwarzen Humor mit Themen wie Sucht und Einsamkeit. Wie haltet ihr die Balance in der Inszenierung?
Einerseits gibt es immer die literarische Realität eines Textes, die eine eigene Kraft entwickelt. Andererseits gibt es die Gestaltungskraft der Spieler*innen und des Leitungsteams. Wenn diese Kräfte aufeinandertreffen, entsteht etwas. Generell kann ich mit der Trennung zwischen Tragödie und Komödie wenig anfangen. Es steckt immer alles in allem. Wenn ich »Antigone« inszeniere und sie nur existenziell anlege, würden wir alle nach zwanzig Minuten einschlafen. Für mich steckt auch in »Antigone« wahnsinnig viel Slapstick.
»Under the Influence« (Bregenzer Festspiele / Anja Koehler)
Dionysa ist eine Göttin des Exzesses, die selbst längst erschöpft ist. Was interessiert dich an dieser Figur?
Zunächst finde ich spannend, dass in einer Zeit, in der wir Religion oft durch Lifestylecoaches, Yogamatten und die Insta-University ersetzt haben, überhaupt eine Göttin als Figur vorkommt. Das finde ich sehr bereichernd, weil: Wie stellt man eine Göttin auf einer Bühne dar? Trotz zwanzig Jahren Theater habe ich darauf keine Antwort. Genau darauf freue ich mich. Spannend finde ich außerdem, dass die Göttin selbst erschöpft ist. Sie ist gefallen und weiß auch nicht mehr weiter. Damit wird sie auf dieselbe Ebene gestellt wie die Menschen und alle teilen denselben common ground: das Fragezeichen.
Das Stück spricht von einer Suche nach einem »entpatriarchalisierten Rausch«. Wie kann man sich den vorstellen?
In »Under the Influence« sehen wir drei Generationen und drei unterschiedliche Formen, Alkohol zu verwenden: als Verdrängungsmaßnahme, als Leistungsinstrument und als Statussymbol. Dadurch stellt das Stück einen gesellschaftlichen Zusammenhang her. Mich interessiert aber vor allem die größere Frage nach dem Rausch selbst. Rausch wird heute oft ausschließlich negativ betrachtet. Gleichzeitig frage ich mich, ob er nicht auch einen reinigenden Effekt haben kann. Im Rausch reflektiere ich nicht bewusst mein Leben, sondern es fließt etwas Feinstoffliches und Unerklärliches durch mich hindurch.
Was würdest du dir wünschen, dass Leute von »Under the Influence« mitnehmen – ein Gefühl, eine Frage, einen Gedanken?
Ich möchte nicht, dass die Leute hinausgehen und sagen: »Aha, jetzt habe ich Rausch verstanden.« Dann hätten wir versagt. Ich wünsche mir vielmehr, dass sie sagen: »Ich hatte ein Erlebnis.« Ich wünsche mir, dass sie etwas gefühlt haben, das sie schon lange nicht mehr gefühlt haben. Dass sie vielleicht tausend Fragen im Kopf haben und sich gleichzeitig auf positive Weise nicht mehr ganz auskennen. Dass die Leute beflügelt hinausgehen und sagen: »Ja, das sind Probleme, die uns alle betreffen. Aber irgendwie sind das auch richtig spannende Probleme.«
»Under the Influence« ist eine Koproduktion von Theater Kosmos, Bregenzer Festspielen, Klagenfurter Ensemble und Schauspielhaus Salzburg im Rahmen der Österreichischen Theaterallianz und wurde 2025 mit dem Autor*innen-Preis ausgezeichnet. Es ist von 12. bis 15. August 2026 und von 17. bis 27. September 2026 im Theater Kosmos in Bregenz zu sehen.
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