Cover: Bildband über Fotografinnen: "Women photographers 1900-1975. A legacy of light"

AUDIO: Bildschöne Bücher: „Women Photographers 1900-1975“ (4 Min)

Stand: 08.03.2026 06:00 Uhr

Welche Frauen haben die Fotografie im 20. Jahrhundert geprägt? Viele sind es, deren Namen wir heute kaum noch kennen, deren Werk unterschätzt wurde. Der Bildband „Women Photographers“ will das jetzt ändern.

von Katja Weise

„Die durchschnittliche Frau sollte die Kunst in Ruhe lassen. Aber mit Intelligenz und Fleiß könnte sie hinter der Kamera triumphieren.“ Diese noch Ende des 19. Jahrhunderts vertretene Meinung hinderte viele Frauen nicht daran, sich neben dem Handwerk später auch für die Kunst der Fotografie zu interessieren. Seit Mitte des Jahrhunderts war Fotograf ein anerkannter Beruf. In den USA und in Europa entstanden von Frauen geführte Fotostudios, vor allem für die Porträtfotografie.

Musen und Macherinnen: Dora Maar und andere neu entdeckt

Lizzie Caswall Smith lernte bei ihrem Bruder in London und übernahm später sein Studio auf der Oxford Street. Bekannt sind bis heute ihre Porträts der Suffragetten, der britischen Frauenrechtlerinnen. Christabel Pankhurst, mehrfach inhaftiert wegen ihres Einsatzes für Gleichberechtigung und das Frauenwahlrecht, ist auf einem undatierten Foto von Caswall Smith als junge Frau zu sehen: schüchtern, fast verträumt der Blick.

Simone de Beauvoir, Ikone des Feminismus, zeigte sich 1952 mit Schlips und Rock: ein Bild von Gisèle Freund. Sie entdeckte das Medium der Fotografie schon als 15-Jährige für sich, Mitte der 1920er-Jahre:

Auch Dora Maar, vielen vermutlich vor allem als Muse von Picasso bekannt, haben Menschen interessiert. Maar studierte Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris Malerei und Fotografie. Ein Selbstporträt von 1935 zeigt sie aus dem Fenster blickend, die Ellenbogen aufgestützt, den Blick in die Ferne gerichtet.

Experimente mit Perspektive, Struktur und Farbe

Fast alle in dem Band versammelten Fotografien sind schwarz-weiß. Umso mehr fällt ein abstraktes, von Farbflächen dominiertes Bild der Japanerin Eiko Yamazawa auf. Nicht nur sie hat sich für Strukturen interessiert und nach anderen Perspektiven gesucht: „Die Fotografie ist eine neue Art, Bilder zu machen, und eine neue Art zu sehen. Tatsächlich kann man sagen, dass der Blick des 20. Jahrhunderts durch die Fotografie geprägt wurde“, schreibt Berenice Abbott, geboren 1898 in den USA. Sie hat die rasanten Veränderungen von New York mit der Kamera eingefangen: Hochhäuser, dicht an dicht, in der Nacht mit hell erleuchteten Fenstern – bei ihr ein von Linien durchzogener Großstadtdschungel.

Ilse Bing scheint die Passanten auf dem Pariser Champs de Mars zu einem Muster sortiert zu haben.

Buchcover: Elfriede Mejchar - Grenzgängerin der Fotografie

Elfriede Mejchar war eine der bedeutendsten Fotografinnen Österreichs. Ihre ungewöhnlichen Aufnahmen sind nun in einem Bildband versammelt.

Intime, politische und surreale Bildwelten

Auch der Surrealismus findet seinen Widerhall in den Fotografien der Frauen – sie stehen den männlichen Kollegen in nichts nach. Es gibt intime Bilder und sozialkritische, realistische, collagierte, abstrakte. Lucia Moholy hat 1926 die Küche in der Bauhaussiedlung in Dessau fotografiert. Auch das kein zwingend „weibliches“ Motiv.

Die Frauen bedienen keine Klischees, haben einen genauen, oft zugewandten, weltoffenen Blick und experimentieren mit Effekten: Die Tänzerin Renate Schottelius, im Sprung eingefangen von Ellen Auerbach, scheint über dem New Yorker Beton zu schweben.

Ikonische Bilder sind entstanden. „Heimatlose Mutter“ von Dorothea Lange, das zum Symbol für die Große Depression in den USA wurde, zählt zu den bekanntesten in diesem Band. Für Lange, die wie die meisten ihrer Kolleginnen als Porträtfotografin begonnen hatte, war Fotografie auch ein Mittel, um Gesellschaft zu verändern.

Essays über Rollenbilder, Fotomontage und queere Fotografie

Die wissenschaftlich fundierten, englischen Aufsätze liefern viele erhellende Informationen. Sie beschäftigen sich neben der Historie mit Themen wie der „Kraft des Moments“, der Fotomontage, der Veränderung von Rollenbildern bis hin zur queeren Fotografie. In diesem gut kuratierten Band lässt sich lernen und entdecken. Und auch wenn das Englische nicht allen leicht fallen mag: Unbedingt anschauen und – wegen der Flut an Informationen – in Häppchen lesen!

Cover: Bildband über Fotografinnen: "Women photographers 1900-1975. A legacy of light"

Women Photographers 1900-1975: A Legacy of Light

von

Seitenzahl:
336 Seiten

Genre:
Bildband

Verlag:
HatjeCantz

ISBN:
978-3-7757-6136-9

Preis:
48 €