Cover: Jochen Missfeldt, "Abschiedssommer"

AUDIO: Neue Bücher: „Abschiedssommer“ von Jochen Missfeldt (3 Min)

Stand: 11.08.2026 06:00 Uhr

Kaum ein Schriftsteller unserer Zeit ist so sehr mit seiner Heimat, der Landschaft an der schleswig-holsteinischen Küste verbunden wie Jochen Missfeldt. „Abschiedssommer“ ist der letzte Teil seiner autobiografisch geprägten Romanreihe.

von Annemarie Stoltenberg

Mit dem Titel „Abschiedssommer“ kann in diesem Roman vieles gemeint sein, aber vor allem ist es wohl der Abschied von Kindheit und Jugend der Hauptfigur Gustav Hasse, der nach dem Abitur einen sonnenreichen Sommer an der Ostseeküste verbringt, bevor er ins Erwachsenenleben startet.

Musik, Liebe und die Last der Scham

Gustav Hasse, der Ich-Erzähler spielt Klavier, klassische Stücke für seinen Onkel Reinhard, aber auch Swing und Fetziges in einer Flensburger Schüler-Rock’n’Roll-Band. Das könnte für ihn sorgenfrei und unbeschwert sein. Aber jeder, der seine eigenen Erinnerungen an die Jugend ungeschönt betrachtet, weiß, so fühlen sich Erwachsenwerden und Pubertät leider selten an. Voraussichtlich ein Leben lang fallen uns Menschen und Ereignisse ein, für die man sich schämt. Bei Gustav ist es eine Ohrfeige, die er dem Mädchen verpasst hat, das er liebt.

Sollte ich jetzt, gut zwei Monate später und nach der Ohrfeige, Johanna einen Besuch abstatten, sie um Aussprache bitten, um Verzeihung? Oder sollte ich ihr einen Brief schreiben? Ich wusste es nicht. Sie hatte sich in Schweigen gehüllt, wie ich.

Auszug aus „Abschiedssommer“

Die drängenden Fragen der Jugend

Es ist die Zeit im Nachkriegsdeutschland, die zweierlei kennzeichnet: Der Wunsch, alle grauenhaften Ereignisse während der Nazi-Zeit möglichst rasch zu überwinden. Die Älteren würden am liebsten gleich vergessen und neu anfangen. Aber da sind die drängenden Fragen der Jugend: Was habt Ihr getan, wo seid Ihr gewesen, welcher Verbrechen habt ihr Euch schuldig gemacht? Es lastet tonnenschweres Schweigen auf der Gesellschaft unter all den Versuchen, zu verdrängen. Es gab kein Lehrbuch, keine Vorbilder, wie man es machen könnte. Und die gibt es bis heute nicht.

Kindheitserfahrungen als literarischer Antrieb

Jochen Missfeldt erklärt in einer Nachbemerkung zu seinem Roman:

Abschiedsommer“ ist der Schlussstein meiner Solsbüll-Romanwelt, die 1989 begründet wurde (…) Solsbüll steht für „meinen“ Landstrich Angeln, es ist das Gebiet zwischen der Flensburger Förde im Norden und der Schlei im Süden, zwischen der Ostsee im Osten und der Geest im Westen (…) Dass Ostpreußen wieder eine Rolle spielt, liegt an meinen Kindheitserfahrungen (…) Ich las mir die Namen ostpreußischer Städte laut vor und berauschte mich an ihrem Klang: Pillau, Allenstein, Gumbinnen, Nikolaiken. Im Radio wurde das Ostpreußenlied „Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen“ gesungen und Ostpreußen wurde für mich zum Sehnsuchtsland.

Auszug aus Jochen Missfeldts Nachbemerkung

Und im Radio kamen die Suchmeldungen vom Deutschen Roten Kreuz – das gehört zu meinen Erinnerungen, und ich kann mich an keinen Tag in meiner Kindheit erinnern, an dem ich nicht gewusst hätte, dass vor nicht allzu langer Zeit etwas Entsetzliches passiert ist, mit dem man nicht umgehen konnte. Warum das nicht möglich war und bis heute kaum zu gelingen scheint, versteht man besser bei der Lektüre dieses leisen und großartigen Romans.

Cover: Jochen Missfeldt, "Abschiedssommer"

Abschiedssommer

von Jochen Missfeldt

Seitenzahl:
240 Seiten

Genre:
Roman

Verlag:
Dtv

ISBN:
978-3-423-28573-5

Preis:
23 €

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Romane