Christopher Nolan ist für seine düsteren Blockbuster bekannt, die sich oft extrem geerdet anfühlen. Selbst wenn er eine Comicverfilmung wie The Dark Knight oder ein Sci-Fi-Epos à la Interstellar auf die große Leinwand bringt, werden seine Werke stets von einem Realismus begleitet, der jede Szene sehr glaubhaft macht.
Mit Die Odyssee hat er sich nun erstmal in fantastischere Welten gewagt, die von Zyklopen und anderen Ungeheuern bevölkert sind. Dementsprechend heißt es zu Beginn des Films, dass wir uns „in a time of apparent magic“ befinden – also in einer Zeit scheinbarer Magie. Diese einleitenden Worte hat er sich von Star Wars abgeschaut.
Christopher Nolans Die Odyssee beginnt wie Star Wars
Als George Lucas vor knapp 50 Jahren Krieg der Sterne ins Kino brachte, blickten wir ebenfalls in die Dunkelheit des Bildes, ehe dort in leuchtend blauer Schrift folgende Worte erschienen: „A long time ago in a galaxy far, far away …“ Im Deutschen steht da: „Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis …“
Mit nur einem Satz steckt Lucas die Rahmenbedingungen für sein Weltraummärchen ab. Das Publikum kann ganz intuitiv in die Geschichte eintauchen, egal wie abgefahren oder absonderlich diese ist. Das wollte Nolan auch bei Die Odyssee erreichen, wie er in einem Gespräch mit Regie-Kollege Park Chan-wook erklärt:
Eines meiner frühesten Kinoerlebnisse – ein sehr prägendes – war der erste Star Wars-Film von George Lucas. Er begann diesen Film mit den Worten: ‚Vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis …‘ Das vermittelte mir sofort, wie ich den Film betrachten sollte. Es versetzte mich in die richtige Stimmung, um die Bilder auf mich wirken zu lassen.
Weiter sagt er:
Genau diese Art von Erlebnis, bei dem man eine Welt erschaffen möchte, in der sich das Publikum verliert und deren Bedingungen es akzeptiert, habe ich [bei Die Odyssee] angestrebt. Deshalb suchte ich nach einem Ausdruck, der dem Publikum helfen würde, die Bedingungen der Geschichte zu verstehen. Insbesondere das Wort ’scheinbar‘ bezog sich sehr stark auf die Erkenntnis, dass wir, wenn wir die Geschichte realistisch erzählen, bis zu einem gewissen Grad erklären müssen, warum es Magie gibt.Scheinbare Magie in Christopher Nolans Die Odyssee
Nolans Satz ist sehr effektiv und weckt obendrein Neugier, weil es eben nicht nur „in einer Zeit von Magie“ heißt, sondern „in einer Zeit scheinbarer Magie“. Die Zweifel, die Matt Damons Odysseus während seiner Reise hegt, sind somit schon in die einleitenden Worte eingeflochten und fordern uns auf, das Gezeigte zu hinterfragen.
Immer wieder wird dieses „scheinbar“ in einzelnen Szenen des Films aufgegriffen. War das zornige Donnergrollen, das genau im richtigen Moment für Angst und Schrecken sorgte, wirklich ein Zeichen der Götter oder doch nur eine Laune der Natur? Und wie sieht es mit der Verwandlung von Odysseus‘ Männern in Schweine aus?
Mal lässt Nolan viele Interpretationsmöglichkeiten offen, wie er den Begriff der Magie versteht. Mal wirkt es eindeutig, dass hier Kräfte im Gange sind, die sich auf rationale Weise nicht erklären lassen. Mal könnte das Übernatürliche aber auch auf die inneren Qualen zurückgeführt werden, die der traumatisierte Odysseus erleidet.
In Die Odyssee wird der vermeintliche Held mit seiner genialen List als gebrochener Mann dekonstruiert, der schockiert feststellen muss, welches Grauen seine geniale Idee des Trojanischen Pferdes ausgelöst hat. Wie in Oppenheimer versetzt uns Nolan in die Perspektive eines Protagonisten, der über seine eigenen Taten erschrickt.
Seit dem 16. Juli 2026 könnt ihr euch davon selbst ein Bild im Kino machen.