LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue JACC-Analyse rückt Bauchfett als wichtigen Treiber für kardiovaskuläre Risiken in den Fokus, selbst wenn der BMI im Normalbereich liegt. Normalgewichtige mit hohem Taillenumfang haben laut den Daten bis zu 50 % mehr Risiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gleichzeitig zeigt die Auswertung, dass Adipositas ohne ausgeprägten Bauchumfang nicht zwingend mit erhöhten Herzereignissen einhergeht. Für die Prävention bedeutet das: Messen statt raten – Taillenumfang und Taillen-Hüft-Verhältnis gewinnen an Aussagekraft.

Bauchfett erhöht Herzrisiko: Taillenumfang zählt auch bei NormalgewichtBauchfett erhöht Herzrisiko: Taillenumfang zählt auch bei Normalgewicht (Foto: IT BOLTWISE)

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Die Aussage klingt zunächst kontraintuitiv: Wer nach BMI-Kriterien als „normalgewichtig“ gilt, soll trotzdem ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben können. Genau an dieser Stelle setzt eine im August 2026 im Journal of the American College of Cardiology (JACC) veröffentlichte Analyse an, die die traditionelle Risikoeinschätzung über das Körpergewicht hinterfragt. Im Kern geht es um die Frage, ob Fettgewebe vor allem als Gesamtmenge relevant ist – oder ob die Verteilung entscheidender ist. Die Studie argumentiert, dass sich das Risiko besonders dann deutlich verschiebt, wenn sich Fett in der Bauchregion ansammelt.

Für die Praxis wird die neue Priorität schnell greifbar: Normalgewichtige mit einem erhöhten Taillenumfang weisen den Angaben der Analyse zufolge bis zu 50 % häufiger schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse auf. In dieser Gewichtsklasse findet sich laut Auswertung bei etwa 5 % ein hoher Taillenumfang, während bei rund 18 % ein hohes Taillen-Hüft-Verhältnis vorliegt. Schon diese Spannbreite macht klar, warum reines BMI-Screening unter Umständen zu grob ist: Der BMI bleibt eine globale Kennzahl, während der Taillenumfang stärker darauf abzielt, wie viel viszerales Fett im Bauchraum potenziell aktiv am Stoffwechselgeschehen beteiligt ist.

Technisch betrachtet liefert die Studie damit einen Hinweis auf eine Mechanik, die in vielen klinischen Modellen bisher nicht ausreichend abgebildet war. Bauchfett steht mit Prozessen in Verbindung, die das Gefäßsystem belasten können, etwa durch chronische metabolische Veränderungen und eine stärker „stressende“ Stoffwechsellage – unabhängig davon, ob das Gesamtgewicht im Normkorridor liegt. Für die betroffene Gruppe formuliert die Analyse einen konkreten Risikobereich: Die Wahrscheinlichkeit für Schlaganfälle und Herzkrankheiten steigt um 15 bis 50 %. Umgekehrt liefert die Studie auch eine Art Gegenprobe: Adipositas mit niedrigem Taillenumfang soll laut den Ergebnissen nicht automatisch mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden sein, sodass das Profil dann näher an das von Normalgewichtigen mit geringer Bauchfettlast heranreicht.

Besonders interessant ist die Konsequenz für die Bewertung von „Übergewicht“ im weiteren Sinne. Wenn ein hoher BMI bei gleichzeitig schlanker Taille das Risiko möglicherweise überschätzt, während ein normaler BMI bei ausgeprägtem Bauchfett Gefahren unterschätzt, wird die Lücke zwischen Einstufung und tatsächlicher biologischer Belastung sichtbar. Genau deshalb erscheint die Entwertung des BMI als alleiniger Indikator folgerichtig, zumindest im Sinne einer präziseren Schichtung. Der BMI bleibt zwar weiterhin einfach zu bestimmen, doch die Daten legen nahe, Taillenumfang und Taillen-Hüft-Verhältnis in der klinischen Routine sowie in der Prävention stärker zu berücksichtigen. Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet das vor allem: Ein Messwert am Körper kann unter Umständen bessere Risikosignale liefern als eine rechnerisch abgeleitete Gesamtgröße.

Die Argumentation der Analyse stützt sich dabei nicht nur auf Einzelstudien, sondern auf eine breite Datenbasis: Insgesamt flossen 15 Kohortenstudien ein, in denen Daten von über 260.000 Menschen ausgewertet wurden. Zudem macht die Langfristigkeit der Beobachtung einen Unterschied für die Interpretation, weil der Untersuchungszeitraum sich über etwa 20 Jahre erstreckt. In solchen Langzeitkohorten ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sich auch langfristige Ereignisse wie Herzkrankheiten und Schlaganfälle tatsächlich abbilden lassen. Solche Datengrundlagen sind in der Risikoforschung wertvoll, weil kurzfristige Schwankungen (etwa durch Lebensstiländerungen oder kurzfristige Gewichtsbewegungen) weniger das Gesamtbild dominieren.

Für Unternehmen im Gesundheitskontext und für Anbieter digitaler Präventions- und Coaching-Lösungen ergibt sich daraus ein klarer Produkt- und Prozessimpuls. Wenn Taillenumfang und Taillen-Hüft-Verhältnis als relevantere Prädiktoren gelten, sollten Screening-Workflows in Apps und Programmen diese Messungen in den Mittelpunkt stellen: nicht als „Zusatz“, sondern als Teil der Kernlogik zur Risikoabschätzung. Auch bei Wearables und Gesundheitsplattformen liegt der Fokus häufig stark auf Gewicht und Aktivitätsmetriken; die Studie verschiebt die Aufmerksamkeit jedoch auf eine weitere, niedrigschwellige Messgröße, die sich etwa durch regelmäßige Selbsterfassung oder praxisnahe Screening-Formulare integrieren lässt. So kann sich die Kommunikation an Nutzerinnen und Nutzer verändern: Weg vom reinen „Zahl steht im Normbereich“, hin zu „Körperregionen liefern zusätzliche Information“.

In der Prävention bedeutet das letztlich keine Panikmache, sondern bessere Zielgenauigkeit. Bauchfett wird als kritischer Faktor beschrieben, der den Stoffwechsel und das Gefäßsystem unabhängig vom Gesamtgewicht belastet. Wer also vor allem seinen Taillenumfang im Blick behält, kann in der Planung von Maßnahmen realistischer priorisieren. Für die Risikobewertung bleibt damit ein praktischer Gedanke: Nicht jede Normalgewichtige Person ist automatisch risikoarm, und nicht jedes „adipöse“ Körpermaß führt zwingend zu demselben Herzprofil. Die nächste Stufe ist daher, Messung und Auswertung eng miteinander zu verbinden – damit aus Statistiken echte Entscheidungen in der Prävention werden.

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