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Seite 1Wer zahlt, bleibt verschont
Seite 2Die Rechtsfrage beginnt vor dem Widerspruch
Wer etwas ins Netz schreibt,
muss heute damit rechnen, dass eine künstliche Intelligenz (KI) daran lernt. Denn um große Sprachmodelle zu trainieren, saugen große KI-Firmen alle möglichen Informationen aus dem Internet. Bislang galt das vor allem für öffentliche Beiträge – bald gilt es auch
für die Arbeitswelt.
Atlassian, ein
amerikanisch-australisches Softwarehaus mit rund 300.000 Firmenkunden, will ab dem 17. August bestimmte Daten seiner Kunden dafür nutzen, seine Programme zu verbessern, vor allem den
KI-Assistenten Rovo. Erstmals könnten dann interne Unternehmensdaten in die KI
einfließen, die später alle Atlassian-Kunden verwenden. Das ist nicht nur heikel, weil es um sensible Daten geht. Sondern auch, weil nicht alle Firmen der Datenverarbeitung widersprechen können.
Atlassian bietet seinen
Firmenkunden mit seinen Softwareprogrammen eine Art Gedächtnis ihrer Arbeit an.
In der Software geben die Firmen an, wer woran arbeitet und was als Nächstes
geplant ist. In vielen Büros sind zwei Atlassian-Programme seit Jahren Standard,
besonders in der Softwareentwicklung: Mit Jira können Teams ihre Aufgaben
planen, organisieren und verfolgen. Mit Confluence haben sie eine Art internes
Firmenlexikon, in dem sie Informationen dokumentieren können. Kurzum: In der
Atlassian-Software speichern Firmen wichtige Daten. Dieses Arbeitsgedächtnis greift Atlassian nun ab.
Künstliche Intelligenz
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Arbeitsplätze und KI:
Werden wir arbeitslos wegen KI?
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Cory Doctorow:
»Je länger wir die KI-Blase laufen lassen, desto größer der Schaden«
Z+ (abopflichtiger Inhalt);
Thomas Piketty:
»Wir müssen weder nach Peking noch nach San Francisco blicken«
Wie viele der betroffenen
Organisationen deutsche Firmen sind, weist Atlassian nicht aus. Allein in
Deutschland listet das Unternehmen mehr als 90 Beratungshäuser als
Partnerfirmen. Kunden sind außerdem Konzerne wie Mercedes-Benz, wo nach Angaben
von Atlassian mehr als 50.000 Beschäftigte über dessen Cloud arbeiten. Die neue Regel dürfte auch viele kleine Firmen und Mittelständler treffen. Auch die ZEIT arbeitet mit der Software von Atlassian.
© ZEIT ONLINE
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Atlassian ist mit seiner neuen Praxis
nicht allein. Auch die Programmierplattform GitHub, die zu Microsoft gehört, hat die Datennutzung ihres
KI-Assistenten Copilot ausgeweitet. Peter Wedde sieht darin ein
Muster. »Viele große Anbieter nutzen alle erreichbaren Daten, um ihre KI zu
trainieren«, sagt der emeritierte Professor für Arbeitsrecht an der Frankfurt
University of Applied Sciences.
Manchen Firmen gibt Atlassian keine Wahl
Um zu verstehen, welche Daten vom KI-Training betroffen sein können, ist es wichtig, zwischen zwei
Datenkategorien zu unterscheiden. Die eigentlichen Inhalte sind sogenannte In-App-Daten. Darunter fallen etwa die Lexikonseiten in Confluence, die ein Unternehmen angelegt hat, um
internes Firmenwissen festzuhalten. Auch die Beschreibung einer neuen Aufgabe
für einen Mitarbeiter in Jira gilt als In-App-Datum.
Die zweite Datenkategorie
sind die Metadaten, sozusagen die Messdaten drumherum. Sie entstehen etwa, wenn
ein Team eine Aufgabe in Jira anlegt. Ein solches Datenpaket umfasst zum
Beispiel, wie umfangreich die Aufgabe ist und ob es sich um einen Vorgang aus
dem Vertrieb oder einer anderen Abteilung handelt. Zu den Metadaten zählt auch
eine Art Landkarte, wer mit wem woran arbeitet und welche anderen Dienste
wie Slack oder Salesforce verwendet werden.
Welche Daten Atlassian nun zum
KI-Training nutzt, hängt vom Tarif eines Unternehmens ab. Den sensiblen
In-App-Inhalten kann jede Firma widersprechen. Bei den Tarifen Free und Standard ist ihre
Weitergabe zunächst eingeschaltet. Firmen müssen einen Schalter drei Mausklicks tief in den Einstellungen finden, damit die internen Firmendaten nicht für das KI-Training verwendet werden. Bei Premium und Enterprise ist sie zunächst
ausgeschaltet.
Anders ist es bei den
Metadaten. Hier erlaubt nur der teuerste Tarif Enterprise den
vollständigen Widerspruch. Wer Free, Standard oder Premium nutzt, hat dafür
keinen Schalter. Das ist brisant. Nicht nur weil Atlassian diesen Kunden
offenbar keine Wahl lässt. Sondern auch weil sich aus den Metadaten ablesen
lässt, wie eine Organisation arbeitet, in welchem Takt und mit welchen
Prioritäten. Über die Inhalte behalten alle die Kontrolle; über die
Metadaten nur, wer den teuersten Tarif bezahlt.
Atlassian bestätigt dieses
Vorgehen auf Anfrage. Metadaten würden in Free, Standard und Premium »immer
beigesteuert«, um Kernfunktionen wie die Suche zu verbessern, sagt ein
Atlassian-Sprecher. Die eigentlichen Inhalte könnten dagegen alle Kunden
abschalten.
Das Unternehmen verweist auf
seine Schutzvorkehrungen: Alle beigesteuerten Daten würden »de-identifiziert
und aggregiert«, Namen und E-Mail-Adressen fielen vorher heraus.
Ein Risiko bleibt allerdings bestehen. Denn eine Aufgabe, die etwa »Stellenabbau Standort Süd«
heißt, verrät dennoch etwas über die Strategie eines Unternehmens – auch wenn
Klarnamen vorher entfernt wurden. Hinzu kommt: Die aus den Daten gewonnenen
Muster sollen Atlassians Programme und KI für alle Kunden verbessern. Dass die
Konkurrenz von Erkenntnissen aus den eigenen Daten profitiert, dürfte nicht
jedem Unternehmenschef gefallen.