Richtungswechsel: Barbara Höller lotet im Grazer Museum der Wahrnehmung die vielen Spielarten der Linie aus.
Es schaut fast so aus, als würde sich die Linie querstellen, eine Art Quertreiberin also, die sich nicht in ein System pressen lassen will. Auf den ersten Blick könnte man sich noch täuschen lassen, aber der zweite und der dritte Blick erfasst das Netz aus Linien, das alles andere als gleichförmig ist. Da wären nicht nur die farblichen Abstufungen, sondern die leichten Richtungsänderungen und natürlich die Fließrichtung, die die Leinwand in einen sich scheinbar nach hinten öffnenden Raum verwandeln. Bleiben wir bei der Fließrichtung: „Es gibt bei Barbara Höller keinen Pinselstrich, nicht einmal den Pinsel als Werkzeug“, erklärt Sabine Richter vom Museum der Wahrnehmung (MUWA).
© Susanne Rakowitz MUWA-Team: Eva Fürstner (vorne) und Sabine Richter
Wer sich Werkgruppen wie „Straight River“, „Ladder“ oder „Cover the Color“ nähert, ist maximal verblüfft. Eva Fürstner vom MUWA kennt das Staunen unter anderem von den vielen Schulführungen. „Die Gravitation ist eine der wichtigsten Assistentinnen von Höller“, erzählt Fürstner von einem komplexen Erarbeitungsprozess. Die Leinwand ist mit Kunstleder bespannt, Höller setzt eine Farbspritze mit Acryllack an, den Rest auf dem Weg zur Erdmitte erledigt die Gravitation – und das mit einer schier unglaublichen Präzision. Die Linien der Serie „Cover the Color“ enden sogar abrupt mit erstarrten Tropfen.
Je nach gewünschter Richtung dreht Höller die Leinwand, setzt die Linien neu, webt Netze daraus. Geht von der Malerei in Richtung Installation, denkt die Besucherinnen und Besucher mit und fragt: „Tape or Fake“ und gibt dieser Arbeit noch eine gesellschaftspolitische Dimension auf den Weg.
© Susanne Rakowitz„Cover the Color 02“, 2025
© Susanne Rakowitz Detail aus „Cover the Color 02“, 2025
Wenn bei Barbara Höller als Ausstellungstitel von der „Präsenz der Linien“ die Rede ist, dann bekommt man es also mit den unterschiedlichsten Linien-Charakteren zu tun. Im ersten Stock sind bei „Basic Research 2.0“ experimentelle Arbeiten der ShapeLab-Forschungsgruppe des Instituts für Architektur und Medien zu sehen. Darunter verdunstungsbasierte Kühlsysteme oder ein 3D-Drucker, der keramische Strukturen druckt und gleichzeitig vernäht. Hier ist die nachhaltige Zukunft keine leere Theorie, sondern Praxis.
Barbara Höller. „Präsenz der Linien. Bis 18. 9. 2026. Friedrichgasse 41. muwa.at. Sonntag (16. August) ist Tag der offenen Tür, der Eintritt ist frei.
© Susanne RakowitzAus der Serie „Broken Lines“, 2025
© Susanne RakowitzDetail aus der Serie „Straight River – Braid 01“, 2020