Charlottenburg – Sie waren jung, modern, schnell. Sie lebten in der Großstadt, waren berufstätig, trugen Bubikopf und kurze Kleider. Sie waren die neuen Frauen der 1920er-Jahre. Die Bauhaus-Fotografinnen waren Pionierinnen der Avantgarde und Vorreiterinnen der Emanzipation, die Kamera war ihr Werkzeug der Selbstbestimmung. Dass die meisten von ihnen heute vergessen sind, liegt am Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus, der diese Avantgarde zerschlug.
Höchste Zeit, an diese neue Frau und ihr neues Sehen zu erinnern. Das Bauhaus-Archiv widmet ihnen jetzt im Museum für Fotografie eine große Schau mit 300 Fotos von 29 Bauhaus-Fotografinnen. „Obwohl Fotografie erst ab 1929 am Bauhaus unterrichtet wurde, spielte sie an der Kunstschule immer eine große Rolle“, erklärt Kuratorin Kristin Bartels (41) beim Rundgang mit der B.Z. „Zunächst wurde sie jedoch als Werbemittel eingesetzt.
Die Objekte des Bauhauses mussten dokumentiert werden, um Einnahmen für das Bauhaus zu generieren. Fotografie als künstlerisches Experiment brachte László Moholy-Nagy mit, der 1923 ans Bauhaus kam und das Experiment auch nach der Zerschlagung des Bauhauses in Deutschland 1933 in den USA am Leben erhielt.“

Ivana Meller-Tomljenovićs Porträt der Malerin Grete Krebs von 1930
Foto: Marinko Sudac
In sechs Kapiteln gliedert sich die Schau: Das Selbst im Blick, das Bild der Frau, Fotografie-Unterricht am Bauhaus, Kunst und Experiment, Menschen/Länder und Architektur. Sie fotografierten sich selbst, einander und die Welt. Sie waren Malerinnen, Architektinnen, Metalldesignerinnen, Bildhauerinnen – und alle waren sie fasziniert von den Möglichkeiten der Fotografie. Prägend für das Gesicht der Bauhaus-Fotografie war Lucia Moholy, die ab 1923 die wichtigste Fotografin des Bauhauses wurde und deren Bilder des Neubaus in Dessau 1926 um die Welt gingen.

Kuratorin Kristin Bartels (41) in der Ausstellung „Neue Frauen, neues Sehen“
Foto: Stefanie Herbst
Kristin Bartels’ liebstes Bild in der Schau entstand 1928, ein Selbstporträt von Grit Kallin-Fischer. Bartels: „Ich liebe alle Fotos in dieser Schau, aber dieses bringt den Titel der Ausstellung ,Neue Frau, neues Sehen‘ auf den Punkt – die Künstlerin liegt diagonal auf dem Boden, trägt ein kurzes Kleid, blickt nicht in die Kamera und hat eine Zigarette in der linken Hand. Am rechten Zeigefinger erkennt man den dünnen Faden, mit dem sie den Auslöser betätigte.“ Stimmt, besser geht’s nicht.
Bis 4.10., Di-So 11-19 Uhr, Do 11-20 Uhr, Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, 12/erm. 6 Euro, Infos und Tickets gibt es hier.
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