Die CDU wurde im Endspurt offenbar überholt. Die AfD landete mit deutlichem Abstand auf dem dritten Platz. SPD schafft den Einzug in den Landtag, FDP und Linke zittern noch.

Stuttgart – Die regierenden Grünen haben die Landtagswahl im süddeutschen Bundesland Baden-Württemberg überraschend gewonnen. Hochrechnungen zufolge kam die Partei von Spitzenkandidat Cem Özdemir auf 30,4 bzw. 30,7 Prozent der Stimmen, die CDU erreichte 29,7 Prozent. Die rechtspopulistische AfD wurde drittstärkste Kraft, die SPD schaffte es nur noch knapp ins Landesparlament. FDP und Linke scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde.

Eine Fortsetzung der Koalition von Grünen und CDU war erwartet worden. Offen war bis zuletzt nur, welche der beiden Parteien am stärksten abschneidet und damit den Ministerpräsidenten stellen wird. Noch vor wenigen Wochen hatte die Partei von Bundeskanzler Friedrich Merz einen deutlichen Vorsprung, doch konnten die Grünen mit ihrem beliebten Spitzenkandidaten Özdemir am Ende aufholen. Der langjährige Grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte nach drei Amtszeiten nicht mehr kandidiert.

CDU gibt sich noch nicht geschlagen

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann gab die Wahl für seine Partei aber noch nicht verloren. Der Abend bleibe spannend, sagte er in der ARD. Man warte auf die erste Hochrechnung. „Natürlich hoffen wir noch“, sagte Linnemann. CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel sagte, dass er selbst die Verantwortung für das Ergebnis übernehme. Was das bedeutet, führte er nicht weiter aus.

Auch Özdemir wollte sich noch nicht zum Wahlsieger erklären. „Was für ein Wahlkampf. Was für eine fulminante Aufholjagd“, sagte er am Sonntagabend vor Anhängern. „Es ist noch zu früh, um final etwas zu sagen“, fügte er mit Blick auf die ersten Hochrechnungen hinzu. Er hoffe, dass sich diese bestätigten. Grünen-Parteichef Felix Banaszak bejubelte den Wahlerfolg seiner Partei als „großartig“. „Dieses Ergebnis bringt uns so einen Rückenwind“, sagte er.

Özdemir bietet CDU „Koalition auf Augenhöhe“ an

Özdemir sprach sich für eine Fortsetzung des Regierungsbündnisses mit der CDU aus. Er hoffe darauf, „dass wir knapp vor den Kollegen von der CDU sind und dann die erfolgreiche Koalition der letzten zehn Jahre gemeinsam fortsetzen auf Augenhöhe“, sagte er. „Wir haben das Land zehn Jahre verlässlich regiert, das hat dem Land gutgetan unter Führung von Winfried Kretschmann, und genau so möchte ich es weiterregieren.“ Özdemirs CDU-Kontrahent Manuel Hagel sagte, dass der Ball bei den Grünen liege.

Kretschmann zeigte sich „froh, dass ich jetzt aufhören darf“. „Und wenn man solch einen talentierten Nachfolger hat, der so viel Erfahrung, Weitsicht und Umsicht hat, dann geht man auch gerne aus dem Amt“, fügte er mit Blick auf den sich abzeichnenden Sieg seines Parteifreundes Özdemir hinzu.

AfD „sehr zufrieden“, SPD beklagt Ergebnis als „sehr bitter“

Die AfD dürfte drittstärkste Kraft im Stuttgarter Landtag werden. Sie kann mit 17,7 bzw. 17,9 Prozent rechnen. Die SPD dürfte auf 5,5 bzw. 5,4 Prozent kommen. FDP und Linke verpassten mit jeweils 4,3 bzw. 4,4 Prozent die Fünf-Prozent-Hürde deutlich. Das ist vor allem für die Liberalen bitter – die Traditionspartei fliegt nach 70 Jahren erstmals aus dem Landtag.

AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel sagte, sie sei „sehr zufrieden“. Es laufe auf eine Verdoppelung des vorherigen Ergebnisses hinaus. „Wir werden Oppositionsarbeit machen“, kündigte sie an. Ein „total bitterer Abend“ sei es für die SPD gewesen, sagte deren Chef Lars Klingbeil. Die Sozialdemokraten habe das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Özdemir und Hagel Stimmen gekostet, so der Vizekanzler, der sich für die bevorstehende Wahl in Rheinland-Pfalz einen ähnlichen Effekt zugunsten des SPD-Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer erhofft. Der baden-württembergische SPD-Landeschef Andreas Stoch trat noch am Wahlabend zurück.

Die Wahlbeteiligung lag den Hochrechnungen nach bei 70,2 bis 71,5 Prozent (2021: 63,8). Rund 7,7 Millionen Menschen waren im äußersten Südwesten Deutschlands wahlberechtigt – so viele wie noch nie. Denn erstmals durften auch Jugendliche ab 16 Jahren an der Landtagswahl teilnehmen. Der mittlerweile 77-jährige Ministerpräsident Kretschmann war nicht mehr angetreten. Er ist seit 2011 im Amt – als erster und bisher einziger grüner Regierungschef eines deutschen Bundeslandes. Davor hatte über Jahrzehnte die CDU den Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg gestellt. (APA/Reuters/dpa)