Die späten 80er Jahre werden in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bisher nur wenig betrachtet. Die Schriftstellerin Hannah Mann hat sich in ihrem Debütroman nun aber genau dieser Zeit zugewandt. Konkret befinden wir uns in West-Berlin im Februar 1988.
Die Stadt ist geteilt, der kalte Krieg noch nicht vorüber. In einem Charlottenburger Altbau leben die Fotografin Suzana und der Maler Arthur mit ihrer gemeinsamen Tochter Daria. Sie ist ein verträumtes Kind mit seltsamen, gleichzeitig liebenswerten Eigenarten:
Ich koche Kaffee, während Daria Milch in die Schüssel gießt und die bunten Kringel aus dem Karton dazu schüttet. Geduldig wartet sie, bis sie eingeweicht sind. An einem Nagel in der Wand neben dem Küchentisch hat Daria eine Schnur befestigt, daran baumelt ein Schreibheft, in dem sie eine Strichliste führt. Sie zählt jeden Kringel, bevor sie ihn vom Löffel saugt – 3175 Kringel seit Jahresbeginn.
Schon allein den Alltag dieser kleinen Familie und die zärtlich-spielerischen Beziehungen untereinander zu betrachten, macht große Freude.
Doch dann erreicht Suzana mitten in der Nacht ein Anruf ihres Vaters:
„Suzanka. Liebste“, höre ich meinen Vater sagen, als ich mich melde.
„Was ist los, Tatus?“, frage ich und ziehe die Telefonschnur in die Küche, um einen Blick auf die Wanduhr zu werfen: Es ist vier Uhr.
„Es geht um Matka.“ Er zögert.
„Sag schon. Was ist?“
„Sie ist nicht da.“
„Was meinst du damit – sie ist nicht da?“
„Ich meine: Sie ist nicht da, und ihr Mantel hängt nicht an seinem Platz. Ich habe schon überall nachgesehen.“
Mutter spurlos verschwunden
Das plötzliche Verschwinden ihrer Mutter ruft Sorgen hervor, aber auch Erinnerungen: Als polnische Juden waren Suzana und ihren Eltern 1968 gezwungen, Warschau zu verlassen. Auslöser waren die landesweiten Studentenproteste, die das kommunistische Regime in Polen zum Anlass nahm, eine antisemitische Kampagne zu starten.
Suzana und ihre Eltern verließen Polen und kamen nach Deutschland – doch während Suzana und ihr Vater in Berlin nach und nach ein zu Hause fanden, blieb ihre Mutter Nina in Berlin stets eine Fremde. Und auch eine andere Erinnerung schwappt immer wieder an die Oberfläche.
Als wir noch in Warschau lebten, hat sie uns schon einmal verlassen. Zunächst hatte mein Vater keine Ahnung gehabt, wo sie steckte, hatte alle unsere Bekannten abtelefoniert sowie ihre Familie in Russland. Irgendwann rief ihre Schwester zurück und informierte uns, dass sie bei ihr in Archangelsk im Norden Russlands aufgetaucht ist, wo die Schwester mit ihrem Mann lebte. Es dauerte fast ein Jahr, bis meine Mutter zurückkam. Für meinen Vater schien die Sache mit ihrer Rückkehr erledigt gewesen zu sein. Ich war noch sehr klein und erinnere mich vor allem an ihre Abwesenheit und meine drängende Frage, warum sie nicht bei uns sein wollte, aber mein Vater versicherte mir, dass es nicht an mir lag. Bis heute zweifle ich, ob das so stimmte.
Melancholischer Grundton
Ninas erneutes Verschwinden und auch die anschließende Suche, die über den Großen Wannsee, den Platz der Luftbrücke in Berlin und das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen führt, ruft also viele Emotionen hervor.
Dabei gewinnen die Charaktere gerade durch ihre feinen Besonderheiten und das spielerische Miteinander an Nähe und man schließt sie beim Lesen schnell ins Herz. Trotz des eher melancholischen Grundtons des Romans schafft Hannah Mann immer wieder lustige und rührende Momente innerhalb der Familie, etwa, als die Suzana sich mit ihrer Suche an die Polizei wendet, diese aber erst einmal keinen Handlungsbedarf sieht und ihr Vater protestiert:
Hast du etwa die Wahrheit gesagt? Du musst lügen. Also, ich meine, übertreiben. Du übertreibst so stark, dass sie handeln müssen.
Hannah Mann sagt in einem Interview des Aufbauverlags, sie habe „erst zur Erkenntnis gelangen (…müssen…), dass sie trotz des Namens schreiben wollte und nicht deswegen.“
Nach der Lektüre ist klar: Diese Sorgen hätte es nicht gebraucht, Hannah Manns melancholisch-sanfte Erzählung und ihre lustigen Alltagsschilderungen sind Grund genug, das Buch zu lesen, auch ohne berühmten Namen.